Düsterer Kerker der Konventionen

14. April 2003, 00:51
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Premiere von Beethovens "Fidelio" - die Einstandspremiere von Simon Rattle als Chef der Osterfestspiele

Premiere von Beethovens "Fidelio" bei den Salzburger Osterfestspielen im Großen Festspielhaus: Die Einstandspremiere von Simon Rattle als Chef der Festspiele wirkt in der Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff als routiniert-brave Opernerzählung.


Salzburg - Sir Simon Rattles permanente Sympathie für Beethoven: die Klavierkonzerte mit Alfred Brendel eingespielt; alle Symphonien mit den Wienern Philharmonikern in Luxusausgabe kürzlich auf den Markt geworfen. Und nun - zu seinem Amtsantritt als Chef der Osterfestspiele und Nachfolger von Claudio Abbado - eine Begegnung mit Fidelio, dem Operneinzelkind Beethovens.

Prinzipiell beginnt mit Rattle zweifellos eine neue Ära. Der Brite ist irgendwie ein neuer Typ eines Dirigenten, da er gleichsam die Quadratur des Klassikkreises versucht. Als Chef der Berliner Philharmoniker soll er deren kostbaren Traditionsklang für das noch junge Jahrhundert auch repertoiremäßig weiten und fit halten.

Als Typ, der beim Wort Originalklang keinesfalls die Nase rümpft, dennoch allerdings auch die Moderne nicht nur schätzt, sondern auch aufführt. Und selbstredend auch das Kernrepertoire aus Klassik und Romantik tief auszuloten befähigt ist. Ein rundum gebildeter musikalischer Zeitgenosse also, der sich auch noch zugänglich gibt und am CD-Markt zu Recht als Attraktion gehandelt wird.

Theaterästhetisch wollen wir ihn noch nicht endgültig einordnen. Müsste man es, wäre er nach diesem Fidelio als Fan der szenischen Konvention zu bezeichnen, welche sich als irritationsfreie Begleiterscheinung der musikalischen Vorgänge präsentiert. Schließlich hantelt sich Regisseur Nikolaus Lehnhoff brav an der Geschichte entlang, nimmt sich zurück und stellt die Figuren recht einfach in ein eisig-kühles, grau dominiertes Ambiente (Bühnenbild: Raimund Bauer).

Wie im Tresor

Es ist dies ein zeitlos auf anonyme Macht verweisender Hochsicherheitstrakt, ein Ort der Machtwillkür, der wirkt, als wäre man im Inneren eines riesigen Tresors. Man erreicht ihn über eine riesige Treppe oder einen Aufzug, der vor allem Bösewicht Don Pizarro vorbehalten ist. Man ist in ihm allein mit seinen Emotionen, Plänen und Täuschungen. Doch zweifellos: Innerhalb des Konventionellen ist Lehnhoff durchaus klar und präzise in der Führung der Personen.

Das merkt man besonders dort, wo er unter Umgehung der Dialoge immer wieder gleichsam stumme Theatermomente produziert. Da ist es ganz still, da entsteht ein Theater ohne Worte, und da kommt es im Großen Festspielhaus zu einer Verdichtung der jeweiligen Situation. Und siehe da, es erlangen die Beziehungen der Figuren zueinander eine poetisch knisternde, feine Intensität.

Man merkt es auch am Schoenberg-Chor, der präzise geführt ist und skulpturale Formen annimmt, bis er am Schuss - samt den Trägern der Handlung - leider ideenlos frontal dasteht. Als ginge es darum, sich jetzt schon zu verbeugen . . . Letztlich stemmt sich der Abend allerdings nur durch das gesangliche Niveau des Ensembles über den Bereich des Soliden hinaus. Allen voran Angela Denoke (als Leonore): Als zu allem entschlossene Suchende gibt sie der Figur wie den Tönen lyrische Kraft, blüht stimmlich in extremen Momenten regelrecht auf und lässt die Größe des Raumes vergessen. Als Kontrast dazu Alan Held (als Don Pizarro), den sie mit einer Pistole bedroht - er strahlt jederzeit Gefahr und Kälte aus.

Als Inbegriff des Verzweifelt-Geschundenen wirkt der nur solide singende Jon Villars (als in einer grün-gelben Zwangsjacke gefangener Florestan). Laszlo Polgar (als Rocco), Juliane Banse (als heiratswillige Marzelline in roten Schuhen) und Rainer Trost (als Jaquino) halten das hohe gesangliche Nivea - natürlich auch Thomas Quasthoff (als Don Fernando), den Rattle animierte, erstmals eine Opernbühne zu betreten.

Von der ersten Note an bemüht sich Rattle um kammermusikalische Akribie und Transparenz. Dabei geizt er auch nicht mit dramatischer Attacke, vermittelt einen munter-extrovertierten, emphatischen Beethoven, der allerdings auch romantisch schweben darf. Da kam also aufwühlende Theatralik aus dem Orchestergraben, da durfte für die musikalische Seite des ersten Osterfestspielabends der kurze, intensive Applaus nicht ausbleiben.

Unmut und Zuspruch erreichten die Regie hingegen in gleicher Intensität. In Salzburg wird man sie noch einmal sehen können - am letzten Festspieltag. Im Oktober kann man ihr nach Lyon nachreisen. 2005 nach Tel Aviv. (DER STANDARD, Printausgabe vom 14.4.2003)

Von
Ljubisa Tosic
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    Wenig Regielicht, doch viel gesangliche Opernqualität für Beethovens "Fidelio" bei den Salzburger Osterfestspielen - auch durch Juliane Banse (als Marzelline)

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