"Ungarn hat in Europa angelegt"

14. April 2003, 12:04
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Regierung über große Pro-EU-Mehrheit erfreut - Bei Beteiligung knapp am Desaster vorbei

Endre Ady, der große ungarische Dichter der Zwischenkriegszeit, hat sein Land mit einer Fähre verglichen, einmal am einen Ufer anlegend, einmal am anderen. Am Samstag kam Péter Medgyessy, dem Ministerpräsidenten Ungarns, genau dieser Ady über die Lippen. Mit 83,76 Prozent der abgegebenen und gültigen Stimmen hat sich Ungarn für den Beitritt zur EU ausgesprochen. Und Medgyessy meinte danach: "Nun ist Ungarn kein Fährenland mehr, Ungarn hat in Europa angelegt."

Freilich, die Anlegestelle ist vorderhand nicht mehr als ein Holzsteg. Von den mehr als acht Millionen Stimmbürgern erschienen nicht einmal 3,7 Millionen in den Wahllokalen. Die Parteispitze der regierenden Sozialisten, die sich im Budapester Café Pilvax versammelt hatte, fürchtete bis in den späteren Nachmittag hinein ein Desaster. Die Volksabstimmung ist nur dann bindend, wenn bei einer geringeren Wahlbeteiligung als 50 Prozent 25 Prozent aller Wahlberechtigten dem EU-Beitritt zustimmen.

Um 15 Uhr lag die Wahlbeteiligung noch bei 27,94 Prozent. Und József Szájer, zweiter Mann der oppositionellen Jungdemokraten (Fidesz) hinter Expremier Viktor Orbán, unkte im Ferencváros-Stadion: "Die dilettantische Kampagne der Regierung ist für die niedrige Wahlbeteiligung verantwortlich."

Vielleicht war es aber auch bloß Desinteresse dort, wo die EU noch weit ist. In Budapest gingen immerhin 56,08 Prozent zur Wahl, im westlichen Grenzkomitat Györ-Moson-Sopron auch noch 50,24, - an der ukrainischen Grenze, im Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg, ganze 36,26 Prozent. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2003)

Wolfgang Weisgram aus Budapest
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    Ungarn sagt "Igen" zu Europa: Premier Peter Medgyessy (rechts) und Außenminister Laszlo Kovacs dürfen feiern

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