Erlaubt, aber kein Thema

  • "Wo sind denn die Zeiteheformulare?" - mit "Im Bazar der Geschlechter" im Heiratsbüro, wo gerade eine Verbindung auf ein Jahr besiegelt wird.
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    foto: poool

    "Wo sind denn die Zeiteheformulare?" - mit "Im Bazar der Geschlechter" im Heiratsbüro, wo gerade eine Verbindung auf ein Jahr besiegelt wird.

Der Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter" stellt eine wenig bekannte Form des Zusammenlebens von Männern und Frauen im Iran vor: Regisseurin Sudabeh Mortezai hat sich bei Geistlichen und Betroffenen zum Thema Zeitehe umgesehen.

Wien - Der Großayatollah wirkt genervt. Wenn das mit der Polygamie funktionieren würde, so lässt er durchblicken, dann wäre alles einfacher. Aber die iranischen Frauen seien im Unterschied zu jenen der Saudis nicht bereit, einen Mann zu teilen: "Das Problem ist die Eifersucht der Frauen!"

Die Frauen selbst haben derweil ganz andere Probleme. Der erste Mann, der einer nach der Scheidung nachstelle, sei der Richter, als Geschiedene sei man Freiwild. Eine Lösung, die für beide Probleme naheliegend scheint, steht im Mittelpunkt des Films "Im Bazar der Geschlechter", 2008 im Iran gedreht. Es geht um die Zeitehe, deren Dauer und Preis man im Voraus festlegen kann und die es Mann und Frau erlaubt, eine sexuelle Beziehung einzugehen.

Diese von einem Geistlichen vorgenommene Übereinkunft ist zahlreichen Einschränkungen unterworfen: Für Frauen ist sie praktisch nur möglich, wenn sie bereits in einer "Dauerehe" verheiratet waren, nicht mehr "Jungfrau" sind. Nach den Wechseljahren könnte sich dafür womöglich eine Sonderregelung finden, aber da, so ein Geistlicher lachend, wäre eine Frau wohl für keinen Mann mehr attraktiv. Der "Bazar der Geschlechter" ist also ein Feld, auf dem der schiitische Islam und die Vormachtstellung der Männer die grundsätzliche Gangart vorgeben, zugleich jedoch vieles dauernd konkret verhandelt wird. Dies produziert Widersprüche; es festigt soziale Verhältnisse und eröffnet zugleich Alternativen.

Sudabeh Mortezai, in Teheran und Wien aufgewachsen, hat schon 2006 einen Dokumentarfilm im und über den Iran gedreht: "Children of the Prophet" begleitete mehrere Personen durch die Zeit der Feierlichkeiten im Gedenken an den schiitischen Märtyrer Hossein. Bereits dabei ging es auch darum, den beschränkten Bilder- und Themenkatalog zu erweitern und aufzubrechen, der die mediale Wahrnehmung des Iran und seiner Bevölkerung bestimmt.

Gesellschaftlicher Druck

Der aktuelle Film folgt nun einem alternden Junggesellen, der zu einer Exzeitehefrau immer noch ein recht enges Verhältnis hat. Man trifft zwei Schwestern, beide geschieden und Alleinerzieherinnen, die sich im Schönheitssalon mit Kolleginnen über unterschiedliche Erfahrungen mit der Zeitehe austauschen. Dabei geht es vor allem um den gesellschaftlichen Druck, der auf den Frauen lastet - weder Familie noch Nachbarn dürften von ihrem Zeitehemann erfahren, sagt eine. Und als Geschiedene sei sie als richtige Schwiegertochter auch bei dessen Mutter nicht erwünscht.

Ein weiterer Protagonist ist schließlich ein junger Geistlicher. Er bietet wiederholt Anlass für Szenen, in denen sich Widersprüche vor der Kamera zuspitzen - etwa wenn er mit einem Blogger debattiert. Der 23-jährige Webaktivist stellt jene Doppelmoral infrage, nach der jungen Männern empfohlen wird, per Zeitehe sexuelle Erfahrungen zu machen, während dies Frauen verboten bleibt. Das sei halt iranische Kultur, sagt der Mullah. Das sei keine Kultur, sondern männliche Arroganz, erwidert der junge Mann.

Der Film wird von zahlreichen Rahmenveranstaltungen begleitet - am Freitag, 16.4., spricht Regisseurin Mortezai mit dem Politologen Michael Fanizadeh (Gartenbau, 19.00). Weitere Termine und Infos siehe: www.imbazar-derfilm.at
(Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.4.2010)

 

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