Infektionen und Allergien können bei richtiger Therapie verhindert werden - Ausbildung von Neurodermitistrainern hat in Österreich begonnen
Wien - Die häufige Hauterkrankung Neurodermitis ist nicht nur unangenehm, sondern kann bei mangelnder oder fehlerhafter Therapie auch schwere Konsequenzen wie Infektionen oder Allergien nach sich ziehen. Eine konsequente, individuelle und der Schwere der Symptomatik entsprechende Behandlung ist daher ebenso wichtig wie die Mitwirkung der Betroffenen an der Therapie, raten Experten in Wien.
„Die Neurodermitis ist eine Hauterkrankung, und diese sollte daher auch vom Hautarzt oder der Hautärztin behandelt werden. Die Krankheit verlangt nach einer individuellen, phasengerechten Therapie, die in die Hände von Spezialisten gehört", betont Beatrix Volc-Platzer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Leiterin der Arbeitsgruppe Kinderdermatologie, die Zuständigkeiten in der Neurodermitis-Therapie, anlässlich des letzten Kinder-Haut-Tages in Wien.
Fehlbehandlung steigert Allergie-Risiko
Volc-Platzer: „Mit der richtigen Auswahl und Anwendung von Cremes und Salben kann man die gestörte Barrierefunktion der Haut wenigstens teilweise kompensieren. Darüber hinaus muss man jedoch auch die Entzündung behandeln. Am schnellsten wirkt lokal aufgetragenes Cortison. Bei Abklingen der akuten Entzündung kann es ganz oder teilweise durch die so genannten Calcineurininhibitoren ersetzt werden, Substanzen, die gezielt bestimmte Funktionen des Immunsystems beeinflussen." Eine konsequente und individuell abgestimmte Therapie mildert auch den Juckreiz. Vor allem reduziert die Therapie jedoch das Risiko, dass Kinder mit Neurodermitis schwere Allergien entwickeln. Denn durch die gestörte Hautbarriere können Allergene leichter in den Körper gelangen und zur Sensibilisierung führen.
Neue Schulung für Eltern und Kinder
Wichtig ist in der Behandlung der Neurodermitis auch die Mitarbeit der Betroffenen. Die Voraussetzung dafür ist Information. Spezielle Programme sollten Eltern und Kinder befähigen, unter ärztlicher Anleitung das „Management" der Erkrankung weitgehend selbst zu übernehmen.
„Die Ausbildung von Neurodermitistrainern hat auch in Österreich begonnen, und die Österreichische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie fördert derzeit die Ausbildung von Hautärzten nach dem Programm der AGNES (Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung)", sagt Volc-Platzer. Dabei werden Ärztinnen und Ärzte selbst zu Neurodermitistrainern ausgebildet. Diese schulen Eltern von Neurodermitispatienten und größere Kinder und Jugendliche. Im September dieses Jahres wird eine Schulung von Eltern von Neurodermitiskindern im Alter zwischen 0 und 7 Jahren erstmals auch im Donauspital in Wien angeboten. Betroffene bzw. deren Eltern erhalten unter der Telefonnummer 28802-4103 (Sekretariat der Dermatologischen Abteilung im Donauspital) nähere Informationen.
Gestörte Barrierefunktion -- Selbtausheilung möglich
Bei der Neurodermitis handelt es sich um eine komplexe, oft chronisch-rezidivierende Hauterkrankung , so Volc-Platzer. Die Barrierefunktion der Haut ist gestört und kann damit ihrer Schutzfunktion nicht mehr voll gerecht werden. Dazu kommt die Fehlfunktion des Immunsystems. Die intensive Forschung, die dieser häufigen Erkrankung in den letzten Jahren gewidmet wurde, hat mittlerweile viele Zusammenhänge und Hintergründe geklärt. Bei mehr als 30 Prozent der Betroffenen kennt man den Defekt in der Oberhaut, der Epidermis. „Es handelt sich um einen Defekt des Proteins Filaggrin, der weitreichende Folgen hat", sagt Volc-Platzer. „Die Haut-Barriere kann dadurch nicht vollständig funktionieren, wichtige Abwehrstoffe werden nicht oder nicht ausreichend gebildet, daher besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko. Das betrifft sowohl bakterielle Infektionen als auch Viren wie Herpes oder das humane Papillomavirus. Außerdem verliert die Haut durch die gestörte Barriere an Feuchtigkeit und ist typischerweise trocken, juckt unerträglich und ist gerötet."
Bislang ist es zwar nicht möglich, die genetische Störung, die zu diesen Problemen führt, ursächlich zu beheben, man kann jedoch mit einer individuell abgestimmten und der Schwere der Symptome entsprechenden Therapie die Auswirkungen mildern. Und auf Zeit setzen, denn bei 60 Prozent der Betroffenen kommt es nach der Pubertät von selbst zum Abklingen der Symptome. (red)