Die Umweltbranche gilt als Jobmotor, green Job klingt gut. Die nackte Realität sieht für die meisten Green Jobber anders aus
Wien - 185.000 Beschäftigte arbeiten laut Statistik Austria österreichweit im Bereich Klima- und Umweltschutz. Auf diesen so genannten "Green Jobs" ruht derzeit angesichts des darbenden Arbeitsmarktes alle Hoffnung. Geht es nach Umweltminister Niki Berlakovich (ÖVP) sollen bis 2020 weitere 90.000 Arbeitsplätze in diesem Bereich entstehen. Allein heuer würden rund 760 Millionen Euro für Maßnahmen zur Schaffung von umweltrelevanten Jobs zur Verfügung gestellt, so der Minister Anfang April. Solche Jobs seien sichere Jobs, schlug Berlakovich große Töne an.
Der Untermauerung dienen folgende Zahlen: In der Umweltbranche konnten in den vergangenen Jahren Umsatzzuwächse von zwölf Prozent erzielt werden. Außerdem würden pro Unternehmen bis zu zehn Mitarbeiter gesucht. Die Branche setze 29,8 Milliarden Euro um, was 10,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukt entspreche. Unterstützung kam auch von Wifo-Chef Karl Aiginger, der sich überproportionale Exporterfolge verspricht und sich zudem die Abfederung zukünftiger Arbeitslosigkeit erwartet: Die zusätzlichen 90.000 Jobs entsprächen in etwa "dem Anstieg der Arbeitslosigkeit, den wir in den nächsten drei Jahren erwarten."
Bauarbeiter als Green Jobber
Entzaubert werden die grünen Arbeitsplatz-Träume von AK-Umweltexperten Thomas Ritt. "Fast alles kann ein Green Job sein", weist Ritt im Gespräch mit derStandard.at auf eine fehlende Definition hin. Würde das Donaukraftwerk in Hainburg heute gebaut, wären die dort werkenden Bauarbeiter allesamt Green Jobber und keine Umweltvernichter, nennt Ritt ein drastisches Beispiel. "Auch die Automobilwirtschaft und die Intensivlandwirtschaft reklamieren Umweltjobs für sich, und ein Beschäftigter im Kernkraftwerk kann da genauso mitgerechnet werden", gibt Ritt zu bedenken. Weil fast alles ein "Green Job" sein kann, variieren die Schätzungen dieser Arbeitsplätze in Europa laut EU-Kommission zwischen 2,4 Millionen und 36,4 Millionen. Was dem Bürger und der Bürgerin da in der Regel vorschwebt, ist der gut bezahlte und abgesicherte Umwelttechniker in erfüllender Tätigkeit. Die nackte Realität sieht aber bei weitem anders aus.
Dreck wegräumen
Umweltschutz heiße heute vor allem Dreck wegräumen. Schwerpunkte der Umweltbeschäftigung seien vor allem Dienst- und Bauleistungen für die Abfallentsorgung, moniert der AK-Mann. Nicht überraschend sei so gesehen der hohe Ausländeranteil bei den Umweltbeschäftigten; und dort, wo es wirklich dreckig und ungesund wird, nämlich bei der Müllsortierung, der hohe Frauenanteil von rund 20 Prozent. Die Gleichung "Green Jobs sind Good Jobs" geht nach Ritts Erhebungen kaum auf. Etwa jeder dritte der klassischen Umweltarbeitsplätze ist nach seinen Schätzungen oft einerseits sehr schlecht bezahlt und andererseits auch noch mit hoher körperlicher Belastung und Gefährdung verbunden. Ein geringer Teil - vor allem bei NGOs wie Greenpeace - sei schlecht bezahlt, ohne Aufstiegschancen, aber immerhin erfüllend. Umwelttechniker, Solarfachleute, Energieberaterinnen und Umweltökonominnen spielen eine absolute Nebenrolle.
Nicht nur mehr, sondern auch gute Arbeit
Auch in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit solle es nicht nur um mehr Arbeit, sondern auch um gute Arbeit, wünscht man sich bei der AK: "Daher muss dort investiert werden, wo hohe positive Beschäftigungs- und Umwelteffekte mit einer zumindest zufriedenstellenden oder gar guten Arbeitsqualität zusammentreffen: in den Ausbau der Fernwärme, die Förderung der Wärmedämmung und in Maßnahmen für mehr Energieeinsparung und Energieeffizienz sowie in den öffentlichen Personennahverkehr", so Ritt. Bis zum Herbst soll nun laut Umweltminister Berlakovich ein Masterplan für die Schaffung von Umwelt-Jobs vorliegen, der die Strategien für die kommenden fünf Jahre vorgibt. Grüner Anstrich alleine, wird da vermutlich nicht genügen.