Sprechen gegen Ängste der Urwelt

11. April 2003, 23:22
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Gert Jonkes "Redner rund um die Uhr"

Dieser Mund, "ein ganz primitiver, wenn auch raffinierter Behauptungsaufsteller", spuckt zum Beispiel erfundene Straßenbahnhaltestellen aus, an völlig idiotischen Orten entlang der alteingesessenen Linien. Ein performativer Sprechakt also, wie derjenige, mit dem einst die Weltschöpfung begann (obwohl Gott nicht den Sprechakttheoretiker John R. Searle gelesen hat; er hat überhaupt zu wenig gelesen). Aus diesem in in jeder Weise postreligiösen Mund erklingt statt "Es werde Licht!" ganz einfach: "Es werde Straßenbahnhaltestelle, und zwar die falsche!" Und alle, wie so oft bei absurden Befehlen (und auf dieser Ebene liegt das Politische in Jonkes Erfindungskunst), halten sich daran und halten an: "Er habe nur seine Pflicht getan, so der Straßenbahnlenker."

Gert Jonke berichtet hier also statt von der Schöpfung von deren Liquidation in absurden Regeln und Schikanen. Jonke, Systemtechniker eines korrupten Weltsystems, macht das Programm als Raubkopie allen zugänglich. Im Prinzip ist das die Methode Franz Kafkas: Das Übermass an Regeln, mit denen die Welt zugeschüttet wurde und deren blinde Befolgung einfach zu registrieren: Sichtbar werden so die versteckten Gewalten, sichtbar als Hürden, die den normalen aufrechten Gang verhindern. Von dieser Amputation an menschlichem Vermögen berichtet dieses Buch.

Es ist ein Konfliktbuch auf mehreren Ebenen: Äußere Konflikte wie der eben inszenierte; innere - wie oft bei Jonke: ein "Ich" auf der Suche nach seinem verlorenen, vergessenen, abgeschnittenen "Ich" oder nach fernster Liebe; sprachliche Konflikte: zwischen Sprechen und Schreiben, die sich in diesem Text ganz explizit in die Haare und zwischen die gespaltenen Lippen geraten. Bevor Gert Jonke beziehungsweise sein Anderes, der Mund, rund um die Uhr zu reden und alle zu nerven beginnt; bevor in dieser "Ernst Jandl zum Gedenken" geschriebenen "Sprechsonate" der erste Laut laut und wieder luise wird; bevor die verrücktesten Geschichten aufsteigen und vom Mund wieder verschluckt werden: vor alledem liegt nichts. Nicht "das Nichts", sondern nichts. Leere, Finsternis, "Irrsal, Wirrsal", wie in der Bibelübersetzung von Buber/Rosenzweig die Genesis einsetzt - die Wirrsal, bevor durch die Sprache Dinge, Tiere, Menschen ins Leben gerufen werden. So, ins Leben rufend, verfährt auch das Schreiben.

In vielerlei Hinsicht also ist dieser witzige Jonketext auch einer über das Auftauchen der Welt(en) im eigenen Schreiben. Wie Ernst Jandls Frankfurter Poetikvorlesungen Das Öffnen und Schließen des Mundes 1985 berichtet Jonke über die Zeit vor dem Auftauchen der Welt, über die Zeit, bevor der Schreib-Mund sich öffnet und die Schreibhand in Konflikt mit der Mündlichkeit gerät: "Wie kann man sich gegen so ein eigenes Gerede eigentlich zur Wehr setzen? Mich zurückziehen aus dem eigenen Mund, das sagt sich so leicht. Besser, aus dem eigenen Mund sich herausziehen. Sich darauf beschränken, sich nurmehr schriftlich auszudrücken ab jetzt. Natürlich versucht der Mund mir auch dabei dreinzureden und will auf die vom Stift niedergeschriebenen Gedanken und Worte Einfluß nehmen". Der Konflikt von Mündlichkeit und Schriftlichkeit: das ist ein Konflikt vor dem Beginn von Kultur, ein Streit in einer mythischen Urwelt. Diese Vorwelt taucht oft in Jonkes Erfindungen, die offensichtlich auch gegen seinen Willen geschehen, auf. So berichtet der Text - sofern der Mund es zulässt - etwa vom Plan eines Scheichs, alle Gänge unterirdisch anzulegen; doch dann verläuft er sich mit dem Autor darin - das ist die eigentliche, eine psychoanalytische, Ausweglosigkeit. Ein Konflikt zwischen Oberwelt und Unterwelt, aus der das Schreiben herausbricht.

Keine leichte Lektüre, denn es sind, wie oft in Jonkes Werk, fremd anmutende Welten, das Fremde in uns selbst, verdrängte Ängste, verdrängte Hoffnungen, verlorene Identitäten: Auch diesmal evoziert Jonke etwa die Urszene eines als Erwachsener vom Himmel gefallenen Menschen, der sich auf die Suche nach seiner Kindheit macht, vor jeder Verfestigung. Jonke hat diesen Text kurz nach dem Tod Ernst Jandls im Juni 2000 zu schreiben begonnen, und er transformiert viele Jandlmotive in seine mythische Welt. So lässt er seinen Mund sich am herrlichen Jandlgedicht Arna am Arno Sprechübungen machen:

arno sah an arnas quadratarsch hang warz /.../ bald arno dann fragt arna nach warz/arna aber sagt warz ab warz ab". Was gibt es aber noch abzuwarten? Warten setzt eine Hoffnung auf ein "worauf" voraus, der Mund hier aber zaubert immer neue Hürden hervor, endlose Reihen der Vergeblichkeit. Über Scheitern ließe sich auch sehr düster reden; dieser Redner aber stimmt ein Höllengelächter an. (Richard Reichensperger/DER STANDARD; Printausgabe, 12.04.2003)

Gert Jonke, Redner rund um die Uhr. € 16,-/ 63 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2003.
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