Ernüchterung

16. April 2003, 15:04
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Auch nach der Beseitigung von Saddam Husseins Regime darf man Fragen stellen - Von Gudrun Harrer

Die berechtigte Erleichterung darüber, dass Bagdad weit gehend kampflos gefallen ist und dass sich Iraker und Amerikaner den prognostizierten Häuserkampf erspart haben, ist teilweise der Ernüchterung gewichen - und das nicht nur bei den üblichen Defätisten, die immer schon gegen den Krieg waren. Die US-Bodenarmee war - mangels Gegenwehr - stark genug, Bagdad einzunehmen; sie ist es nicht, um Plünderung, Zerstörung, Anarchie zu verhindern und den normalen Irakern, um derentwillen dieser Krieg doch angeblich auch geführt wurde, Schutz zu bieten. Oder ist sie nicht willens?

Die Plünderung des irakischen Nationalmuseums, das von den Invasionstruppen in keiner Weise gesichert wurde, lässt zwei Schlüsse zu: Entweder haben die USA mit solchen Vorfällen nicht gerechnet - das heißt, sie haben nicht auf die entsprechenden warnenden Stimmen gehört. Das ist sehr schlecht. Oder aber es ist ihnen egal. Und das ist noch schlechter.

Iraks nationales Erbe gehört eben nicht zu den US-Interessengebieten. Man würde den USA das verzeihen - wäre nicht der einzig wohl behütete Ort in Bagdad das Ölministerium, ein fataler Eindruck, ebenso, dass der zukünftige US-Gouverneur, Jay Garner, das Chaos auf Bagdads Straßen herunterspielt. Dass im Süden längst Schiitengruppen begonnen haben, einander umzubringen, scheint auch niemanden zu interessieren.

Dass da einiges überkochen würde, wenn der Deckel einmal abgenommen ist, war klar. Was in den Irakern heute psychologisch vorgeht, wissen sogar diejenigen, die das Dritte Reich erlebt haben, nur annähernd - im Irak haben die tausend Jahre immerhin 35 gedauert. Ein 40-jähriger Iraker kann sich nicht an die Zeit vor dem Baath-Regime erinnern.

Entsprechend ihren Lebensumständen, ihrer Schul- und Herzensbildung, ihren Wünschen und Aspirationen müssen die Menschen nun diese völlig neue Situation bewältigen. Die einen, die vielleicht gestern noch auf Saddams organisierten Demonstrationen marschiert sind, plündern - teilweise wahrscheinlich sogar aus Not. Noch haben sich die US-Militärs nicht mit ihnen angelegt, sie werden es aber letztlich tun müssen. Dann werden sie von den Befreiern, denen sie - vorzugsweise vor Fernsehkameras - brav zujubeln, zu Züchtigern werden.

Andere Iraker - darunter bestimmt auch viele, die überglücklich sind, endlich von dem schrecklichsten aller Regime befreit zu sein - sehen in den Plünderungen allgemein, aber besonders darin, dass ihnen mit den Kulturschätzen das Einzige genommen wird, auf was sie momentan stolz sein könnten, einen schweren Schlag für ihre Hoffnung auf nationale Würde nach dem Krieg. Dass das für ihr Verhältnis zu ihren Befreiern/Besatzern auch nichts Gutes bedeutet, liegt auf der Hand.

Das heißt jedoch nichts anderes, als dass die zwei von den USA angeführten Kriegsgründe im Moment weiter schwach bleiben: erstens das Wohl der Iraker (ohne jegliches Interesse an ihrem Öl) und zweitens die Befreiung der Region und der ganzen Welt von der Gefahr durch Saddams Massenvernichtungswaffen - man erinnere sich etwa an Condoleeza Rice' anschaulichen "Atompilz über den USA", den es zu verhindern gelte.

Und da auch nur keinen Augenblick am militärischen Sieg der USA und an deren Fähigkeiten, Saddam zu stürzen, zu zweifeln war, kann ein ernsthafter Kommentator nun, da das alles eingetreten ist, nicht so tun, als würde es irgendetwas an der vor dem Krieg erstellten Analyse ändern. Die Frage, ob und welche Massenvernichtungswaffen der Irak Saddams besessen hat, bleibt so von elementarer Bedeutung.

Darum müssen die UNO-Waffeninspektoren zum frühestmöglichen Zeitpunkt ihre Arbeit im Irak wieder aufnehmen. Das ist letztlich auch im Interesse der USA, denn internationale Glaubwürdigkeit können sie nicht mehr erwarten, wenn sie nach dem Krieg in Eigenregie befinden werden, wie gefährlich der Irak nun wirklich war.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2003)

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