Sars-Impfstoff in Aussicht - Kanadier suchen Beruhigung

14. April 2003, 17:19
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Im schwer betroffenen Toronto üben sich die Behörden in beruhigenden Maßnahmen, um eine Panik zu verhindern

Neben den asiatischen Gebieten ist Kanada mit bisher 13 Todesopfern und mehr als 280 Infizierten am meisten von den Folgen des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms (Sars) betroffen. Mit ein Grund für die dortigen Mediziner, energisch nach Abhilfe zu forschen.

Entwicklung eines Impfstoffs

Am Wochenende meldete das Michael-Smith-Genom-Zentrum in der Provinz British Columbia die Entschlüsselung der Erbmasse, mit der sich das Sars-Virus verbreitet. "Dies erlaubt es, spezielle antivirale Wirkstoffe zu finden, von denen es zugegebenermaßen noch nicht sehr viele gibt", sagte die Projektmanagerin des Zentrums, Caroline Astell. Jedenfalls sei man auf der Suche nach einem Impfstoff und damit der wirksamen Bekämpfung der Lungenkrankheit einen entscheidenden Schritt weitergekommen.

Kaum Vorsorge

Entgegen dieser Aufsehen erregenden Neuigkeit und den immer noch steigenden Infektionszahlen in Toronto verläuft das öffentliche Leben in der Stadt bemerkenswert ruhig. Den ersten Eindruck davon bekommen Einreisende am internationalen Flughafen: Nur einer der 18 diensthabenden Zollkontrollore trägt Mundschutz und Handschuhe. Nur wenige der angekommenen Passagiere beachten das Regal mit den Informationsblättern zu Sars.

Das Flughafenpersonal reagiert zurückhaltend auf die Frage nach speziellen Sicherheitsvorkehrungen: "Wir sind hier nicht Hauptbetroffene von Sars", erklärt einer der zuständigen Mitarbeiter knapp und schaut geschäftig durch die Halle: "Alles halb so schlimm."

Keine Schutzmasken

Reiseführer klären auf: Die Behörden seien bemüht, Touristen am Flughafen möglichst wenig mit Sars zu konfrontieren. Panik soll vermieden werden. Aus diesem Grund sei auch das Flughafenpersonal angehalten, auf Schutzmasken zu verzichten.

Jeder bewegt sich in der dreieinhalb Millionen Einwohner zählenden Stadt ungezwungen. Jeden Tag stellen sich Touristen vor den Aufzügen des CN-Towers an, um die Aussichtsplattform in 447 Meter Höhe zu erreichen. Schutzmaßnahmen innerhalb dieser Attraktion, die jährlich bis zu zwei Millionen Touristen anlockt? Keine einzige.

Auch hier winkt das Sicherheitspersonal ab. "Wir warten auf die offiziellen Anweisungen der Behörden." Diese wiederum sahen bisher keinen Grund, den Zugang zum CN-Tower wegen der Infektionskrankheit zu beschränken.

Selbst Premierminister Jean Luc Chretien demonstriert Gelassenheit. Er ist medienwirksam zum Abendessen nach Chinatown gegangen, um der Bevölkerung klar zu machen, dass von den dort lebenden Asiaten aus China oder Hongkong keine Gefahr ausgehe.

Die Auswirkungen dieser heimtückischen Krankheit machen sich erst auf den zweiten Blick bemerkbar: International reisende Geschäftsleute verschieben ihre Termine in Toronto auf unbestimmte Zeit, Touristen bleiben aus.

US-Gäste fehlen

Vor allem Gäste aus den USA fehlen in Toronto. Deren Vorsicht, lieber zu Hause zu bleiben, bringt den Reiseführern 25 Prozent Geschäftsrückgang; nach dem Terroranschlag vom 11. September ein weiterer Rückschlag.

Hygienebestimmungen

Die Sars-Krise wird sich aber schon sehr bald und sehr konkret in neuen Vorschriften bemerkbar machen. In der Provinz Ontario werden die Hygienebestimmungen verschärft. Nicht zuletzt, weil man in Toronto nach der Ursache sucht, warum sich die Lungenkrankheit vom Scarborough-Grace-Hospital ausgehend weiter in der Stadt verbreitete. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

Von Andrea Waldbrunner aus Toronto
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