Reportage aus Bagdad: Niemand weiß, wohin die Gefangenen verschwunden sind

14. April 2003, 16:18
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Als das Regime Saddam Husseins unterging, öffneten sich die Gefängnistore. Viele Gefangene sind jedoch noch nicht zurückgekehrt

Einige haben mit Punkten gezählt, andere mit Strichen. Die winzigen Zellen sind voller Inschriften, unten am Fußboden, um die Tür herum, an der Decke. In diesen dunklen Räumen, in die nie das Tageslicht drang, haben unzählige Gefangene versucht, einen Überblick über ihr Dasein zu behalten, indem sie einen Strich oder Punkt in die Wand kratzten, wenn ein neuer Tag begann. Einige saßen zu sechst in der nur wenige Quadratmeter großen Zelle, andere allein. Einige Zellen sind rot gestrichen, damit die Augen nie zur Ruhe kommen, andere sind weiß. Wo die Gefangenen mit Strichen die weiße Farbe weggekratzt haben, kommt das Rot wieder zum Vorschein, als hätten sie mit Blut geschrieben.

"Verzweifle nicht, Allah ist dir eine Stütze", steht da mit blutroten Buchstaben. "Ich gebe Saddam Hussein mein Herz. Allah beschütze mich", ist an einer anderen Stelle zu lesen. "An meine geliebten Kinder Safar, Ali und Marwa. 19.7.1990", ist in eine Wand gekratzt. Kreuz und quer über die unzähligen Systeme aus Strichen und Punkten laufen Küchenschaben, schwarz und blitzschnell.

Wir befinden uns in einer der Verhörzentralen der Geheimpolizei Mukhabarat. Hier in Hakimiya im Al-Ziwiya- Viertel von Bagdad saßen die "Politischen". Kurz bevor das Bombardement begann, wurden die Gefangenen verlegt. Niemand weiß, wohin.

Verzweifelte Angehörige suchen jetzt die Gefängnisse auf, um in Papieren Spuren ihrer geliebten Verwandten zu finden oder zumindest ein Zeichen an der Wand. Eine Gruppe versuchte, mit Äxten und Stangen eine massive Eisentür aufzubrechen. Sie glaubten, dass das der Weg zu einem unterirdischen Gefängnis sei.

"Es heißt, es hätte hier eine unterirdische Abteilung gegeben. Vielleicht sind sie ja lebendig begraben worden, als ihre Wärter das Weite gesucht haben. Vielleicht atmen sie ja dort unten noch immer", sagt Mudhafer, der seinen Bruder sucht. Adnan wurde vor drei Jahren verhaftet. Mudhafer unterbricht die Axtschläge. "Sie haben ihn eines Tages einfach aus seinem Laden mitgenommen. Sie sagten, er sei ein Feind des Regimes. Wir wissen nichts. Nur dass sie ihn hierher gebracht haben."

Ein Bub sucht nach Spuren seines Vaters. Der wurde 1994 unter der Beschuldigung, gegen das Regime zu konspirieren, festgenommen. Shabir ist einer der wenigen, der sein weiteres Schicksal kennt: Er wurde ein paar Monate nach seiner Festnahme begraben. Die Familie wurde aufgefordert, die Leiche abzuholen. Die Geheimpolizei behauptete, er sei an Herzversagen gestorben. "Ich will sehen, wo er die letzte Zeit seines Lebens verbracht hat", sagt Shabir. "All die Jahre dachte ich daran, wie sehr er gelitten hat."

Mit einer Taschenlampe geht Shabir durch die engen Gänge. Es gibt keine Fenster und kaum Belüftung. Die Zellen stinken nach Exkrementen, Erbrochenem und Schimmel. Mehrere sehen so aus, als seien sie überstürzt und unmittelbar nach dem Austeilen des Essens verlassen worden. In vielen Zellen liegen zwei Eier auf einem Teller, in einigen nur noch die Eierschalen. Alles andere ist zusammen mit den Gefangenen verschwunden. Es gibt weder Decken noch Kissen, nur einen Abfluss im Fußboden.

Am Ende des Korridors fanden die Verhöre statt. Eine Augenbinde liegt auf dem Fußboden sowie Stoffstreifen, um damit Arme und Beine am Boden zu fesseln. Kabel sind überall verstreut. Die Verhörzimmer befinden sich in völligem Chaos, auch das Gefängnis ist in den letzten Tagen geplündert worden. Alle Schubladen sind ausgeleert, und Papiere liegen auf dem Boden verstreut. Ein Schrank mit Kassetten ist leer, nur noch die Hüllen sind da. Akten liegen im Schmutz. Aus einem Gewirr aus Kabeln schaut ein Damenschuh hervor.

Einer der wenigen

Auf dem Platz vor dem Gefängnis steht Sabab Muwafak mit den Händen in den Hosentaschen und starrt auf das Gebäude. "Hier habe ich drei Monate gesessen. Ich bin einer der wenigen, die wieder rausgekommen sind. Ich wurde beschuldigt, einer politischen Organisation anzugehören, von der ich nicht einmal gehört hatte. Ich wagte nicht, daran zu glauben, dass ich überleben würde. Sie haben mich mit den Armen an einen Deckenventilator gehängt und kreisen lassen, bis ich bewusstlos wurde. Dann haben sie mich geschlagen und mir Elektroschocks verpasst. Sie haben mir beide Arme gebrochen. Das war furchtbar, ich hätte nie geglaubt, dass ich rauskommen würde."

"Die meisten, die hierher gebracht wurden, kamen nie wieder raus. Einige wurden gehenkt und verscharrt. Die Leichen von anderen wurden einfach nachts vor die Haustüren ihrer Familien geschmissen. Andere wurden in andere Gefängnisse verlegt und waren dort bis zu ihrem Tod", erzählt mir ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Wie viele andere fürchtet er, dass das alte Regime noch nicht ganz am Ende ist.

Saddam mit Zigarre

Am Stadtrand von Bagdad liegt das gefürchtete Gefängnis Al Gharaib. Die hohen Mauern sind mit Porträts von Saddam Hussein verziert. Sie sind von Kugeln durchsiebt, die Augen, die Nase. Bei einigen ist das ganze Gesicht weg, andere sind geschwärzt. Die Mauer hat mehrere große Löcher von Bomben und Raketen, die in der Nähe explodiert sind. Der Gefängniskomplex ist mehrere Quadratkilometer groß. In fabrikähnlichen Gebäuden ist eine Zelle neben der anderen. Jeder Bau hat einen riesigen Speisesaal mit Bänken und Tischen aus Beton, die in den Boden eingemauert sind. Das einzig Farbige ist das ebenfalls eingemauerte Porträt von Saddam Hussein am Ende des Saals. Der Präsident sitzt mit einer Zigarre im Mundwinkel da und lächelt zufrieden. Ein Hohn für die Insassen, die sich oft mit einer Schale Reis, etwas Brot und Wasser begnügen mussten.

Auch nach Al Gharaib kommen Leute um nach ihren Angehörigen zu suchen, obwohl die meisten Gefangenen freigelassen wurden, als Saddam Hussein letzten Herbst vor den Wahlen eine Amnestie erließ.

Seile an der Decke

Ein Mann irrt von Haus zu Haus, von Korridor zu Korridor. Er sucht einen Geheimkeller, von dem er glaubt, dass dort sein Bruder sitzt. "Abbas ist jetzt schon achtzehn Jahre lang weg. Er war zwanzig, als ihn die Geheimpolizei aus der Universität abholte. Sie warfen ihm vor, Mitglied der Dawa-Partei zu sein", erklärt Najib. Die Dawa-Partei wurde von den religiösen Führern der Schiiten gegründet und von Saddam Husseins Regime nach Kräften unterdrückt. "Als wir zur Mukhabarat gingen, um nach ihm zu fragen, sagten sie nur, es sei das Beste für ihn, wenn wir ihn nie mehr erwähnen würden. Wenn wir noch einmal nach ihm fragen würden, drohten sie uns an, uns ebenfalls festzunehmen. Achtzehn Jahre lang hat meine Mutter geweint, achtzehn Jahre lang haben wir uns gefragt, wo er ist. Jetzt werde ich ihn finden", sagt Najib entschlossen und setzt seine Suche fort, in Zellen, Speisesälen und geplünderten Büros. Er sucht nach dem Zugang zum Geheimkeller.

Statt dessen findet er etwas anderes. In einem Haus ist ein fast leeres Zimmer. Eine Treppe führt auf ein Podest aus Stein. An der Decke hängen zwei Seile, auf dem Boden liegen zwei Schlingen. Unter den Seilen befindet sich eine Öffnung mit zwei Klappen. Schiebt man einen Bolzen zur Seite, fällt der mit der Schlinge um den Hals ins Nichts.

Rasch geht Najib wieder in die Sonne. Er schaut noch kurz in einen Korridor, in dem dicht an dicht eine winzige Zelle neben der anderen liegt. Die Zellen für die Todeskandidaten. In einem Raum im selben Gebäude liegen Kabel und Stöcke.

"Ich muss den geheimen Eingang finden. Dort sitzt Abbas, da bin ich mir ganz sicher", sagt Najib und geht weiter.

Wir trennen uns von Najib und dem Al Gharaib-Gefängnis und lesen noch einmal die Inschrift über dem Hauptportal: "Es gibt kein Leben ohne die Sonne. Es gibt keine Würde ohne Saddam Hussein." (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

In Folterkammern wurden überall im Irak unter Saddam Hussein Menschen misshandelt und ermordet. Als das Regime unterging, öffneten sich die Gefängnistore. Viele Gefangene sind jedoch noch nicht zurückgekehrt. In den Zellen ist einiges über das Schicksal der Verschwundenen zu erfahren.

Åsne Seierstad aus Bagdad
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    Der Kalender eines Gefangenen

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