Wiens Synagogen, neu begehbar

15. April 2010, 15:30
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Zwölf Jahre lang arbeiteten zwei Architekten am virtuellen Wiederaufbau zerstörter Synagogen Wiens - das Ergebnis war in einer Ausstellung zu sehen

Wo gedenkt man der "verlorenen Nachbarschaft" - der vertriebenen, ermordeten jüdischen WienerInnen? Die Vernichtungsstätten - in Österreich Mauthausen, international Auschwitz - haben sich als Orte der Erinnerung etabliert. Mahnmale für Folter und Mord wurden zum Gedenken nicht aber für das Leben und Wirken jener Menschen, die es erlitten.

Virtueller Wiederaufbau

Die Architekten Bob Martens und Herbert Peter wählen einen anderen Weg: Sie wollten die Sakralbauten der gläubigen Juden und Jüdinnen ins Gedächtnis zurück holen. Zwölf Jahre lang arbeiteten sie und zahlreiche Studierende am virtuellen Wiederaufbau jener rund 23 großen Synagogen, die einst das Wiener Stadtbild zierten. Sie recherchierten Einreichpläne der Architekten, Aquarelle und Fotos der Tempel vor ihrer Zerstörung, alte Postkarten und Beschreibungen, sowie das architektonische Repertoire anhand von noch erhaltenen Synagogen jener Zeit. Anhand der typischen Ost-Ausrichtung der Synagogen rekonstruierten sie die Lichteffekte im Innenraum. Das Ergebnis: Nicht nur der Art, wie sich der Tempel ins Stadtbild einfügte, sondern auch der Atmosphäre im Inneren werden durch modernste Software anschaulich nachgefühlt. Das kulturelle Erbe, das während der Novemberpogrome restlos zerstört wurde, wird so wieder begreifbar.

Synagogen-Stadtführer

Das Ergebnis der Arbeit ist seit vorigem Jahr in einem handlichen Stadtführer "Die zerstörten Synagogen Wiens" einsehbar. "Den Unis wird oft nachgesagt, Elfenbeintürme zu sein. Also wollten wir keinen großen Bildband herausgeben, sondern eine möglichst breite Wirkung erzielen", erklärt Martens. Ein Stadtführer erschien als ein passables Format.

Seit Mittwoch sind die Modelle auch als Ausstellung zu sehen: Für die Schau "Verlorenes Kulturgut Synagogen", die auch reichlich Hintergrundinfos liefert, wurden die Räumlichkeiten der Gebietsbetreuung Brigittenau am Allerheiligenplatz gewählt. Allein in der Brigittenau und in Leopoldstadt gab es acht Synagogen und 50 Bethäuser für die ansässige - meist in ärmlichen Verhältnissen lebende - jüdische Bevölkerung.

Martens und Peter erinnern an Zeiten, da der Bau eines jüdischen Gotteshauses namhaften Wiener Architekten noch als Schmuckstück ihres Lebenslaufes diente.

Abziehbild-Architektur

Etwa an Ludwig von Förster, der an der Planung der Wiener Ringstraße beteiligt war und mit Otto Wagner zusammenarbeitete. Förster, selbst evangelischen Bekenntnisses, schuf bedeutende jüdische Sakralbauten wie den Großen Leopoldstädter Tempel in der Tempelgasse 3, die Synagoge im nordostungarischen Miskolc, aber auch die Große Synagoge in Budapest - heute die größte erhaltene Synagoge Europas. Er plante auch christliche Kirchen, wie die Kirche Maria-Hilf im sechsten Bezirk oder die Evangelische Kirche in Gumpendorf. Wer letzteren Bau mit der Synagoge in Miskolc vergleicht, wird die frappante Ähnlichkeit kaum übersehen - ein typisches Vorgehen der ArchitektInnen, wie Herbert Peter erklärt. "Die Vermutung liegt nahe, dass hier ein Modell entworfen wurde, und je nachdem, ob es eine Synagoge oder eine Kirche werden sollte, und je nachdem, ob der Bau an einer Straßenecke oder freistehend positioniert werden sollte, dann entsprechend abgewandelt wurde." Anders gesagt: Innenraum ist Innenraum - erst Davidstern und Kruzifix, Bima und Altar legten die Zweckwidmung fest.

Nicht zu imposant

Dennoch herrschten für Synagogenbauten besondere Bedingungen: Der Standort durfte nicht allzu prominent sein, die Erscheinung des Baus nicht zu imposant. "Sie können Gift darauf nehmen, dass eine Synagoge immer an einer bad location gebaut wurde", formuliert es Martens. Insofern hatten es jüdische Gemeinden in Wien schwerer als jene in Bukarest oder Sofia: "Als Hauptstadt der katholisch dominierten Donaumonarchie musste man das Andersartige auch architektonisch unterdrücken", meint Peter.

Die Rekonstruktion der Bauten war Knochenarbeit. Zwar kam ihnen der "in Österreich weit verbreitete Drang zur Archivierung" entgegen, sagt Martens. Doch sagen die Einreichpläne kaum etwas über die Inneneinrichtung aus - und selbst dort, wo es Fotos gibt, sind sie in Schwarz-Weiß.
"Es war uns wichtig, nicht zu schwindeln", sagt Peter - auch, was die Farbgestaltung im Interieur betrifft. "Dort, wo wir nichts über die Farbe wissen, arbeiten wir mit Weiß und Lichteffekten." Erschwerend wirkte, dass die Modellierungs-Software während des zwölfjährigen Projektzeitraums zehn Mal überholt wurde - "eine Herausforderung", schmunzelt Peter. Die Verbildlichungen werden durch historische Bilder der Synagogen, durch Grundrisse und Vergleichsbilder anderer Bauten ergänzt.

Breitenwirkung erwünscht

Die Arbeit ist noch nicht zu Ende. Visualisierungen der zerstörten Synagogen in Mödling, Wiener Neustadt, Bruck/Leitha sind in Vorbereitung. Was die Wiener Schau betrifft, wünschen sich die Architekten ein möglichst großes Echo: "Eine Wanderausstellung in Schulen wäre ideal", sagt Peter. Ob der virtuelle Wiederaufbau auch in den Köpfen der AnrainerInnen stattfindet, wird sich weisen: Lokale Initiativen, wie die Bürgerinitiative Mariahilfer Synagoge, arbeiten daran. (mas, derStandard.at, 14.4.2010)

Info

Verlorenes Kulturgut Synagogen

Die Ausstellung in der Gebietsbetreuung Stadterneuerung am Allerheiligenplatz 11 ist bis 25. Juni zu sehen, der Eintritt ist frei. Am 28. April findet eine Führung durch die Überreste der Synagoge Kaschlgasse (Wien 1020) statt, am 4. Mai (Jüdisches Museum Wien) und am 26. Mai (GB 20) erklären die Architekten in einem Vortrag die Hintergründe des Projekts.

Links

"Die zerstörten Synagogen Wiens - Virtuelle Stadtspaziergänge"

Gebietsbetreuung 20

www.synagogen.info

  • Außenansicht des Leopoldstädter Tempels: Ludwig von Förster bediente sich eines optischen Tricks, indem er die Straße "ausbuchtete" und den Tempel quasi freistellte
    foto: martens/peter

    Außenansicht des Leopoldstädter Tempels: Ludwig von Förster bediente sich eines optischen Tricks, indem er die Straße "ausbuchtete" und den Tempel quasi freistellte

  • Wo der Tempel Pazmanitengasse - auch Kaiser Franz Joseph Huldigungstempel genannt - stand, befindet sich heute ein Wohnaus der Stadt Wien
    foto: martens/peter

    Wo der Tempel Pazmanitengasse - auch Kaiser Franz Joseph Huldigungstempel genannt - stand, befindet sich heute ein Wohnaus der Stadt Wien

  • Die Farbgebung der Mariahilfer Synagoge wurde anhand von privaten Fotos rekonstruiert
    foto: martens/peter

    Die Farbgebung der Mariahilfer Synagoge wurde anhand von privaten Fotos rekonstruiert

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