Nahostexpertin Hollis im STANDARD-Interview: "Allein schaffen es die Amerikaner nicht"

15. April 2003, 10:18
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"Die arabische Welt steckt in einer doppelte Krise"

Standard: Bricht nach dem Fall Saddams eine demokratische Ära in der arabischen Welt an?

Hollis: Die arabische Welt steckt in einer doppelten Krise. Zum einen ist sie schockiert, weil Amerikas Militärmacht Saddam so schnell in die Knie zwang. Zum anderen droht den Herrschaftssystemen vieler arabischer Staaten der Kollaps. Der Ruf nach Reformen wird lauter. Doch wenn es Reformen gibt, dann enden sie nicht mit prowestlichen Demokratien.

Standard: Sondern mit einer neuen islamischen Revolution?

Hollis: Der Antiamerikanismus hat sich mit dem Irakkrieg verstärkt. Man brennt darauf, die Amerikaner wieder hinauszuwerfen. Das Gefühl verletzten Stolzes kann zu einer islamischen Radikalisierung führen.

Standard: Wer füllt das Machtvakuum im Irak?

Hollis: Amerika als militärischer Sieger steckt in einer Zwickmühle, in der es eigentlich nur verlieren kann. Dass die Iraker mitten im Chaos eine Regierung frei wählen, ist ein frommer Wunsch. Setzt Washington einen neuen Machthaber ein, würden die Iraker ihn als Marionette ablehnen. Ziehen die Amerikaner ab, wird man ihnen die Schuld am Chaos geben.

Standard: Wird der Irak aufgeteilt?

Hollis: Zunächst zerfällt das Land in alle nur denkbaren Fragmente. Die Dreiteilung Schiiten - Sunniten - Kurden ist zu simpel. Auch innerhalb der drei Gruppen gibt es viele Splitter. Da befehden sich Stämme, Sekten, Familien. Seit 1991, unter dem Einfluss des Embargos, sind zudem Mafiastrukturen entstanden.

Standard: Wie geht es weiter?

Hollis: So schnell wird der Zerfall nicht zu stoppen sein. In Bagdad geht es doch jetzt nur darum, das eigene Wohnviertel zu schützen. Bürgerwehren entstehen. Funktionieren die bald auch so wie die Mafiagruppen der Embargo-Profiteure? Müssen die Amerikaner dann mit der Mafia zusammenarbeiten? Nehmen Sie mal den Bürgerkrieg im Libanon (1975-1990). Dort herrschte anfangs die vereinfachte Sicht, das sei ein Konflikt zwischen Christen und Muslimen. Am Ende ging es darum, welche lokale Miliz welche Straßenecke kontrolliert.

Standard: Wie sieht der Lösungsansatz für den Irak aus?

Hollis: Die ganze Welt muss anerkennen, dass sie eine Verantwortung hat. Alle haben Saddam gegen Khomeini unterstützt und ihn groß gemacht. Jetzt steht die UNO in der Pflicht. Fürs Erste sollte man den Irak unter internationale Treuhandverwaltung stellen. Die Amerikaner sollten einen Rückzieher machen. Allein schaffen sie es nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

Frank Herrmann aus London
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