Homers Enkel am Maschendrahtzaun

11. April 2003, 22:59
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In ihrem Stückprojekt "Die letzte Karawanserei" erzählt die Pariser Theaterzauberin Ariane Mnouchkine vom Elend des Krieges

Ein Kunstereignis von europäischem Rang im Théâtre du Soleil.


Olga Grimm-Weissert

Paris - Ariane Mnouchkine und ihr Théâtre du Soleil sind Garanten für absolute Theaterqualität: eine die Menschheitsgeschichte begleitende Thematik, eine auf das Wesentliche reduzierte Körpersprache - und dennoch eine schlüssige Ästhetik mit geopolitischer Aktualität, die nicht auf den Irak beschränkt ist.

Die Kriegsfolgen bestimmen das neue Stück, eine Gemeinschaftskreation: Die letzte Karawanserei. Odysseen (Le Dernier Caravansérail. Odyssées) - aus monatelangen Kontakten mit im Théâtre du Soleil logierenden Flüchtlingen, Gesprächen in Flüchtlingslagern wie dem kürzlich geschlossenen Lager Sangatte sowie in australischen Lagern und Isolationsstellen entstanden.

Anhand dieser Erzählungen erarbeitete die auf 40 Schauspieler erweiterte Truppe Mnouchkines in monatelangen Improvisationen kurze, oft grausame Szenen, wo nur selten der Situationshumor die Gänsehaut vertreibt.

Die letzte Karawanserei ist eine lockere Szenenfolge, die aber dank der Kunst der Schauspieler, dank Mnouchkines sicherem Sinn, Überflüssiges zu eliminieren und Pathos zu vermeiden, keineswegs zur emotional aufgeladenen Zuschauertortur wird.

Wie bereits Homer demonstriert: Der Ursprung allen Übels in der Menschheitsgeschichte ist der Krieg. Er generiert Mord, Rache, Plünderungen, Prostitution, Ausbeutung und Flüchtlingsströme - die Elendskarawanen der Neuzeit. Flüchtlingsbriefe dienen Ariane Mnouchkine als Erzählfaden für die Kurzstücke, die in Afghanistan, im Iran, in Calais und Sangatte, Moskau, Afrika oder an durch Drahtgitter markierten Grenzen stattfinden.

Kalligrafie der Flucht

Mit wunderschöner Handschrift auf die graue Wand der Bühnenfläche des Théâtre du Soleil projiziert, werden diese Flüchtlingsbriefe zu gelesenen Monologen. Die Erzählungen in Fremdsprachen werden mit dieser projizierten Handschrift ins Französische übersetzt. Das Théâtre du Soleil wird somit zur letzten Karawanserei, zur vorübergehenden Raststätte der Odyssee des 20. und 21. Jahrhunderts.

Eine Scheherezade des Elends: Die für die derzeitige Version ausgewählten "Erzählungen" sind unter dem Titel "Der grausame Fluss" zusammengefasst. Das Thema des Fährmanns, des Fluchthelfers und Ausbeuters, dominiert den Abend, wenn die Bühne mithilfe einer der für das Théâtre du Soleil so typischen grauen Seidenplanen zur Grenzflusslandschaft wird.

An einer Schnur entlang hantelt der Fährmann einen Korb mit Verzweifelten ans andere Ufer. Der Kampf ums Überleben führt viele in den Tod. Auch dieses Thema kehrt in vielen anderen Szenen wieder - besonders an einer durch ein Drahtgitter markierten Grenze, wo ein Fluchthelfer (Sava Lolov) ein unerbittliches, nur auf Geld und Ausbeutung gegründetes Regime führt. Da bei Mnouchkine das absolute Böse bestraft wird, erschießt ihn ein Konkurrent.

Die körperliche Gewalt, die um das Loch im Drahtgitter - Metapher für "Freiheit" - ausgeübt wird, ist ebenso neu im Théâtre du Soleil wie die flinken, schwarzen Rapper. Dass Freiheit nur neues Eingesperrtsein in Flüchtlingslagern oder am Trottoir-Strich bedeutet, wird in kurzen, filmsequenzähnlichen Darstellungen illustriert.

Besonders gelungen: die idyllischen Momente eines afghanischen Liebespaares, die von der Grausamkeit der "Bärtigen" unterbrochen werden und mit Erhängung enden. Der Böse wird seinerseits ermordet und muss das Jenseits ohne seinen schwarzen Bart betreten, der ihm - post mortem - abrasiert wird. Ein dramaturgischer Glücksgriff ist die Idee, die Schauspieler auf rollenden Holzbrettern - wie Menschenplastiken - von anderen Truppenmitgliedern schieben zu lassen. Auf- und Abgänge gewinnen dadurch an Grandezza, denn die Darsteller gleiten wie im Film an den Zuschauern vorüber. Die letzte Karawanserei - eine Koproduktion mit Gerard Mortiers Ruhrtriennale - ist bis Ende Juni im Théâtre du Soleil zu sehen. (DER STANDARD; Printausgabe, 12.04.2003)

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