Fußball und andere Simulationen

14. April 2003, 11:30
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Der Ball ist rund. Das steht längst fest und muss nicht erst bewiesen werden. Hannes Werthner hat früher selbst gekickt und ist nun einer der profiliertesten Vordenker in Sachen Simulation, Künstliche Intelligenz, E-Business

Chips werden kleiner und kleiner, können immer mehr und kosten immer weniger. Damit scheint fix, dass die schlanken Siliziumscheiben bald an Stellen zum Einsatz kommen, an die bisher kaum jemand gedacht hat: eingenäht in den Hemdkragen, in der Hose platziert, in die Brillenfassung integriert, vielleicht sogar als Transplantat unter der Haut. Und wozu das Ganze? "Zur Erleichterung des Lebens und für mehr Sicherheit", sagt Hannes Werthner.

Der geborene Güssinger hat in seiner Sturm-und-Drang-Zeit für den SV Oberwart gestürmt, dann im Mittelfeld gespielt und in der Verteidigung fußballerisch ausgedient. Jetzt interessiert ihn anderes mehr, zum Beispiel Simulationen.

Werthner, der sich 1994 mit einer Arbeit über "Simulation and Qualitative Reasoning" in angewandter Informatik an der Uni Wien habilitiert hat, gilt auch als Vordenker in Sache E-Business. Er ist erfahren im Erstellen von Algorithmen und ein Fan von AI. Diese beiden Buchstaben stehen für Artificial Intelligence.

Chip unter der Haut

Werthner demonstriert bisher nicht genutzte Möglichkeiten für den Einsatz von Chips am Beispiel eines Menschen mit hohem Herzinfarktrisiko. In einer intelligenten Umgebung sollte es mit UMTS oder Wireless LAN möglich sein, Herzsignale jederzeit und direkt an den zuständigen Arzt zu übertragen mit dem Effekt, dass eingeschritten werden kann, bevor es zum Infarkt kommt.

Im Kompetenzzentrum EC3 auf der Wiener Donauplatte (siehe Wissen), dessen Gründer und Vorstand Werthner ist, wird an der Beseitigung von Hürden gearbeitet, die der Umsetzung solcher Technologien im Weg stehen. Weil Brüssel im sechsten EU-Rahmenprogramm Geldmittel für solche Zwecke eingeplant hat, rechnet sich Werthner gute Chancen auf Kofinanzierungen aus. Die Projektunterlagen des "Network of Excellence" will er bis Ende April einreichen. Titel: "Ambient Organisation". Forschungsziel ist es, zu erkunden, wie sich Organisationen unter verstärktem Einsatz neuer Medien verändern.

Ein zweites Projekt, für das man EU-Fördermittel haben möchte, heißt "I-Tourism", wobei das "I" für Innovation, Integration, Intelligenz und Informatik steht. Arbeitsschwerpunkt ist der mobile Informationsaustausch mit Touristen, entweder über Mobiltelefon oder Taschen-PC (PDA). Werthner: "Angenommen, ich bin in Innsbruck, habe ein Handy oder einen PDA eingesteckt und gehe an Sehenswürdigkeiten vorbei wie dem Goldenen Dachl oder dem Andreas-Hofer-Denkmal, dann werde ich sozusagen im Vorübergehen informiert, was es damit auf sich hat."

Es seien aber auch andere Anwendungen vorstellbar. "Wenn ich für einen Wien-Trip von zu Hause aus einen Heurigenbesuch samt Übernachtung, zwei klassischen Konzerten und Reservierungen in drei verschiedenen Restaurants buchen möchte, ist das nicht möglich." Damit das funktioniert, sei eine andere Art der Vernetzung notwendig. Werthner: "Es muss so sein, dass ich auf Mausklick ein sofort buchbares Angebot bekomme."

Das mit dem Tourismus sei ihm einfach "passiert", sagt Werthner. "Mein Hintergrund ist Simulation und Artificial Intelligence. Da probiert man halt viel, und der Tourismus ist prädestiniert für den Einsatz neuer Medien." Weil er immer schon an einer praktischen Nutzung wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse interessiert gewesen sei, habe "das eine das andere ergeben". Ein Ausfluss davon sei ein Konzept für die Tourismus-Website tiscover.com gewesen, die inzwischen aus dem Tourismusalltag kaum mehr wegzudenken ist.

Chip in Trient

Seit 2,5 Jahren ist Werthner auch Leiter des e-Commerce and Tourism Research Lab (eCTRL), einer gemeinsamen Forschungsgruppe des IRST (istituto di ricerca scientifica e technologica) und der Universität Trient. Das IRST, das rund 200 Forscher versammelt und von der Provinz Trient finanziert wird, verfolgt ein ähnliches Ziel wie das EC3 in Wien. Bei einigen EU-Projekten arbeitet man auch eng zusammen. "Es gibt durch meine Tätigkeit in Wien und Trient gewisse Synergien", formuliert Werthner. Weil er seit Oktober 2000 auch noch Professor für E-Commerce und Informatik an der Uni Trient ist, verbringt er durchschnittlich drei bis vier Tage in der oberitalienischen Stadt, den Rest der Woche auf der Wiener Donauplatte im EC3 oder anderswo in Workshops oder Vortragsveranstaltungen.

"Urlaub ist dann, wenn ich 15 Bücher zusammenpacken, wegfahren und lesen kann", sagt Werthner. Das sei in letzter Zeit aber eher selten der Fall gewesen. Die spärliche Freizeit geht manchmal für ein Fußballspiel drauf, aber nicht mehr auf dem Rasen wie früher, sondern vor der Mattscheibe.

Nicht gut findet Werthner, dass die Forschung in Österreich auf drei Ministerien aufgeteilt und noch immer Gegenstand der Tagespolitik ist. In Finnland etwa sei auch die Forschungsfinanzierung anders und besser geregelt. "Die Forschung ist in Finnland aus dem politischen Tagesgeschäft herausgelöst und es gibt mehrjährige Budgets. Die Resultate können sich sehen lassen." (Günther Strobl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 4. 2003)

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