"HeiFi" zappelt im Netz

15. April 2010, 17:05
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Ein Fischer geht im Netz auf Stimmenfang: "Im Verhältnis zu früheren Kampagnen eine kleine Revolution" - Die Konkurrenz verweilt noch in der "Prähistorie"

"Das wird die Wahl zwar nicht entscheiden", sagt Thomas Hofer, "aber so etwas hat es in dieser Form in Österreich noch nicht gegeben". Der Politikberater meint damit Heinz Fischer vulgo "Heifi", wie es heißt, wenn der Fischer im Netz auf Stimmenfang geht. Er betätigt sich etwa als "Partycrasher", lädt Blogger in die Hofburg oder schickt Videobotschaften an seine "Fans"; und alles wird fein säuberlich dokumentiert. 

Mehrere Kanäle

"Wir sind dort, wo die User sind, also auf Facebook, Twitter, Flickr und YouTube", erklärt Josef Barth, der als "Social Media"-Berater der Kampagne fungiert, gegenüber etat.at: "Wir wollen einer Öffentlichkeit, die gut informiert ist, auf Augenhöhe begegnen." "Auf Augenhöhe begegnen" heißt für Barth, direkt mit den Usern zu kommunizieren: "Authentisch und transparent."

Eine wichtige Plattform ist natürlich Facebook: "So können wir eine Öffentlichkeit erreichen, die nicht mehr so stark in Print und TV verankert ist." Fischer hat bis jetzt über 11.600 "Fans". Hier informiert er über Wahlkampftermine, promotet Videos oder wünscht "erholsame Feiertage". Feedback ausdrücklich erwünscht. Dass die Reaktionen nicht immer nur positiv sind, ist klar.

Wenige Beiträge gelöscht

"Kritik wird nicht entfernt, sondern ist sogar wichtig", sagt Barth. Bis dato könnten die auf Facebook entfernten User-Beiträge "auf einer Hand" abgezählt werden, so der ehemalige "profil"-Journalist, der sich vor kurzem selbstständig gemacht hat. Nur "rechtlich bedenkliche" würden dem "Entfernen"-Button zum Opfer fallen. In einem Forum, wo sich Leute fast ausschließlich mit ihrem echten Namen bewegen, prägten Argumente, nicht Beschimpfungen die Debatte, meint er.

Neben Facebook setzt das Kampagnen-Team vor allem auf Twitter als Kommunikationstool: "Ein Real-Time-Kanal, der einfach spannend ist und wo sich ständig was tut." Unter "beifi" (bei Fischer) twittert jemand aus Fischers Wahlkampftross. Die Debatten werden über eine "twitterwall" auch auf die Homepage heifi2010 gespielt. Auf dieser Plattform, dem zentralen Element des Online-Wahlkampfs, laufen alle Aktivitäten zusammen. Konzipiert wurde das Portal von Wolfgang Zeglovits und seiner Agentur "datenwerk", die für alle Web-Auftritte des Kandidaten verantwortlich zeichnet. Für die klassische Werbung ist Thomas Kratky mit kratkys.net zuständig. Die Fäden laufen im Wahlbüro unter der Leitung von Stefan Bachleitner zusammen.

Fischer "nicht auf einem Skateboard"

Dass ein 71-Jähriger, der sich plötzlich - und weil gerade Wahlkampf ist - auf jungen Plattformen bewegt, ein Glaubwürdigkeitsproblem hat, glaubt Barth nicht: "Es kommt eben darauf an, was man macht." Würde der Bundespräsident lustige Kommentare aus dem Tourbus twittern, "wäre das wahrscheinlich wenig authentisch". Um jüngere Menschen anzusprechen, müsse er sich "nicht auf ein Skateboard stellen", rät er tendenziell zur Zurückhaltung in Sachen Aktionismus.

"Er schaut dem Online-Team immer wieder über die Schultern und lässt sich zeigen, was die Leute so schreiben", sagt Wolfgang Zeglovits von "datenwerk" zu Fischers Web2.0.-Interesse, "das fasziniert ihn sehr". Die Kommunikation in Richtung Online-Community finde primär über seine Videobotschaften statt: "Damit lässt sich am besten zeigen, dass er das selbst macht", assistiert Barth. Die Clips werden über "Heifis" YouTube-Kanal verbreitet und auf allen Plattformen eingebunden. Das letzte Video zeigt Heinz Fischer als "Überraschungsgast" bei einem "Friends&Fischer"-Event, wie Zusammenkünfte, die die Wiederwahl zum Motto haben, genannt werden. Der Bundespräsident als "Partycrasher", heißt es in einem Facebook-Kommentar.

Alterslücke gut überbrückt

Politikberater Hofer attestiert dem Internet-Wahlkampf des Bundespräsidenten eine hohe Authentizität: "Ein 71-Jähriger kann sich nicht als Berufsjugendlicher inszenieren." Die Kluft zwischen einem relativ hohen Alter und jungen Medien wurde gut überbrückt, lobt Hofer im Gespräch mit etat.at. Die Teilung der Internet-Präsenz in eine "althergebrachte, seriöse" Webseite (heinzfischer.at) und ein Pendant für junge Wähler (heifi2010.at) hält er für eine gute Strategie.

So ein Wahlkampf könnte in Österreich Schule machen, glaubt Hofer, auch wenn es noch Luft nach oben gäbe: "Ein Testlauf, den sich die Parteien anschauen sollten." Er warnt aber davor, den Mobilisierungseffekt zu überschätzen, "deswegen werden nicht hunderttausende Jungwähler mehr zur Wahl gehen". Wandelt Heinz Fischer also auf Barack Obamas digitalen Spuren? "Teilweise", so Hofer, "manche Features wurden imitiert". Die Initiatoren Barth und Zeglovits hören das nicht so gerne: "Obama hat das Web 2.0 schließlich auch nicht erfunden", räumen aber ein, dass es durchaus Impulse gegeben habe: "Der wichtigste davon war, nichts blind zu kopieren, sondern einfach auf Augenhöhe mit der Community zu kommunizieren."

"Irgendwo in der Prähistorie"

Hofer sieht Fischer und sein Netz im Vergleich mit den zwei anderen Kandidaten "um Lichtjahre voraus". Rosenkranz und Gehring verortet er "irgendwo in der Prähistorie". Das sei natürlich auch eine Frage der vorhandenen Ressourcen, aber: "Die machen sich nicht einmal die Mühe, die Leute dort abzuholen." Die FPÖ-Kandidatin hat auf Facebook gut 1.500 Fans, die Gruppe "Gegen Barbara Rosenkranz als Bundespräsidentin" vereint über 92.000 Gegner. Rosenkranz als Person sei nicht unbedingt kompatibel mit dieser Zielgruppe, glaubt Hofer, "das ist eher Straches Metier". Rudolf Gehring, Kandidat der Christen, kommt auf rund 70 Facebook-Unterstützer.

Nach dem Schulnotensystem würde Hofer den Online-Wahlkampf von Fischer mit "Zwei Plus" bewerten, Rosenkranz bekäme ein "3-4" und Gehring einen glatten Fleck.

Zehn Prozent für online

Knapp zehn Prozent des gesamten Wahlkampfbudgets fließen bei Fischer ins Internet, wenn man "alle Produktionskosten für Videos etc. einrechnet", präzisiert Kampagnen-Koordinator Stefan Bachleitner: "Das klingt nach wenig, ist im Verhältnis zu früheren Kampagnen aber eine kleine Revolution." In der Schlussphase des Wahlkampfs könnte es auch eigene Banner geben. Das hänge noch von einschlägigen Testergebnissen ab, so Bachleitner. Ob nach der Wahl vor der Wahl ist und Fischer im Netz so präsent bleibt, steht noch nicht fest. Eine Fortsetzung in irgendeiner Form werde es aber sicher geben, prognostiziert er.

Das neuste "Spielzeug" aus Fischers Web 2.0-Fundus ist die Applikation "Fischer Yourself": Das eigene Konterfei kann mit den markantesten Präsidenten-Attributen "verschönert" werden. Mit von der Gesichtspartie sind Fischers buschige Augebrauen und die Sturmfrisur, die auf Facebook sogar einen eigenen Fanclub hat. (derStandard.at, 15.4.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bundespräsident erobert die Web 2.0.-Welt.

  • Der Auftakt zum "Internet-Wahlkampf": Heinz Fischer gibt seine Wiederkandidatur via Video bekannt.

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