Banales Kreuzungsgeschehen

14. April 2003, 17:00
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Meine Schwester schaut aus dem Fenster. Dann seufzt sie. Normalerweise ist so was wurscht. Aber ...

... meine Schwester ist Bezirksrätin. Und wenn sie bei mir aus dem Fenster schaut und seufzt, weil sie auf eine der angeblich - als Bezirksrätin weiß man so etwas - unfallträchtigsten Kreuzungen der Stadt schaut, bekommt das Seufzen Bedeutung. Ganz egal, wie hämisch ich sonst ihr gegenüber über die Relevanz der demokratisch institutionalisierten Gschaftlhuber in den Bezirksparlamenten herziehe.

Das Seufzen hat nämlich fraktionsinterne, bezirkspolitische, verkehrsplanerische und - langfristig gesehen - vielleicht sogar versicherungstechnische Relevanz. Vier Stockwerke unter meinem Fenster ist eine T-Kreuzung. Ein Zebrastreifen, Bushaltestelle. Und Parkplätze. Früher, vor den Busstationsohrwascheln, hielten die Busse auf gleicher Höhe. Der Verkehr floss weiter. Dann kamen die Ohrwascheln. Standen zwei Busse, stand die Gumpendorfer Straße. Stand ein Bus, stieg man aufs Gas und preschte am Bus vorbei: Kein vernünftiger Fußgänger glaubt an das Überholverbot vor oder auf Zebrastreifen. Und dass Autofahrer dort bei Bedarf anhalten würden, glauben ja nicht einmal Führerscheinprüfer.

Sportliche S-Kurven

Darum wurde eine Bushaltestelle verlegt. Hinter die Querstraße. Hinter den Zebrastreifen. Die Autofahrer freuten sich: man steigt eben mit Blick auf den Zebrastreifen aufs Gas, hofft, dass einem keiner entgegen kommt - und fährt eine schicke S-Kurve um den Bus. Sieht oft auch noch sportlich aus. Dort, wo früher der Bus hielt wird jetzt geparkt.

Der Haken: Seit der Stationsverlegung sieht keiner, der aus der Querstraße herauskommt, ob er wirklich rausfahren kann. Egal, wie langsam und vorsichtig: Dort, wo man an den geparkten Autos vorbei den Verkehr sehen könnte, ist es zu spät. Und der, der einem die Motorhaube abrasiert, hat auf alle Fälle Vorrang und Recht - aber auch kaum eine Chance auszuweichen, wenn ihm noch einer entgegen kommt: Ortskundige rollen deshalb mitunter mit eingelegtem Retourgang in die Kreuzung ein. Aus dem vierten Stock aus schaut das lustig aus. Aus der Fahrer- oder Beifahrerperspektive am Boden eher nicht.

Darum seufzt meine Schwester, wenn sie bei mir zehn Minuten aus dem Fenster schaut und dabei drei "Near Misses" protokolliert: Ihre Fraktionsfreundin - meine Bezirksvorsteherin - behauptet nämlich, dass hier ohnehin keine Unfälle passieren würden. Es käme bloß häufig zu "gefährlichen Situationen". Meine Schwester aber sagt, dass in den Statistiken nur Unfälle mit Personenschaden aufscheinen - der monatliche Blechschaden (mal mit, mal ohne Polizei, mal mit mal ohne Feuerwehr, aber glücklicher Weise fast immer ohne Rettung) existiert damit nicht. Und - das sagt meine Schwester nicht, ich unterstelle es - es ist einfach hübscher, wenn ein Bezirkspolitiker seinen Bezirk "sicher" nennen kann.

Wertvolles Gut

Tun, bedauert meine Schwester unisono mit der Bezirksvorsteherin, könne man aber sowieso nix. In Wien seien Spiegel an Kreuzungen nämlich verboten. Ein schlauer Autofahrer habe nämlich - erfolgreich - geklagt, weil er in einem (verdrehten) Spiegel seinen späteren Unfallpartner nicht gesehen habe. Und die Bushaltestellen zurück verlegen gehe auch nicht: Das koste Parkplätze. Ein wertvolles Gut.

Ich setze jetzt halt auf den Faktor Zeit: Vier Stockwerke unter meinem Fenster ist nicht nur die kleine Kreuzung, sondern auch ein Schanigarten. Irgendwann wird einer beim Ausweichen einer Motorhaube einen Tisch samt Gästen erwischen. Vorher werde ich aber noch ein paar Freunden den Tipp geben, wo sie für mit ihre alten Rostlauben noch ein paar Versicherungseuros abstauben können.

Nachlese

--> Der Mitesser
--> Gratis parken
--> Sternmarsch
--> Wie bei Oma
--> Indien

--> Ein Geschenk
--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby

--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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