Finanzmärkte: Endstation Tikrit

14. April 2003, 17:15
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Seit 25 Tagen stehen die Märkte im Bann des Kriegs - Manche Börsenweisheit verlor ihre Gültigkeit - Eine Zwischenbilanz

Wien - Vor 25 Tagen begann der Krieg im Irak und er hat deutliche Spuren an den Börsen und am Ölmarkt hinterlassen. Einige alte Weisheiten wie "kaufen, wenn die Kanonen donnern" erwiesen sich nur als bedingt richtig. Bereits mitte März starteten die Börsenindizes ein kleines Kursfeuerwerk und erholten sich damit von den zu Jahresbeginn gesehenen Mehrjahrestiefs, der Ölpreis stürzte im Gegenzug ab. Die für Kriegsbeginn erwartete Kursrally wurde damit vorweg genommen.

Kurz nach Kriegsbeginn gaben die Börsen allerdings mit den Ängsten vor einer längeren Auseinandersetzung wieder deutlich nach und erholten sich erst wieder, als sich ein rascher Vorstoß der Alliierten auf Bagdad abzeichnete. Der Fall von Tikrit wurde von den Börsianern nur noch als "Draufgabe" gesehen, die Kurse starteten weitgehend stabil in die neue Woche. Analysten zufolge sei ein rasches Kriegsende nun bereits in den Börsen vorweg genommen und die schwierige konjunkturelle Lage rückt wieder in den Vordergrund.

Im Folgenden die Entwicklung der Märkte im Bann des Irak-Kriegs im Detail:

  • 20. März: Während auf den Irak die ersten Bomben fallen, zeigt sich die Börsenwelt vorerst unbeeindruckt. Der DAX in Frankfurt schließt nach fünf festen Handelstagen um 0,40 Prozent schwächer bei 2.604,85 Punkten. Der Dow Jones steigt leicht um 0,26 Prozent. Die zuvor erwartete Rally bei Kriegsbeginn blieb damit vorerst aus. Der Ölpreis gibt hingegen erwartungsgemäß deutlich nach. In London fällt der Preis des Terminkontrakts für ein Barrel (159 Liter) Brent (Mai-Lieferung) um 4,67 Prozent auf 25,50 Dollar.
  • 21. März: Nach dem Überraschungsschlag zur "Enthauptung" der irakischen Führung setzen die USA und Großbritannien mit massiven Luftschlägen nach. Die Börsen honorieren die Angriffe. Der DAX steigt um 4,23, der Dow Jones um 2,84 Prozent. Der Londoner Öl-Future gibt noch einmal um 4,51 Prozent nach.
  • 24. März: An der Front läuft es nur stockend, was auch die Börsen nervös macht. Die Ängste vor einer längeren Auseinandersetzung stoppen die Börsenrally abrupt. Der DAX stürzt um 6,14 Prozent ab, der Dow Jones verliert 3,61 Prozent. Der Ölpreis steigt dafür um gut sieben Prozent.
  • 25. März: In der Wüste tobt der Sandsturm und behindert damit den Vormarsch der US-Truppen, der DAX legt dennoch um 3,44 Prozent zu, auch der Dow Jones tendiert fest. Der maßgebliche Ölfuture der Londoner Terminbörse sinkt um 4,91 Prozent.
  • 26. März: US-Präsident George W. Bush schwört die Bevölkerung auf einen langen Krieg ein. Die Ängste vor einer längeren Auseinandersetzung bescheren dem DAX ein Tagesminus von 2,15 Prozent.
  • 27. März: Die Verunsicherung an den Börsen hält an. "Die Angst vor einem längeren Krieg im Irak lähmt die Märkte", sagt ein Aktienhändler. Der DAX schließt um 0,18 Prozent höher. Der Ölpreis steigt wieder an, am Londoner Terminmarkt gewinnt der Ölfuture 6,05 Prozent.
  • 28. März: Berichte über die Entsendung weiterer 100.000 US-Soldaten schüren Ängste vor einem längeren Krieg: Der DAX fällt um 2,45 Prozent. Binnen Wochenfrist hat der Index damit 7 Prozent verloren.
  • 31. März: Die Zweifel an der US-Kriegsstrategie bescheren den Börsen weitere Verluste, der DAX verliert über 3 Prozent. Der Öl-Future in London steigt um 3,15 Prozent.
  • 2. April: Nachrichten über erfolgreiche Vorstöße der alliierten Truppen in Richtung Bagdad und die Befreiung einer US-Soldatin bringen einen Stimmungsumschwung an den Börsen. Der DAX setzt mit den Hoffnungen auf ein rasches Kriegsende zum Höhenflug an und gewinnt 5,68 Prozent, der Dow Jones legt 2,67 Prozent zu. Der Öl-Future in London fällt um 4,36 Prozent.
  • 4. April: Die US-Truppen kontrollieren den Flughafen in Bagdad. Der Dax lebt noch einmal kräftig um 3,28 Prozent zu. Der Londoner Ölfuture verliert 3,22 Prozent.
  • 7. April: US-Truppen erreichen die Innenstadt von Bagdad. Der Jubel an der Deutschen Börse hält an, der DAX gewinnt 5,84 Prozent auf 2.808,94 Punkte - der höchste Stand seit Kriegsbeginn.
  • 9. April: US-Truppen besetzen ohne Widerstand große Teile Bagdads. Nach anfänglicher Euphorie drehen die Börsen aber ins Minus. Der DAX verliert 1,22 Prozent, der Dow Jones büßt 1,22 Prozent ein. Der Ölfuture legt um 2,64 Prozent zu.
  • 14. April: US Marines sind in Tikrit, der Heimatstadt von Saddam Hussein, einmarschiert. Die Börsen wenden sich Analysten zufolge aber wieder stärker Unternehmensergebnissen und Konjunkturdaten zu, nachdem für Wochen der Irak-Krieg alles überschattet hat. (APA/dpa)

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    montage: derstandard.at
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