"Diese Energie entfalten wir wohl nur in der Fremde"

11. April 2003, 22:54
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"Transfer Projekt Damaskus", erschienen bei Springer, räumt auf mit Klischeebildern des Orients. Herausgeber und Initiator Christian Reder im STANDARD-Gespräch

Ein ungewöhnliches Buch als Resultat einer eigenwilligen Forschungsreise:


Standard: Dieser Tage haben Sie ein denkwürdiges Kompendium vorgelegt: "Transfer Projekt Damaskus" versammelt Recherche- und Forschungsergebnisse, Sozialreportagen und Interviews von Studenten und Lehrenden der Wiener Uni für angewandte Kunst, die Sie im vergangenen Jahr in die syrische Hauptstadt eingeladen haben. Wie kam es dazu?
Christian Reder: Mir geht es, auch angesichts der veränderten Lage im Kulturbereich, immer darum, "Kunst und Wissenstransfer", wie mein Lehrstuhl an der Angewandten heißt, konkreter zu machen. Und: Studierende der Künste, aber auch aus dem wissenschaftlichem Bereich oder zukünftige Kulturmanager auf komplizierte Projekte vorzubereiten. Also habe ich in Damaskus ein Haus gemietet, in dem dann zwei Gruppen von 10, 12 Studierenden jeweils vier, fünf, sechs Wochen gelebt haben. Professoren wie Burghart Schmidt oder Ernst Strouhal waren auch dabei, Simonetta Ferfoglia von der Gruppe Gangart hat die künstlerischen Diskussionen befruchtet. Ich hatte keine Ahnung, was da herauskommt.

Die Idee war: Nach Paris, London, New York kann man allein fahren, und sicher man kann auch nach Damaskus allein fahren - aber da gibt es eben sozial schwierigere Situationen, eine andere Sprache und Schrift, politische Spannungen. Ich wollte testen, ob ein loser Rahmen - ausgehend von diesem Haus und den dortigen Kontakten -, was bringt. Intern und extern.

STANDARD: Könnten Sie kurz Ihren Zugang zum Thema "Transfer" verdeutlichen?
Reder: Jede Universität lebt vom Transfer in die Gesellschaft und vom Transfer nach innen. Das wird immer zu wenig klargestellt. Dafür würde ich mich als eine Art Belebungsstelle definieren, die über die Disziplinen springt - Philosophie mit Grafik, Design und Mode, Architektur und Medienkunst verknüpft. Ich forciere also philosophisches, forschendes, essayistisches, fragendes Denken.

Auch beim "Transfer Projekt" ging es a priori noch nicht um Kunst, sondern um Vorfragen und um das Umfeld der Kunst. Da ermutige ich die die Studierenden: Steigt aus euren Disziplinen nur einmal aus in fünf Jahren Ausbildung. Schreibt ein Tagebuch, dreht ein Video, oder macht eine urbanistische Studie. Brecht aus aus dem immer enger werdenden Raster des Studiums.

STANDARD: Wie stark war in Damaskus die Diskrepanz zwischen dem, was vorher an Konzepten vorlag, und dem, was dann vor Ort anders aussah?
Reder: Ich und einige eingeladene Gäste haben im Semester zuvor Einführungs-Lectures und -Seminare gehalten - nie mit der Absicht "Schnellkurse in Orientalismus und Arabistik", sondern eher auch um Orient-Klischees zur Debatte zu stellen. Ich zum Beispiel bin stark von Karl May und Kara Ben Nemsi geprägt. Das haben die Jungen gar nicht mehr gekannt.

Was mich freut: Wenn man unser Buch jetzt liest, ist von diesen Klischees fast nichts zu bemerken. Es hat sich ein interessanter, vielschichtiger Zugang zu globalen Sichten auf Urbanität entwickelt. Das ganze Gerede, das wir in unserer Kultur haben über das Fremde und wie die arabische Kultur anders ist, hat sich in Windeseile aufgelöst.

STANDARD: Das Buch ist stark vom Dialog zweier Schriftsysteme geprägt: Die deutschen Texte - von vorn nach hinten - verschränken sich mit der arabischen Übersetzung - von hinten nach vorn. Auch sonst scheint Dechiffrierung ein durchgängiges Thema zu sein.
Reder: Ja, einige Studenten haben sogar versucht, Arabisch alleine zu lernen, haben Kalligrafiestunden genommen. Es war sehr interessant, dieses große Interesse, in eine andere Schrift- und Sprachkultur einzudringen, bei der man schon immer wieder perplex ist, dass sie "fremd" ist. Vier Stunden Flug nach Damaskus ist heute so viel wie vier Stunden im Zug nach Innsbruck.

Dennoch: Nur vier Stunden von uns gibt es schon eine ziemlich andere Situation, eine andere Zeichenwelt. Es stellen sich Fragen wie die, warum das kleine Mittelmeer solch eine trennende Zäsur geschaffen hat. Überhaupt möchte ich in den nächsten Jahren weitere Außenzonen der EU bearbeiten. Ich denke da an Istanbul, an Odessa, an den Osten in den nächsten drei vier Jahren. Dies halte ich auch politisch für eminent wichtig, dass wir hier Austauschbeziehungen und Nachdenkprozesse forcieren.

STANDARD: Wobei Sie - auch unter Einsatz privater Mittel - auch das übliche universitäre Projektwesen unterlaufen.
Reder: Das ganze Projekt - Aufenthalt, Reisen, das durchaus aufwändig gestaltete Buch, dazu kleine Ausstellungen in Wien und Damaskus - hat ein Budget von knapp 100.000 Euro. Würde ich das bei der EU einreichen, dann sagt man: Sehr interessant, budgetieren Sie da einmal drei, vier Millionen Euro, für ein Middle-East-Programm.

Da bräuchte ich aber wieder einen ganzen Assistentenstab, um das bis in die Nachbereitung hinein zu bewältigen. Das halte ich für eine völlig verfehlte Politik. Es müsste viel leichter sein, in diesem Low-Budget-Bereich Projekte zu organisieren.

STANDARD: Dabei kommen Sie aber mit Ihren Initiativen der immer weiter fortschreitenden Privatisierung der Universität eigentlich sehr entgegen . . .
Reder: Was ich da betreibe, ist bestenfalls eine trotzige Privatisierung. Von den gegenwärtigen "Reformen" halte ich nicht sehr viel. Nein, es geht mir doch viel eher darum: Wie bringt man über die disziplinären Grenzen hinweg möglichst viele gute Leute zur Zusammenarbeit? Dem steht - bis hin zur unwürdig niedrigen Bezahlung von Autoren in Katalogen und Büchern - einiges im Weg.

STANDARD: Was war für Sie der erfreulichste Aspekt am "Transfer Projekt".
Reder: Eine Intensität des Denkens und des Dialogs, die ich zu Hause in Wien etwa, wenn ich mit Philosophen zusammensitze, nie erlebe. Diese Energie entfalten wir wohl eher in einer fremden Umgebung. Man fragt sich dann schon, warum man in der angestammten Umgebung die Kommunikation um so viel zäher läuft als in der so genannten Fremde. (Claus Philipp/DER STANDARD; Printausgabe, 12.04.2003)

"Projekt Transfer Damaskus"
(400 Seiten, 34 €) ist bei Sprin-
ger Wien New York erschie-
nen. Weitere Publikationen in
der neuen Reihe "Edition
Transfer" sollen folgen.
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