Plappermaul, Plaudertasche, Profi-Tool

15. April 2003, 13:44
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Er ist der Kermit des Internets: Jabber, das Online-Plauderprogramm, spricht alle Instant-Messaging-Sprachen

"Zeit für eine Kaffeepause?", "Na klar! In 15 Minuten?", "Perfekt, ich hol' dich ab!" Millionen Internetnutzer jagen täglich Dialoge wie diesen von Computer zu Computer. Nicht per E-Mail, sondern per Instant-Messaging (IM), der Telegrammversion der elektronischen Post. Kurze Mitteilungen - bei elaborierteren Versionen auch Bilder, Textdateien und Videos - werden damit von einem Bildschirm zum anderen übermittelt.

Eine Frage des Protokolls

Die Nachrichten blinken direkt am Monitor auf, in einem zusätzlichen Fenster sieht man auf einen Blick, welche Freunde oder Kollegen auch gerade online sind. Die meisten IM-Anwender benutzen für ihre Chats die Programme von Microsoft (MSN Messenger), AOL Time Warner (ICQ) oder Yahoo! (Yahoo! Messenger). Für die plaudersüchtigen User wird die Wahl zwischen den Programmen aber mitunter zur Qual, denn die Systeme der Anbieter sind nicht kompatibel. Wer sich bei ICQ registriert kann nicht mit MSN-oder Yahoo!-Messenger-Nutzern chatten und umgekehrt. Und irgendein Freund ist garantiert immer beim "falschen" Dienst. Wer mit allen in Kontakt bleiben will, muss sich also überall registrieren und sich an einen von bunten Icons und Fensterchen übersäten Bildschirm gewöhnen. Oder aber zu einem "Universal Messenger" wechseln, der mit mehreren Chatprogrammen kommunizieren kann.

Jabbern

Wie zum Beispiel Jabber. Jabber wurde vor fünf Jahren von dem Programmierer Jeremie Miller als Open-Source-Projekt aus der Taufe gehoben. Miller stellte den von ihm geschriebenen Programmcode ins Netz und rief die Entwicklergemeinde auf, daraus einen Messenger zu kreieren, der mit allen bedeutenden IM-Anwendungen kompatibel ist.

Innerhalb weniger Monate machten sich rund um den Globus Tausende Freiwillige ans Werk und bastelten an Versionen für diverse Betriebssysteme. Das Open-Source-Projekt florierte und machte sehr bald nicht nur Freunden freier Software Freude, sondern erregte auch das Interesse der Softwareschmiede Webb Interactive Services (Webb): Zum Ersten ist Jabber in der Internetprogrammiersprache XML (Extensible Markup Language) verfasst, die als Universalsprache für die nächste Generation von Webanwendungen gilt. Das verhilft Jabber zu einer Reihe von Vorteilen gegenüber den Wettbewerbern. So läuft Jabber etwa nicht über einen zentralen Server, sondern über beliebig viele lokale.

Software erweitert

Die Software lässt sich außerdem um verschiedene Funktionen erweitern - zum Beispiel Dateiübertragung von einem Messenger zum anderen oder das simultane Bearbeiten eines Dokuments - ohne die Kompatibilität zu anderen Jabber-Anwendungen zu gefährden.

Zum Zweiten registrierte man bei Webb Ende der Neunziger einen neuen potenziellen Klientenkreis für IM-Services: die Unternehmenskunden. Die Firmen suchten zunehmend nach Programmierern, die ihnen helfen sollten, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Messenger zu entwickeln. Mit dem XML-basierten Jabber ist das kein Problem. Vor allem der Sicherheitsaspekt spielt für Unternehmen eine wesentliche Rolle. Jabber ermöglicht es ihnen, die Kommunikation über ihren eigenen, nach außen hin abgeschotteten, Server laufen zu lassen. Konferieren die Mitarbeiter hingegen über die öffentlichen Anwendungen der Konkurrenten, schwirrt jede - noch so interne - Mitteilung über deren zentrale Server.

Erfolg

Die im März 2000 gegründete Webb-Tochter Jabber Inc. zählt mittlerweile weltweit rund drei Millionen zahlende Kunden - darunter klingende Namen wie Bell South, France Télécom, Gruner+Jahr, Hewlett-Packard oder die Walt Disney Internet Group. 2002 setzte das Unternehmen immerhin viereinhalb Millionen US-Dollar um und rechnet in diesem Jahr mit dem Breakeven.

Glaubt man den Einschätzungen der Marktforscher, hat Instant Messaging den Aufstieg vom Teenager-Spielzeug zum ernst zu nehmenden Kommunikationswerkzeug so gut wie geschafft. Osterman Research etwa hat errechnet, dass bis 2007 praktisch alle Unternehmen IM-Anwendungen einsetzen werden. Dieses Potenzial wollen sich auch die IM-Platzhirsche nicht entgehen lassen und basteln alle heftig an Firmenlösungen.

Dankbar

Doch bisher haben lediglich IT-Firmen wie Sun oder Lotus Unternehmensmessenger. Die seit langem angekündigten Anwendungen von Microsoft, AOL Time Warner und Yahoo! sind noch nicht am Markt. Die Manager von Jabber Inc. wissen genau, dass die Entwicklung einer solchen Lösung nicht von heute auf morgen zu realisieren ist - und wem sie ihren Erfolg zu verdanken haben: "Ohne die Open-Source-Leute hätten wir es nie so weit gebracht", sagt der Vorstandsvorsitzende Rob Balgley: "Dank der freien Programmierer konnten wir einige Entwicklungsphasen überspringen, sodass wir den Wettbewerbern ein paar Schritte voraus sind." (Michaela Streimelweger / DER STANDARD Printausgabe, 14. April 2003)

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