Holt die Skins aus der Ecke, statt sie dort auszustellen

12. April 2010 18:58
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    Foto: orf

    Die Protagonisten der von H.-C. Strache ins Gerede gebrachten "Schauplatz"-Dokumentation. An martialischen Lagerfeuern werden Medien-Strohfeuer entzündet - den Betroffenen nützt es wenig.

Neue Bilder, neue Sounds? Wo kämen wir da hin! Sendungen wie die umstrittene "Schauplatz"-Doku mit zwei Skinheads bestätigen alte Urteile, zur Wahrheitsfindung tragen sie wenig bei - Von Klaus Karlbauer

Film ist 24-mal pro Sekunde Wahrheit. (Jean Luc Godard)
Film ist 24-mal pro Sekunde Lüge. (Rainer Werner Fassbinder)

Dokumentation oder Inszenierung? Bezahlen oder nicht? Welche Bilder wollt ihr sehen? Welche Töne wollt Ihr hören? Rechte oder linke, schwarze oder weiße, welche, die ihr schon kennt oder neue?

Warum wird auf dem bereits Bekannten herumgetrommelt wie auf der Trommel eines Voodoo-Zauberers oder der sonnen-, äh, hirnverbrannten Glatze eines rechtsradikalen Skinheads? Weil die Bestätigung dessen, was man schon weiß, dem, der davon überzeugt ist, und sei es der Einfältigste aller Einfältigen, und nur Einfältige und Hausmeister sind immerfort von etwas überzeugt (frei nach Heimito von Doderer), das Gefühl verleiht, (noch) am Leben zu sein, noch nicht gestorben zu sein, "ich bin immerfort von etwas überzeugt - also bin ich". Soweit zu den Nachfolgern Descartes'.

Im Speziellen ist unlängst ein Nicht-Diskurs vom Scheintod zum Scheinleben erweckt worden, in dessen Epizentrum ein Typus von geradezu mythischen Dimensionen steht, der Typus des österreichischen "Sieg Heil grölenden" rechtsradikalen Skinheads und dessen staatsgefährdendes Agieren. Der eher tristen Realität, die hinter dieser Medien-Blubber-Blase steht, bin ich vor mittlerweile 15 Jahren sehr nahe gekommen, denn ich bekam Zutritt zu den sagenumwobenen Schalt- und Waltzentralen dieser Szene. Ich habe Einblick bekommen in die Gedankenwelt dieser Mädels und Burschen, was keineswegs zu einem Verständnis meinerseits für ihre Positionen führte, sondern vielmehr zu einem Verstehen, warum sie diese, für sich selbst zerstörerischen Positionen einnahmen und wahrscheinlich wohl noch immer einnehmen, denn Resistenz gegen jegliche Entwicklung war eines der Hauptmerkmale dieses Trauerspieles.

Mit einer derartigen Position befindet man sich jedoch in einem Land, wo der Begriff "konservativ" positiv besetzt ist und in verschiedensten Varianten fröhliche Urständ feiert, in bester Gesellschaft.

Unsere "Skins" stammten zu allem (symbolischen) Überfluss aus Braunau und Umgebung. Ich wurde von zwei Streetworkern im Jahr 1995 eingeladen, im Auftrag der Oberösterreichischen Landesbildstelle (!) einen Schulfilm über diese Szene zu drehen, der danach in allen Pflichtschulen zum Einsatz gelangen sollte, um Schülern einen Einblick in einen gesellschaftlichen Randbereich zu geben. Don't forget, wir sprechen hier von einer Minderheit!

Die Absicht der Auftraggeber war ehrenhaft, die Streetworker waren geradezu visionär in ihrem Umgang mit schwierigen Jugendlichen (als Belohnung dafür wurden sie ja auch kurz danach wegrationalisiert). Und ja, die Jugendlichen kooperierten nach anfänglich Ressentiments gegen "die mit der Kamera, die uns nur benützen, um uns danach so darzustellen, wie sie selbst es wollen und nicht so, wie wir sind". Das heißt, die Skins fühlten sich missbraucht von den Medien. Als drastisches Beispiel wurde sowohl von den Jugendlichen als auch von den Betreuern der exemplarische Fall berichtet, dass ein deutsches Magazin ein Team schickte, das mit den Skins martialische Lagerfeuer-Szenen inklusive Bücherverbrennung inszenierte. Der Soundtrack stammte von Störkraft. Böhse Onkelz, nur was für Weicheier!

Ku Klux Klan meets Osterfeuer!

Dokumentation oder Inszenierung? Bezahlung oder nicht? Das sind die falschen Fragen. Die einzig richtige Frage lautet: Warum glauben diejenigen, die diese Bilder produzieren, dass wir Konsumenten genau diese Bilder sehen wollen? Wem ist damit geholfen? Warum dieses ewiggestrige Festhalten am Ewiggestrigen? Warum so konservativ? Noch dazu, wenn genau dadurch jegliche Kommunikation mit der betroffenen Gruppe verunmöglicht wird. Ist das das Ziel? Wollen wir uns diese "nützlichen Quoten-Idioten" weiterhin als Material verfügbar erhalten, um je nach Bedarf statt martialischen Lagerfeuern dürftige Medien-Strohfeuer anzuzündeln?

Nein, Klischees müssen offenbar weiterleben. Neue Bilder, neue Sounds? Also Bitte! Wir bleiben konservativ "bis ans End", denn das ist die Apotheose dieses Geisteszustandes.

Die Realität der Jugendlichen, denen ich begegnet bin, lautet: Verwahrloste Familienverhältnisse, Gewalt statt Kommunikation von Kindheit an, mangelnde Ausbildung, mangelnde Job-Aussichten. Der übliche brisante Mix, der sich nicht (mehr) auf diese Randgruppe beschränkt. Die anfänglich trotzige Pose wird von der Gesellschaft nicht als Anlass gesehen, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, sondern sie zu kriminalisieren (Dr. Udo Jesionek), und so schreitet die Radikalisierung fort, gefördert von findigen Agitatoren der ultrarechten Szene und all den anderen Quoten- und Wähler-Junkies.

Ja, der Film wurde fertiggestellt nach -zig Änderungswünschen von Seiten der Landesstellen, Politik, Exekutive und wurde danach dennoch nicht an Schulen eingesetzt.

Die Filmaufnahmen von einer zweiwöchigen erlebnispädagogischen Reise auf einem Segelschiff in Irland, die wir gemeinsam mit den Jugendlichen und ihren Betreuern unternahmen, wurden überhaupt gestrichen mit dem Argument, "Wenn die Wähler sehen, was mit Steuergeldern ..." We know! As usual!

Präsentiert wurde das Projekt aufgrund meiner Initiative in Kooperation mit den Streetworkern in elaborierter Form als Multimedia-Performance "Rechte Bilder Rechte Sounds" in verschiedensten Zusammenhängen quer durch Österreich und führte jedes Mal zu äußerst heftigen Diskussionen.

In diesem Sinne: "Suchen wir den Dialog mit Minderheiten aller Art, vor allem mit Jugendlichen, nicht nur mit jenen, die uns sympathisch sind, und drängen wir sie nicht in eine Position, aus der es für die Betroffenen keinen Ausweg gibt!" (Klaus Karlbauer, DER STANDARD; Printausgabe, 13.4.2010)

Zum Autor
Klaus Karlbauer ist Komponist und Multimediakünstler

Zum Thema
derStandard.at/Etat zum ORF-"Schauplatz"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 87
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16.04.2010 13:15
ich werde das versuchen

ich suche mir ein paar skins, lade sie zu keksen und cola ein und diskutiere mit ihnen.

Poldi Prettljausn
16.04.2010 00:55
Glasklarer Kommentar!

Der ORF wie andere populistische Medien auch produziert zielgruppenorientiert "Am Schauplatz" alte oder neue Bilder, je nach dem, was das Publikum wünscht. Die Wahrheit will niemand sehen.

Plastic movies for plastic people.

tv-reporterin
13.04.2010 19:22
ich verstehe nicht einmal

was genau sie sagen wollen.

kann der argumentationslinie - gibt es eine? schlichtweg nicht folgen.

sie wollten einen film machen, der wurde zensiert? oderwie?

Vielleicht erst selber lernen, wie man sich klar ausdrückt. UND DANN erst andere kritisieren, die sie wohl nicht einmal angeschaut haben. Ich habe solche Bilder noch nicht oft gesehen. Hier wurde sehr wohl der Versuch unternommen, hinter Fassagen und Sprücheklopferei zu schauen.

Sehr merkwürdiger, unverständlicher Kommentar.

major schloch
15.04.2010 22:06
mir geht's gleich.

aber wenn jemand innerhalb weniger zeilen godard, fassbinder, doderer & descartes bemühen muss, hat er selbst offenbar nicht allzuviel zu sagen.

Lord Lurch
13.04.2010 18:37
Naja

es stimmt sicher, dass die Mitläufer Indoktrinierte sind, die aus nicht allzu rosigen Verhältnissen kommen. Das stimmt für jede radikale Gruppierung. Es stimmt aber auch, dass man mit Leuten, die nicht für rationale Argumente zugänglich sind, nicht diskutieren kann. Wenn alles außerhalb dieser und jeder anderen kleinen Welt "Feindpropaganda" ist, was soll man dann machen? Ich bin gegen Kuscheln mit Radikalos, sondern für entsprechende Behandlung bei Überschreitung von demokratischen und kriminellen Grenzen. Tollwütige Hunde können auch nix für ihre Krankheit. Trotzdem muss man die Menschen vor ihnen schützen und verhindern, dass sich die Tollwut weiter ausbreitet.

Bluestone
13.04.2010 16:37

Ach so ja-Skins-die neuen Freunde von van der Bellen.

warumnurwarum
13.04.2010 16:00

diese, sich bewegende bannerwerbung nervt dermassen, daß ich den artikel nicht lesen kann.

The Use and Abuse of Social Science
13.04.2010 14:02
Bestätigt kann nur werden was man tatsächlich schon weiß.

Wer auf die regelmäßige Wiederholung bestimmter Diskurse verzichtet (und damit auf die politische Integration nachkommender Generationen vergisst), muss damit rechnen, dass ein in der Vergangenheit geführter Diskurs und der eine oder andere eventuell gefundene Konsens, also kurz gesagt das "bereits Bekannte", langsam aber sicher erodiert.

Abgesehen davon stimme ich der zentralen Botschaft dieses Artikels definitiv zu.

john pell
13.04.2010 13:50

Dieses Diskussion solten erweitert werden an alle Medien die von der Republik Österreich millionen euro bekommen ,Presse Forderung,
die Bambi Titten wettbewerb ,Lugner sager änliche blösdzen die wir alle mitfinazieren ,auch die ehrfidentet Geschichte von die Boulevoaur Medien ,österreich ,krone news,sind von uns mitgezahlt ich glaube dass die quote ist ein dorm in augen für die viele gute Jornalisten die auf die Quote sich Prostituiren Mussen.
was ORF mit seine reportage gemacht hat ist gross artig weiter so
Übrigens wehr glaubt zu wissen was der pubblikum mag ist ein Diktator!!!!

Herr Kurt aus Hütteldorf
13.04.2010 15:55

witzig finde ich dass Sie "Titten" richtig schreiben können "Publikum" oder "großartig" jedoch nicht.

insertnamehere
 
13.04.2010 13:34
"In diesem Sinne: "Suchen wir den Dialog mit Minderheiten aller Art, vor allem mit Jugendlichen ..."

Moment amal.

Der Autor, der weiter oben erklärt, dass er aus eigener Anschauung weiß, dass die Realität der Jugendlichen im konkreten Fall unter anderm aus "Gewalt statt Kommunikation von Kindheit an" besteht, will also, dass wir Kommunikation mit denen suchen, oder wie versteh ich das?

Ich persönlich finds ja eigentlich vollkommen in Ordnung, dass in unserer Gesellschaft die "Kommunikationsstrategie Gewalt" im Allgemeinen mit sozialer Ächtung bestraft wird.

Schweinebacke
13.04.2010 18:18

Haben Sie ein Kind?

Wissen Sie, was passiert, wenn Sie ein aggressives Kind mit "sozialer Ächtung bestrafen"?

Die Gewalt wird sich steigern.

insertnamehere
 
13.04.2010 20:59
Ich hab kein Kind und um solche gehts auch nicht.

Wenn ein Erwachsener offenbar immer noch nicht begriffen hat, dass Gewalt KEIN Kommunikationsmittel ist, sehe ich ÜBERHAUPT NICHT ein, wieso ich einen Dialog mit dem suchen soll.

Meine Zeit, die ich ja auch nicht gestohlen hab, verbringe ich lieber mit Menschen, die ich mag. Schlägertypen mag ich NICHT.

So gut wie niemand, den ich kenn, mag Schlägertypen.

Ein Beispiel:
Was ist es denn anderes als soziale Ächtung, wenn zB amtsbekannte Hooligans nicht mehr zu öffentlichen sportlichen Großveranstaltungen dürfen und sich so gut wie ALLE einig sind, dass das eine GUTE Idee ist?
Das ist "DU darfst nicht mitspielen" für Große.

Glauben Sie ernsthaft, wir hätten weniger Gewalt, wenn man Hools NICHT von zB der EM ausschlösse?

fatal sozial
13.04.2010 13:10
warum glauben diejenigen produzenten..

... das wir diese bilder sehen wollen?

die antwort liegt vielleicht in der betrachtung der ehemaligen realsozialistischen staaten in denen die
ständige anrufung des rechten feindbildes einer problemlösungsunfähigen und gegenseitig verstrickten elite als eine der letzten rechtfertigungen galt ...?

Herr und Frau Österreicher
 
13.04.2010 14:30
"warum glauben diejenigen produzenten.. ... das wir diese bilder sehen wollen? "

das wird zumeist an den zuschauerqouoten gemessen, und entspringt nicht irgendeinem heimlichen ZK, dass Sie anscheinend verfolgt...

spekulant_in, realwirtschaftlich
13.04.2010 18:43
das behaupten Sie doch nur, weil Sie dazu gehören.

ertappt!

:D

fatal sozial
13.04.2010 16:17
auch ohne zk...

... wundere ich mich nach längeren konsumpausen der österreichischen medien doch immer wieder, wie zentral dieses thema doch im vergleich zu anderen staaten ist? eine mögliche antwort ist vielleicht mein posting zuvor... auch unter dem aspekt, dass selbst die rechte in diesem land schon ihr fasch.bild zu pflegen beginnt

spekulant_in, realwirtschaftlich
13.04.2010 19:27
liegt vllt an der vergangenheit?

zumal: in d wird mehr über das thema berichtet und ausführlicher. - ebenso: vergangenheit?

Richard III
13.04.2010 13:02
endlich ein vernünftiger Ansatz!

LG,

Ri

Fritz Wunderlich
13.04.2010 13:11

das ist der in den neunzigern in deutschland gescheiterte

Nikos S.
13.04.2010 12:29
fantastischer kommentar!

lange nicht mehr sowas gutes gelesen!

metepsilonema
 
13.04.2010 12:13
Das sind nicht die falschen Fragen.

Es gibt eine mediale (journalistische) Debatte, die zu führen ist. Punkt. Auch wenn sich der ORF bisher beharrlich weigert, zu Kenntnis zu nehmen, dass kritischer Journalismus immer Selbstkritik impliziert (was auch bedeutet diese zuzulassen, wenn man sich frei von Schuld meint).

Dann muss man bis zu einem gewissen Grad auf dem Bekannten herumtrommeln, weil nie alle alles wissen, weil Wissende sterben, und Unwissende nachkommen.

Und das spricht keineswegs gegen einen (richtiger Weise) zu führenden Dialog.

Christ and the Pale Queens Mighty In Sorrow
13.04.2010 11:13

nazi-glatzerl sind keine skinheads...auch wenn sie selber es gerne hätten....

http://www.youtube.com/watch?v=WcEhAIx1OB4

sansego sansego
13.04.2010 11:04
exzellent

bravo!

Feindschicht
13.04.2010 11:01
so ein schwachsinn

skins haben mit nazis nichts zu tun und lehnen diese ab ! ihr habt keine ahnung von der skinheadkultur, die es nun schon seit 40 jahren gibt ! wer sich informieren will der möge sich auf youtube die arte dokumentation "skinhead attitude" ansehen , und erst dann posten ! solche hirnis werden interviewt um stimmung zu machen obwohl die presseleute keine ahnung haben! das ist werbung für jeden dummen rassisten " ah so muss man aussehen wenn man gegen ausländer ist, na dann muss ich mich auch so anziehen" (sic!)

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