Erlaubt, aber kein Thema

15. April 2010, 18:59
  • "Wo sind denn die Zeiteheformulare?" - mit "Im Bazar der Geschlechter" im Heiratsbüro, wo gerade eine Verbindung auf ein Jahr besiegelt wird.
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    "Wo sind denn die Zeiteheformulare?" - mit "Im Bazar der Geschlechter" im Heiratsbüro, wo gerade eine Verbindung auf ein Jahr besiegelt wird.

Der Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter" stellt eine wenig bekannte Form des Zusammenlebens von Männern und Frauen im Iran vor: Regisseurin Sudabeh Mortezai hat sich bei Geistlichen und Betroffenen zum Thema Zeitehe umgesehen.

Wien - Der Großayatollah wirkt genervt. Wenn das mit der Polygamie funktionieren würde, so lässt er durchblicken, dann wäre alles einfacher. Aber die iranischen Frauen seien im Unterschied zu jenen der Saudis nicht bereit, einen Mann zu teilen: "Das Problem ist die Eifersucht der Frauen!"

Die Frauen selbst haben derweil ganz andere Probleme. Der erste Mann, der einer nach der Scheidung nachstelle, sei der Richter, als Geschiedene sei man Freiwild. Eine Lösung, die für beide Probleme naheliegend scheint, steht im Mittelpunkt des Films "Im Bazar der Geschlechter", 2008 im Iran gedreht. Es geht um die Zeitehe, deren Dauer und Preis man im Voraus festlegen kann und die es Mann und Frau erlaubt, eine sexuelle Beziehung einzugehen.

Diese von einem Geistlichen vorgenommene Übereinkunft ist zahlreichen Einschränkungen unterworfen: Für Frauen ist sie praktisch nur möglich, wenn sie bereits in einer "Dauerehe" verheiratet waren, nicht mehr "Jungfrau" sind. Nach den Wechseljahren könnte sich dafür womöglich eine Sonderregelung finden, aber da, so ein Geistlicher lachend, wäre eine Frau wohl für keinen Mann mehr attraktiv. Der "Bazar der Geschlechter" ist also ein Feld, auf dem der schiitische Islam und die Vormachtstellung der Männer die grundsätzliche Gangart vorgeben, zugleich jedoch vieles dauernd konkret verhandelt wird. Dies produziert Widersprüche; es festigt soziale Verhältnisse und eröffnet zugleich Alternativen.

Sudabeh Mortezai, in Teheran und Wien aufgewachsen, hat schon 2006 einen Dokumentarfilm im und über den Iran gedreht: "Children of the Prophet" begleitete mehrere Personen durch die Zeit der Feierlichkeiten im Gedenken an den schiitischen Märtyrer Hossein. Bereits dabei ging es auch darum, den beschränkten Bilder- und Themenkatalog zu erweitern und aufzubrechen, der die mediale Wahrnehmung des Iran und seiner Bevölkerung bestimmt.

Gesellschaftlicher Druck

Der aktuelle Film folgt nun einem alternden Junggesellen, der zu einer Exzeitehefrau immer noch ein recht enges Verhältnis hat. Man trifft zwei Schwestern, beide geschieden und Alleinerzieherinnen, die sich im Schönheitssalon mit Kolleginnen über unterschiedliche Erfahrungen mit der Zeitehe austauschen. Dabei geht es vor allem um den gesellschaftlichen Druck, der auf den Frauen lastet - weder Familie noch Nachbarn dürften von ihrem Zeitehemann erfahren, sagt eine. Und als Geschiedene sei sie als richtige Schwiegertochter auch bei dessen Mutter nicht erwünscht.

Ein weiterer Protagonist ist schließlich ein junger Geistlicher. Er bietet wiederholt Anlass für Szenen, in denen sich Widersprüche vor der Kamera zuspitzen - etwa wenn er mit einem Blogger debattiert. Der 23-jährige Webaktivist stellt jene Doppelmoral infrage, nach der jungen Männern empfohlen wird, per Zeitehe sexuelle Erfahrungen zu machen, während dies Frauen verboten bleibt. Das sei halt iranische Kultur, sagt der Mullah. Das sei keine Kultur, sondern männliche Arroganz, erwidert der junge Mann.

Der Film wird von zahlreichen Rahmenveranstaltungen begleitet - am Freitag, 16.4., spricht Regisseurin Mortezai mit dem Politologen Michael Fanizadeh (Gartenbau, 19.00). Weitere Termine und Infos siehe: www.imbazar-derfilm.at
(Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.4.2010)

 

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16 Postings
Großartiger Film

Ich habe diesen Film schon auf der Diagonale gesehen und kann ihn jedem nur wärmstens ans Herz legen.

Selten so offene und herzzerreissende Einsichten in die Menschen eines so verschlossenen Landes bekommen.

Zweck der Zeitehe...

Ein iranischer Innenminister meinte, dass junge Männer und Frauen, zur Zeitehe ermutigt werden sollten, damit kein außerehelicher Geschlechtsakt zu stande komme!

Ein außerehelicher Geschlechtsakt wird im Iran mit der Todesstrafe und Peitschenhieben geahndet falls man dabei erwischt wird. Jedoch kann man dieses durch die Zeitehe umgehen und sich vor der Todesstrafe beschützen!

Die Bevölkerung des Iran ist sehr jung. Daher ist die Zeitehe im Iran selbstverständlich und normaler Alltag.

In den Sunnitischen Ländern, dass sind 90% der Islamischen Welt, ist die Zeitehe nicht erlaubt!

Die Iranischen Behörden erlauben somit eine Art der Prostutition, die Jungen Menschen vor der Todesstrafe beschützt!

woow..dann sollten wir ja alle den iranischen behörden vielmals danken...

Zeitehe... ich frage mich, wer da schlimmer dran ist, die Frauen oder die Männer... Mein Reim darauf: die Frau in dieser Beziehung muss Hausarbeiten und sexuell verfügbar sein. Der Mann muss für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Für die Frau natürlich ein Kathastrophe: Prosituierte und Hausangestellte in einem zu sein. Andererseits, was wenn er draufkommt, dass sie die Liebe seines Lebens ist... und die Sache ist nach einem Jahr vorbei? Es ist kein schlimmer Leid als Herzeleid... Zwei sehr verschiedene Dimensionen, beide in höchstem Maße unerfreulich...

@ Liebe seines Lebens:

Wenn er auch die ihre ist, wird sie wohl bei ihm bleiben.

Zeitehe nur im Schiitischen Islam

Die Zeitehe wird nur im Iran praktiziert. Die Sunniten lehnen die Zeitehe wegen der prostitutionsähnlichen Nutzung strengstens ab! Im Iran gibt es eigene Blockhäuser wo Frauen Zeitehen mit ihren "Freiern" eingehen!

Dabei wird eine Heiratsurkunde für einen bestimmten Zeitraum gegen Entgeld ausgestellt! Das kann für ein paar Stunden, Tage, Wochen oder Monate sein. Je nach zwischen Mann und Frau Abkommen.

Der Zweck dabei ist es die Prostitution auf einer legalen Weise zu bekämpfen!

Aber woher haben die Schitten die Zeitehe?

Zur Zeit des Propheten wurde die Zeitehe nur EINMAL erlaubt. Das war während der Schlacht von Mute der Fall. Die Schlacht dauerte Monate, die Männer waren fort. Daher wurde einmal die Zeitehe erlaubt!

"Das sei keine Kultur, sondern männliche Arroganz, erwidert der junge Mann"


recht hat er!

und glücklicherweise gibt es (besonders im Iran) immer mehr menschen (auch männer), die so denken :o)

btw. - sehr zu empfehlen:
http://oe1.orf.at/artikel/206206


grauslich

wie maenner in manchen kulturen die frauen behandeln. man möcht speiben und laut schrein: "lassts euch das net gefallen!!!"

Ein Zeitehe-Angebot kann man auch in Wien bekommen

Eine Freundin von mir bekam vor 14 Tagen hier in Wien ein Zeitehe-Angebot.

Der Mann, ein wohlhabender Teppichhändler mit öst. Staatsbürgerschaft, wollte mit ihr unbedingt in den heimatlichen Iran reisen. Dafür wäre es günstig, eine Zeitehe einzugehen, meinte er. So könnten sie zusammen in einem Zimmer schlafen & müssten keine Ausländerpreise, sondern nur iranische Preise zahlen.

Sie hat abgelehnt. Er hat nicht verstanden warum.

warum nach iran

am guertel werden die frauen wie ein tier verkauf.
na eigentlich nicht wie ein tier , da die austellung von tiere verboten ist aber von frauen leider nicht.

versteh ich, ehrlich gesagt, auch nicht.

ich seh wenig unterschied zu oesterreich.

Bitte bleiben Sie bei der nächsten Wahl zuhause.

Danke.

ab 22 uhr

am guertel spazieren fahren, dort werden frauen ohne ehe verkauft.

kA in welchen sozialen Umfeld sie sich bewegen, doch ich sehe hier Welten zwischen den beiden Kulturen; -Oder sind sie in Österreich jemals eine Zeitehe eingegangen und haben dafür mit ihrem Gschpusi die moralische als auch rechtliche Legitimation durch ihren örtlichen Pfarrer gesucht? – Ich bislang nicht!

Nicht? Kann ich nur empfehlen! (:

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