Zukunftsperspektiven

"Das Internet" ist nicht an allem schuld

Anita Zielina, 14. April 2010, 14:59
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    Krise, und was jetzt? Neue Ideen fehlen.

Das Schreckgespenst "Gratiskultur" lähmt eine ganze Branche - Für innovative Ideen ist momentan nur wenig Platz

Wenn momentan über die "Zukunft der Medien" debattiert wird, geht es dabei vor allem um eines: Das Geschäftsmodell Zeitung beziehungsweise Onlinezeitung. Ganz in dem Tenor: Print ist tot, und Online verdorben von der "Gratiskultur". 

Vor lauter Schreckstarre angesichts eines sich verändernden Medienmarktes wird völlig vergessen, über die Zukunftsperspektiven von Print- und Onlinemedien abseits der kaufmännischen Seite zu sprechen. Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad verständlich und legitim, dass sich JournalistInnen Sorgen um ihre Zunft machen - und nicht zuletzt um ihren eigenen Arbeitsplatz. Und trotzdem: Keine andere Branche ist momentan derart in einer Mischung aus Selbstmitleid und Angst gefangen. Beides nicht die besten Voraussetzungen, um kreativen, innovativen und qualitativen Journalismus zu machen.

Ja, es stimmt dass die Rahmenbedingungen für Qualitätsjournalismus härter geworden sind. Dass Journalistenkollektivverträge umgangen werden und freie Dienstverträge zunehmen. Und dass für viele Medien Onlinewerbung (noch) nicht ausreichend abwirft, um damit eine seriöse Onlineredaktion zu unterhalten.  Das alles wird niemand bestreiten. Und gerade angesichts dieser Punkte wäre es um so wichtiger, neue Ideen zu ventilieren, statt ausschließlich verflossenen guten Zeiten nachzuweinen.

Gratismedien, ob Print oder Online, würden zu einem Verfall der Qualität der öffentlichen Diskussion führen, und in weiterer Folge die Boulevardisierung vorantreiben. So formuliert es Soziologe Kurt Imhof, und das Bild das er zeichnet ist düster: "Wir befinden uns in einer existenziellen Krise des Qualitätsjournalismus". Schuld daran wiederum die "Gratiskultur", die zu einem Absinken von Qualitätsstandards führe und zu einem Strukturwandel in der Öffentlichkeit. "Unsere Ursünde lautet 'gratis'", formulierte es Furche-Chefredakteur Claus Reitan bei einem "Diskursbrunch" des Medienhaus Wien, bei dem Imhof zu Gast war. 

Und immer wieder kommt der Vorwurf: Onlineplattformen seien qualitativ nicht so hochwertig wie ihre Printschwestern, könnten gar keinen echten Qualitätsjournalismus bieten. Eine Aussage, die immer wieder kommt, von Verlegern, Chefredakteuren und Print-Journalisten. Ganz so, als wäre es ein Naturgesetz, dass online kein guter Journalismus möglich ist.

Liebe Medienverantwortliche: Wenn Onlineredaktionen jahrelang an der kurzen Leine gehalten werden, keine Investitionen getätigt werden und Personal schlecht bezahlt wird, kurz: Keine Zeit, kein Geld und keine Ideen investiert werden - dann ist es tatsächlich so, dass kein Online-Qualitätsjournalismus möglich ist. Daran sind aber weder "das Internet" noch das Schicksal schuld, sondern ganz alleine Sie selbst. Weil: Qualität kostet. Egal ob auf Papier oder Bildschirm.

Veranstaltungen

Die "Hedy Lamarr Lectures", in deren Rahmen Kurt Imhof in Wien war, werden von der Akademie der Wissenschaften, Telekom Austria und dem Medienhaus Wien veranstaltet. Die Befassen sich mit den Zugängen zu Wissen, Informations- und Kommunikationstechnologien und ihren Folgen.

Links

Kurt Imhof auf Science.orf.at: "Schlechte Medien bringen Politik-Populismus"

Kurt Imhof in der NZZ: "Wir verdienen keinen Billig-Journalismus" 

Artikel über Kurt Imhof in der Wiener Zeitung: Die Verpackung der Welt

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21 Postings
nodiesop
10
15.4.2010, 12:08
Jede Medaille hat 2 Seiten

je größer das Plus, desto größer auch das Minus... oder anders gesagt - will man das Plus, so muß man mit dem Minus auch leben lernen...

Konkret zB Jugendliche, die sich die härtesten Pornos ansehen können - ein technischer Rückschritt (Internet abschaffen) geht nicht, also damit leben lernen... eine vernünftige frühzeitige Aufklärung beispielsweise...

falsch wäre zB eine technische Bremse (Filter) einzubauen - die Kids sind ihren Eltern in 99% der Fällen überlegen - das wäre nur eine scheinbare Sicherheit... und würde nur zu weiteren Perversionen führen...

rigardi
00
15.4.2010, 15:10

Thema verfehlt. Setzen.

t-bonesteak
00
15.4.2010, 12:05
ich halte die frage, ob qualität online oder in printform kommt

auch eher für nebensächlich. hauptsache, es gibt guten journalismus. das problem ist aber, dass es noch keine funktionierenden geschäftsmodelle gibt. und die entwickeln sich auch nicht von heute auf morgen.

ebenso ist mit der qualität im netz auch noch nicht weit her. fast alles, was an gutem journalismus im web geboten wird ist auf seiten von printmedien zu finden.

und das journalisten sich angesichts der von ihren verlegern und herausgebern zu verantwortenden sparmaßnahmen (stellenabbau bis hin zu null (0) angestellten redakteuren) und dem ruf nach "bürgerjournalisten" (=gratiscontent), sorgen um die zukunft ihres berufes machen, halte ich für mehr als verständlich.

Kapitalismus Luege
02
14.4.2010, 22:58
nicht Gratiskultur, andere Businessmodelle

was glaubt ihr wenn Google erst in der Telekom loslegt.

Dann kriegst dein Lieblings-handy umsonst, der Anruf kostet weltweit nix, und statt des Freizeichens wird eine nette Werbung eingespielt.

Ein Überdenken / Auf - und Neuknüpfen der Wertschöpfungskette ist überall erforderlich, nicht nur bei euch Journalisten.

Arbeitsplätze im Fixbestand gibt's halt nur für Bosse - auch nicht onlinemedien-spezifisch.

Abteilung an kurzer Leine gehalten - ha, davon kann so mancher ein Lied singen.

Und von einem Qualitätsblatt erwarte ich mir kein herumjeiern, sondern eine Analyse warum das so ist und ob es so gut ist.

Der Mann
01
15.4.2010, 11:51
pflichte

ihnen vollkommen bei.

ergänzen könnte man, dass gerade "qualitätszeitungen" im online markt ein gutes geschäft machen könnten.

Nachweislich aufgeklärtester Bürger der EU
 
00
14.4.2010, 21:15
Irgendwie fühle ich mich jetzt schmutzig, weil ich den Flashblocker (Firefox Add-On)

installiert habe.

ultrakarmingrau
12
15.4.2010, 10:28
schmutzig ist geil!

im ernst: flash-werbung ist meist das gegenteil von qualitäts-werbung. wer nicht einfach und klar sagen kann, warum sein produkt für kunden interessant sein soll, der greift zu flashigen effekten, um wenigstens ein bißchen vordergründige aufmerksamkeit zu gewinnen.
wir alle werden apple noch dankbar sein, daß sie mit dem ipad den ersten schritt zu einem flash-freien web getan haben.

zoran2k
05
14.4.2010, 22:14
ich mich nicht

flashwerbung nervt nämlich extrem

ich frag mich
01
14.4.2010, 20:55
qualitätsjournalismus?

so wie etwa in der zeitung "österreich"? oder etwa in den regionalzeitungen? qualität hin oder her. es kommt ja auch noch die "meinungsbildung" dazu, weil praktisch jedes medium von irgendeiner partei oder parteinahem unternehmen abhängig ist. da ist mir auf lange sicht lieber, dass die leute selbst schreiben, diskutieren, etc. wie auf http://www.unserdaheim.at oder http://www.scoop.at.

grazing snake
02
14.4.2010, 19:09
Wer zum Kollektivvertragslohn arbeitet sollte sich nicht "Qualität" nennen,

das Unterlaufen von Kollektivverträgen betrifft ja nur die auf so einen Schutz angewiesen sind - und im Kreativbereich wie Kunst und Kultur aber auch Forschung, wo der einzelne kein Massenarbeiter an einem Massenprodukt ist sondern in seiner Leistung sichtbar ist das sowieso was anderes als bei einer Gebäudereinigungsfirma oder der Post.

Welcher Qualitätsjournalist hat Angst vor Dumpingpreisen der Konkurrenz?
Klingt fast so als wenn die Autos von Jaguar sich schlecht verkaufen, dann ist die Billigkonkurrenz von Dacia schuld - und nicht die bessere Qualität von Audi.

Bitte nicht hinterm Gartenhaus.
01
15.4.2010, 01:04

Du hast keine Ahnung von dem Geschäft, oder? Und nein, das ist keine Attacke. Aber Fakt ist: Da wäre einerseits diese 'Gratiskultur', der man nicht mit Allerweltsware entgegentreten kann. Meine APA-Meldungen kann ich überall lesen, da ist es egal, ob ich zur Krone Online oder hierher komme. So wird das nix.

Das Gegenrezept ist Qualität.

Aber die kann sich niemand leisten, weil auch im Print das Werbegeschäft schon seit Jahren wegbricht. Also greift man zu einem der ca. 800 (!) Publizistik-Absolventen, die die Unis jedes Jahr auskotzen. Die sind gewohnt, ganz gratis zu arbeiten und freuen sich über 800 Euro netto mit einem freien 'Vertrag'. Was rauskommt, kann man beobachten... und so schließt sich der Teufelskreis.

Der Mann
00
15.4.2010, 11:58
warum

bricht das werbegeschäft weg?

da sollten sie anfangen. es gibt defacto keine große qualitätszeitung in österreich.
es gibt sicher qualitätsreporter - aber große zeitungen.

das liegt aber nicht am geld, sondern am willen - und natürlich will dann keiner was für den schrott zahlen.

kennen sie brand-eins - die machens anders und da zahlen die leute auch dafür.

Bitte nicht hinterm Gartenhaus.
01
15.4.2010, 12:12

Das ist alles ein bisschen komplexer. In Österreich ist die Medienlandschaft zum Kotzen. Da gibts zwei Megaplayer - den ORF und die Krone - und sonst nicht viel. Beim ORF hast keine Chance. Die Krone ist sehr speziell, das muss man aushalten (habe ich, für ein halbes Jahr).

Daneben ist eigentlich nicht viel Platz. Zwei Qualitätsblätter, die aber auch keinem internationalen Vergleich standhalten (sorry Standard) und am Personal sparen müssen. Ein paar Regionalzeitungen wie die OÖN und viel Gratisdreck, der Löhne unterhalb des Niveaus vom Billa zahlt. Das wars.

Dazu kommen Hunderte Publizistik-Absolventen, die gern auch gratis arbeiten.

Brand Eins belegt übrigens eine Nische. Da gibts viele Beispiele und keines nimmt Leute auf.

Dust von Dust
01
14.4.2010, 19:01
man braucht keine gatekeeper mehr

die funktion der klassischen medien...

bösartigster Schlechtmensch
00
14.4.2010, 17:56
Brauchen Sie eine Gehaltserhöhung?

01052004
04
14.4.2010, 17:24
weniger wäre mehr???

für online: kein drag&drop mehr von der apa??? wirklich recherchierte artikel??? keine schnellschnell-zwischen-tür-und-angel-artikel??? artikel in gutem deutsch??? keine übernahme von spiegel-artikeln jeweils mittwochs oder donnerstags???

das wär doch was...

nur ihr redakteure lebt an der welt vorbei:
hebt den goldschatz der stadnard-poster: ok, 95 prozent sind taubes gestein, der rest aber "virtuelle goldnuggets"...

wenn online-medien bidirektional werden, aus dem einbahndenken herauskommen...naja, anfänglich hatte es auch das automobil nicht leicht...

serife
00
15.4.2010, 15:15
@ 01052004 - Danke, aus der Seele gesprochen!

Dass "Jounalisten" heute den Niedergang ihrer einst bewunderten Branche beweinen, liegt nicht an "Gratis" - das hat's im Printbreich auch schon seit Dezennien gegeben.
Schuld ist der seit dem Internet übliche "Copy&Paste-Jounalismus" mit Hilfe der APA. Richtigerweise kann man APA-Artikel überall lesen. Redakteure verlernen schon seit 20 Jahren deutsch, Korrektoren hält sich kein Zeitungshaus mehr, und Namen wie Maurus-Fontana, Basil, Beer, sind heute niemandem mehr ein Begriff.
Wozu Qualitätsjournalismus? Blut-Meldungen, Skandale und Gerüchte, das wollen die leseschwachen Kunden von heute lesen, nicht mehr.
Ich habe als ehemaliger Print-Redakteur leider den "Verfall" durch Jahre beobachtet!

t-bonesteak
00
15.4.2010, 11:59
na ja.

die übernahme, das zitieren von artikeln anderer publikationen ist nicht das problem - keine redaktion kann alles auf einmal abdecken. die frage ist, was danach kommt.

und was agenturmeldungen angeht, so muss man auch differenzieren - niemand kann es sich leisten in jedem winkel der welt einen korrespondenten vor ort zu haben.

und btw, weil es mir gerade einfällt: schauen sie sich mal die welt der vielgerühmten blogger an: fast alle bedienen sich an den artikeln der "klassischen" medien die von ihnen auf der anderen seite immer wieder abqualifiziert werden. eigenrechercheanteil bei den meisten = 0 (null).

gueldensternn
02
15.4.2010, 10:02

Leider wird umgekehrt ein Schuh draus: Die Poster sind tatsächlich Goldnuggets, aber nicht als Contentlieferanten, sondern als Klickschweinchen AKA Unique-Clients.
Aus diesem Grund wird jede blöde Meldung von APA, Pressetext, OTS, BangMedia (meist ungeprüft) übernommen. Je polarisierender die Meldung, desto mehr Postings, je mehr Postings desto mehr Traffic, je mehr Traffic desto teurer gehen die Ads weg…
Wir sind nicht als Leser interessant, sondern als Klickschweinchen. Und das Modell funktioniert. Standard.at ist meines Wissens profitabel. Qualität kann man natürlich auch online liefern, nur rechnet sich das ned.

Husten, Schnupfen, Heiserkeit
00
14.4.2010, 21:05

Die ständigen Rechtschreib- und Interpunktionsfehler in Schlagzeilen auf der Startseite sind auch vermeidbar und zeigen traurig an, auf welchem Niveau österreichische Qualitätsmedien operieren.

Thomas Jackson
11
14.4.2010, 16:06

Grünes Stricherl!

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