Der Politpensionist: Bloß ein wenig Ausruhen am Ende des Tages

13. April 2003, 22:07
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Am Vormittag geht er gern in sein Kaffeehaus. "Herr Abgeordneter" sagen sie da noch zu ihm, oder "Herr Direktor". Ihm wär' ja ein einfaches "Herr Doktor" am liebsten, aber bitte. So war's ja immer, ein Leben lang. Sein Leben lang: immer im Dienst des Staates. Des Volkes, dessen Vertreter er war. Und noch ist, genau genommen. Allein, wenn er daran denkt, womit sie noch immer zu ihm kommen. Im Kaffeehaus. Auf dem Tennisplatz. Oder, neuerdings, beim Golf. Obwohl er jedem sagt, er kann nichts mehr tun für ihn. Gut, vielleicht ein Anruf da oder dort.

Aber sonst ist es vorbei. Mit 62 hat er aufgehört, obwohl er schon viel früher hätte können. Mit 56,5 zum Beispiel. Da hätte man noch etwas mehr vom Leben gehabt, nach 30 Jahren Stress. Aber man war es ja gewohnt. Dienen, für die anderen da sein. Gleich nach dem Jusstudium, in der Kammer. Dann als Parlamentssekretär beim Vorgänger. Dann als Abgeordneter, zugleich Aufstieg in der Kammer. Ein, zwei Vorlesungen hie und da, nichts Aufregendes. Verwaltung und Verfassung halt. Aber auch schön: Lehre! Ganz anders als im Hohen Haus, bei allem Respekt. Da konnte es schon ganz schön fad werden in den Nachtsitzungen. Obwohl andererseits: Milchbar danach und dazwischen, das Gemauschel in den Couloirs, das Ausreizen der Geschäftsordnung, die Fallen in der Debatte, aufgestellt oder hineingetappt. Hatte schon etwas.

Oder die Wahltage! Immer ein bisschen Nervenkitzel dabei, obwohl: Man saß ja auf einem sicheren Mandat. Hatte nichts zu fürchten, und wenn: Es wäre immer noch die Kammer geblieben, im Notfall die Uni. Oder ein Amt.

Und es war eine andere Zeit. Friedlicher irgendwie. Doch, doch. Der Alte, sein Vorgänger, also als der in Pension ging, wäre es keinem eingefallen, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der hat noch ordentlich abkassiert, mein lieber Schieber! Ministerpension, Abgeordnetengehalt, Landesrat, Kammerdirektor - also das hat sich noch geläppert. Aber bei ihm machen's jetzt Tanz. 80 Prozent von 13.500 Euro, wie viel ist das in echtem Geld? Rund 150.000, und dann noch ein paar Z'quetschte von der Kammer, ich bitt' Sie. Das schlimmste heutzutag' ist die Neidgenossenschaft. Macht alles kaputt. Statt dass wir alle zusammenstehen, jetzt, wo die Zeiten härter werden, und den Gürtel enger schnallen. Und dafür hat man ein Leben lang gekämpft. Sein Bestes gegeben. Kaum daheim, die Kinder nicht aufwachsen gesehen, die Ehe fast gescheitert.

Und jetzt kein Dank, nirgends. Ober, zahlen! Der schaut auch schon so komisch. Man sollte wieder ein bisserl verreisen. Lampedusa soll schön sein, man hat da so eine dunkle Erinnerung. Ein Film oder ein Buch, auf jeden Fall: heile Welt dort. Bloß: Wie lange noch?
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2003)

von Samo Kobenter
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