Vom Luxus der Langfristigkeit

11. April 2003, 19:29
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Ethnologin Johanna Riegler im Bann globaler Entwicklungen

Es ist purer Zufall, dass ich jetzt hier sitze: Mit genauso hoher Wahrscheinlichkeit könnte ich arbeitslos sein." Seit zwei Jahren forscht Johanna Riegler für den Schwerpunkt "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse", den der Ethnologe Andre Gingrich Anfang 2001 mit dem Wittgenstein-Preisgeld an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eingerichtet hat. Dass Gingrich sie gefragt hat, ob sie seine Stellvertreterin bei der Leitung des Schwerpunktes werden möchte, bezeichnet sie heute als "richtiges Glück: Wo hat man sonst schon die Möglichkeit, zu theoretischen Fragestellungen fünf Jahre lang finanziell abgesichert zu forschen und nicht jährlich neue Projekte einreichen zu müssen?"

Die wissenschaftliche Karriere von Johanna Riegler nahm einige Wendungen: Mit dem Start ihres Studiums der Germanistik in Wien fiel auch die Geburt ihrer Tochter zusammen, wodurch die ersten beiden Jahre an der Universität "eher ein Horror waren". Bis es ihr zu viel wurde, sie ihren, "Gymnasialtraum Germanistik" hinschmiss und mit der Völkerkunde einen zweiten Start wagte. "Durch die Beschäftigung mit dem Fremden das eigene Dasein zu reflektieren", habe sie - "zunächst durchaus romantisierend" - an der Ethnologie fasziniert.

Mit dem Feminismus, der sie für die nächsten Jahre wissenschaftlich und beruflich fesseln sollte, kam sie gleich bei ihrer ersten Feldforschung zur geschlechterspezifischen Arbeitsteilung bei den Schoschonen-Indianern im US-amerikanischen Nevada in Berührung. Danach reiste sie nach Indien, Bangladesch und Brasilien, um mit Frauen vor Ort die Zusammenhänge zwischen Bevölkerungspolitik, Technologieentwicklung und Entwicklungshilfe zu diskutieren: "Bei uns forschte man nach Methoden, den Kinderwunsch technisch zu erfüllen. In armen Ländern wurde gleichzeitig der Anspruch auf Entwicklungshilfe an sinkende Geburtsraten gekoppelt, wodurch Frauen enorm unter Druck gerieten."

Entfernt habe sie sich von diesem Schwerpunkt erst, als die Diskussion in Österreich "in die moralische Ecke" abglitt. Der Technik allgemein blieb sie aber treu: Gemeinsam mit dem Mediensoziologen Fritz Betz analysierte sie, welche neuen Bilder von Arbeit über die neuen Kommunikationsmittel Computer, Internet und Handy vermittelt werden. "Die Phasen zwischen den einzelnen Jobs, ob als Frauenreferentin der Österreichischen Hochschülerschaft oder später als Mitarbeiterin diverser Forschungseinrichtungen, waren alles andere als angenehm", erzählt die 42-jährige Ethnologin.

Umso mehr genießt sie nun die Sicherheit des Wittgenstein-Schwerpunktes, in dem sie sich am Beispiel Russlands mit Veränderungen im post-kommunistischen Arbeitsleben beschäftigt. Der "Luxus" der fünfjährigen Laufzeit motivierte sie auch zu einer - neben ihren Lieblingsbeschäftigungen Badminton und Lesen - neuen Freizeitaktivität: Sie lernt Russisch. Und meint: "Da braucht man schon einige Zeit, um sich zumindest Grundlagen anzueignen." (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 4. 2003)

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