"Unser kulturelles Erbe ist weg"

13. April 2003, 23:07
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Irakisches Nationalmuseum geplündert, 170 000 Exponate fehlen oder zerstört, Gesetzestafel des Hammurabi verschwunden

Der kulturelle Kollateralschaden des Krieges ist unermesslich: Das irakische Nationalmuseum wurde geplündert. 170.000 Exponate fehlen oder sind zerstört, auch die Gesetzestafel des Hammurabi ist verschwunden.


Die Scherben von Glasvitrinen und antiker Töpferkunst sind alles, was von den wertvollen Sammlungen des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad übrig ist. Nach dem Untergang des Regimes von Saddam Hussein haben Plünderer das Museum gestürmt, ungehindert von den US-Truppen in der irakischen Hauptstadt. Sie raubten goldene Schalen, Begräbnismasken, Tontafeln, Schmuck und mit Juwelen besetzte Lyren - einzigartige Handwerkskunst aus dem alten Mesopotamien. Mindestens 170.000 Exponate seien entweder geplündert oder zerstört worden, schätzt die stellvertretende Museumsdirektorin Midal Amin. "Unser gesamtes kulturelles Erbe ist weg."

"Das ist das Eigentum dieser Nation und der Schatz von 7000 Jahren Zivilisationsgeschichte", sagt der Museumsangestellte Ali Mahmud mit bebender Stimme. "Weiß dieses Land eigentlich, was es da tut?" Der größte Teil der Plünderungen geschah bereits am Donnerstag, als US-Truppen Bagdad besetzten. Hilflos musste der Wachmann mit ansehen, wie Horden von Menschen mit Schubkarren in das Museum eindrangen und alles raubten, was einen Wert zu haben schien.

Die US-Truppen hätten ihre Bitte um Schutz ignoriert. "Die Amerikaner hätten das Museum schützen sollen. Wenn sie nur einen Panzer und zwei Soldaten abgestellt hätten, dann wäre so etwas nie passiert. Sie wissen, dass das ein Museum ist. Sie schützen das Erdölministerium, aber das kulturelle Erbe nicht", schimpft Midal Amin.

Aus Sorge um die ihnen anvertrauten Schätze hatten die Museumskuratoren schon vor dem Krieg die kostbarsten Gegenstände in Tresorräume gebracht. Aber auch diese seien aufgebrochen und ausgeraubt worden, berichten die Museumsangestellten. "Die Tatsache, dass die Tresore geöffnet wurden, deutet darauf hin, dass Mitarbeiter des Museums beteiligt gewesen sein könnten", sagt ein Angestellter. "Für gewöhnliche Leute sind das nur Steine. Nur die Gebildeten kennen den Wert dieser Stücke."

Zu den bedeutendsten Stücken des Museums gehörte die Gesetzestafel des Herrschers Hammurabi, der von 1728 bis 1668 v. Chr. in Babylonien regierte. Was aus dieser ältesten Rechtssammlung der Menschheit geworden ist, ist unbekannt. Vermutlich für immer verschwunden sei die Statue der Gottheit Ram, die um 2600 v. Chr. in Ur entstanden sei, erklärt der US-Historiker Gordon Newby von der Emory-Universität in Atlanta.

Für das Bemühen um das Verständnis der Vergangenheit sei dies eine Katastrophe, beklagt Newby. Der Kunsthistoriker John Russell vom Massachusetts College of Art pflichtet bei: Verloren seien "die grundlegenden Ecksteine der westlichen Zivilisation". Die geraubten Schätze seien so kostbar, dass sie keinen Preis hätten - was aber vermutlich nicht verhindern werde, dass sie auf dem Schwarzmarkt für Antiquitäten verschachert würden. Der Wissenschafter vermutet, dass Gegenstände aus Gold eingeschmolzen werden könnten. Die meisten anderen Objekte würden wohl ihren Weg in private Sammlungen finden. Auch die Innsbrucker Archäologin Helga Trenkwalder, die Mitte März von Grabungen aus dem Irak zurückgekehrt ist, befürchtet dies.

Die Aussichten auf ihre Wiederentdeckung seien gering, schätzt Russell. Der US-Professor Samuel Paley hat jahrelang versucht, 1991 geraubte assyrische Reliefs aus dem nordirakischen Nimrud zu finden. Vergebens. Er vermutet, dass diese Objekte einfach weggeworfen worden sind, weil sie keinen Käufer gefunden haben. Dies könnte vielen Exponaten aus dem Nationalmuseum auch blühen.

Damit nicht noch mehr Unheil geschieht, hat die Unesco die USA und Großbritannien inzwischen schriftlich aufgefordert, die irakischen Kulturgüter zu schützen. (AP, DER STANDARD, Printausgabe vom 14.4.2003)

Von
Hamza Hendawi
aus Bagdad
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