Die Zerrissenen

15. April 2010, 18:43

Dass Spitzenfunktionäre einer Regierungspartei, reihenweise empfehlen, weiß, also ungültig zu wählen, ist eine Premiere

Dass eine Partei, die keinen eigenen Kandidaten zur Wahl stellt, keine offizielle Empfehlung für den einer anderen Partei abgibt, soll schon vorgekommen sein. Dass Spitzenfunktionäre einer sich staatstragend gerierenden Regierungspartei, die keinen eigenen Kandidaten aufstellt, reihenweise empfehlen, weiß, also ungültig zu wählen, ist eine Premiere. Österreich verdankt sie der ÖVP, und es ist leider nicht anzunehmen, dass diese nach so vielen Monaten komisch-tragischen Lavierens ausgerechnet in der letzten Woche vor der Bundespräsidentenwahl gescheiter wird und von diesem demokratiepolitischen Unfug abrückt.

Die Diskussion um die Zulässigkeit oder Sinnhaftigkeit des Weißwählens wäre in den letzten Tagen nicht so heftig aufgeflammt, ginge es nur um das Recht der einzelnen Wählerin, des einzelnen Wählers, mit ihrer, seiner Stimme zu tun, was ihnen beliebt. Begeben sie sich damit ihres Rechts, bewusst mitzuentscheiden, ist das ihre Sache.

Die Diskussion ist aufgeflammt, weil offensichtlich ist, dass die Outings, diesmal weiß zu wählen, von Funktionären, die sonst wie die Haftelmacher das persönliche Wahlgeheimnis respektieren, Aufforderungscharakter hat. Und da wird es problematisch. Es ist die gesetzlich festgelegte - und im übrigen auch nicht zu knapp honorierte - Aufgabe von Parteien, an der politischen Willensbildung mitzuwirken, aber nicht, sie erst durch Kandidatenabstinenz zu beeinträchtigen und dann auch noch die eigene Rat- und Entschlusslosigkeit als Wahlempfehlung an die Bürgerinnen und Bürger weiterzugeben. Wie mehr oder weniger verklausuliert zugegeben wird, drückt die Parole, weiß zu wählen, nur den Zwiespalt aus, dass man sich mit dem amtierenden Bundespräsidenten nicht so zufrieden zeigen will, dass man sich zumindest neutral verhält, aber auch nicht so unzufrieden ist, deswegen gleich die Mühen und Kosten eines Wahlkampfes auf sich zu nehmen: Die Zerrissenen empfehlen dem Wahlvolk demokratische Abstinenz.

Man kann davon ausgehen, dass die ungeistigen Väter dieser Strategie der Demokratie in einem Land mit wachsender Politikverdrossenheit, sinkender Wahlbeteiligung, schwächelnden Institutionen einen umso größeren Bärendienst erweisen, als die ÖVP ja durchaus einen Kandidaten gehabt hätte, dessen politische Potenz das Argument, gegen einen amtierenden Präsidenten lässt sich nichts gewinnen, zwar nicht ganz hinfällig gemacht hätte, aber doch ziemlich schleißig erscheinen lässt. Mit Gewinngarantie kann man vielleicht Rentner zum Kauf von Heizdecken überreden, von einer Regierungspartei kann, nein, muss der Wähler erwarten, dass sie sich höhere Ziele steckt und ihm (möglichst) seriöse Angebote auch dann macht, wenn sie den Jackpot nicht von vornherein in der Tasche hat. Angebote zur Entscheidung, nicht Aufforderungen zur Enthaltung davon.

Besonders die Jugend, um deren Interesse an Entscheidungen des Gemeinwesens man sich solche Sorgen macht, muss sich hervorragend motiviert fühlen, wenn Politiker sie daran erinnern, dass sie künftig schon ab 16 Jahren das Recht hat, weiß zu wählen. Also ungültig. (Günter Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2010)

 

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Posting 1 bis 25 von 58
1 2
1116er
12
19.4.2010, 11:47
die vp

hat unter ihrem genialen (aber glorios gescheiterten) obertaktiker wolfgang w. gelernt, dass sie es nur zu etwas bringt, wenn sie möglichst oft auf die 'roten g'frieser' peckt oder ihnen etwas in den weg legt.

dass sie damit dem staat als solches einen bärendienst erweisen - what shalls!
hauptsache für eine 'staatstragende' partei: ein halbes, flüchtiges prozentpunkterl kann eingefahren werden...

Christiane Amanpour
 
00
18.4.2010, 19:06
Überspitzt ausgedrückt: Die Politik ruft somit zur Abschaffung der Politik auf

Die Verlängerung der Wahlperioden bedeutet, dass seltener gewählt wird, also seltener Wahlpolitik gemacht wird.

Die von einigen gewünschte Verringerung der Anzahl der Abgeordneten in Landtagen & Parlament bedeutet, dass es weniger politisch Agierende in der repräsentativen Demokratie gäbe. Auch das eine Einschränkung politischen Spielraums.

Die Aufforderung einer Regierungspartei, die durch einen komplizierten Wahlmechanismus zur Macht gekommen ist, genau diesen Wahlmechanismus ins Leere laufen zu lassen, bedeutet eine methodische Schwächung politischen Geschehens.

Unter dem portugiesischen Diktator Salazar war ein Wort verpönt: Politik. Die durfte nämlich nur er machen. Für alle anderen war es gefährlich, daran auch nur zu denken.

Harry Y.
 
00
18.4.2010, 15:56
Wieder einmal

bitter nötig....

Ivan Fedorov
26
16.4.2010, 15:18
die övp ist und bleibt halt das letzte

die vorgängerpartei gegründet als kaiser- und klerustreues gruppierung, um die (von den sozialdemokraten vorangetriebene) demokratiebewegung zu unterminieren, gipfelnd in der installation der ständestaat-diktatur.
die zweitrepublikanische neugründung mit dem demokratiefähnchen, jedoch immer noch unfähig, sich von der unsäglichen vergangeheit los zu sagen.
in momenten wie diesen zeigt sich dann auch wieder, warum...

*QED*
20
16.4.2010, 18:44
Anstatt Ihre klassenkämpferischen Vorurteile zu pflegen,

sollten Sie sich einmal mit Tatsachen auseinander
setzen. Vielleicht können Sie dann Argumente liefern,
die auf Fakten beruhen!

Harry Y.
 
11
18.4.2010, 16:04

= Völlig unsachliche und unsinnige Antwort.

*QED*
00
19.4.2010, 07:25

Die Einforderung von Fakten ist unsinnig? Frei nach
Hegel: "Umso schlimmer für die Tatsachen!" ?

Ivan Fedorov
01
16.4.2010, 23:28

na vielleicht studierens mal ein wenig die geschichte der christlichsozialen partei (in frühen jahren auch bekannt unter dem namen "die antisemiten")...

*QED*
10
17.4.2010, 07:21

Dem könnte man mit Otto Bauers Austrobolschewis-mus und seiner Androhung der Diktatur des Proletar-
iats (Linzer Programm, 1926) antworten. Aber diese
gegenseitigen Vorwürfe betr. die Vergangenheit,
lösen nicht die Probleme der Zukunft. Dazu ist Ihnen
bis dato noch nichts eingefallen.

Harry Y.
 
10
18.4.2010, 15:54
Man kann die Sauereien,

die Dummheit und die Scheinheiligkeit dieser Partei nicht mit einem unnötigen Hinweis auf die 'Probleme der Zukunft' (übrigens ÖVP-Sprech) aus der Welt schaffen; und übrigens spielen die Probleme der Gegenwart (also auch die der ÖVP) auch in der Zukunft eine Rolle.

*QED*
00
19.4.2010, 07:31

Ihre Abneigungsgefühle bleiben Ihnen unbenommen.
Aber Ihnen ist entgangen, dass um die ferne Vergangenheit und nicht um die Gegenwart gegangen
ist.

Harry Y.
 
10
19.4.2010, 09:47

Um die Gegenwart geht es einem nostalgischen alten Knacker nie.

*QED*
00
19.4.2010, 11:22

Ich nehme die Charakerisierung Ihrer Person zur
Kenntnis.

Harry Y.
 
00
19.4.2010, 21:02

Meine Ironie fühlt sich verkannt. Ich kann eine richtigere Wahrnehmung Ihrerseits aber leider nicht einklagen.

Hans Klade2
00
16.4.2010, 17:50

Die ÖVP will ja gar nicht gewinnen. Ihr ist es lieber Fischer bleibt weiter Bundespräsident. Er ist der ÖVP bisher nie unbequem geworden. Da war Klestil noch von einem anderen Kaliber, der hat es sogar gewagt, manchmal gegen Schüssel eine eigene Meinung zu vertreten. Der ÖVP ist es vor allem wichtig, den nächsten Bundeskanzler zu stellen. J.Pröll hätte es vielleicht sogar schwieriger dieses Ziel zu erreichen, wenn auch der Bundespräsident dann der ÖVP angehören würde. Besonders Erwin Pröll hätte, wenn er angetreten wäre, J.Pröll keinen guten Dienst damit erwiesen. Die Wähler wollen nicht beide Ämter von einer Partei besetzt. Trotzdem will die ÖVP aber der SPÖ keinen guten Wahlerfolg gönnen, deshalb die Empfehlung zum Weißwählen.

*QED*
10
16.4.2010, 18:35
Wenn ich mich recht entsinne,

dann tritt Fischer diesmal als "unabhängiger Kandidat"
an. Aus Ihren Ausführungen entnehme ich, dass im
Fall hoher Zustimmung für Fischer, die SPÖ es als
Sieg für die Partei verbuchen würde. Die Stimmen für
Fischer würden dann zu Stimmen für die SPÖ. So etwas nenne Wählertäuschung!

radikal
00
16.4.2010, 21:18
Wählertäuschung

ist doch nichts neues
hat es schon öfter gegeben

*QED*
10
17.4.2010, 07:22
Leider ja,

siehe NRW 2006.

Harry Y.
 
02
18.4.2010, 16:00
Siehe auch

Feb. 2000.

*QED*
00
19.4.2010, 07:35

Im Febr. 2002 wurde eine Bundesregierung angelobt, die eine solide Mehrheit im Parlament hatte. Ein Teil der Linken wollte die demokratischen Spielregeln partout nicht akzeptieren.

Aber wo war da die Wählertäuschung?

hamstertier
02
16.4.2010, 14:38
zustimmung, herr traxler.

F G
00
16.4.2010, 13:10

Weiss zu wählen finde ich unsinnig. Wenn ich nicht abstimmen will gehe ich gar nicht hin.

ja aber
14
16.4.2010, 11:21
fuer die oevp ist demokratier nur ok, wenn sie gewinnt

leider eine komische ansicht. noch dazu als wichtiger, bezahlter lobbyverein der iv in der regioerung, waere eine staerkere demokratie & kontrolle wichtiger als je.

Protagoras v. Abdera
00
16.4.2010, 10:27
Da bleibt von der rot-weiß-roten Partei nur mehr das Weiß übrig

Demokratie fokusisiert sich aber entgegen der Generallinie dieser hysterischen Diskussion um die Wahlbeteiligung nicht auf den Wahlakt, im Gegenteil. Ein Kreuz auf dem Stimmzettel ist die Reduktion des Begriffes Demokratie auf einen kurzfristigen delegativen Akt. Demokratie bedeutet aber in Sinne Hannah Arendts politische Aktivität, auch außerparlamentarisch.

darkblue2
16
16.4.2010, 10:26

ganz einfach; wer sich selbst aus dem rennen nimmt weil er die hosen voll hat (övp), sollte dann aber auch den mund dazu halten und sich und den anderen jeden weiteren kommentar dazu ersparen;

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