Analyse

Farblose Rechte vs. hemdsärmeligen Pilger

12. April 2010, 18:16
  • Artikelbild
    foto: apa/orf/milenko badzic

    Rosenkranz wirkte bei ihrem ORF-Auftritt oft wie eine Lehrerin.

  • Artikelbild
    foto: apa/orf/milenko badzic

    Schnell verstrickte sich Gehring in der "Pressestunde" in Widersprüche.

Tatjana Lackner, Politiker-Profilerin und Direktorin der Schule des Sprechens, analysiert die Rhetorik der Bewerber für das Amt des Bundespräsidenten

Barbara Rosenkranz

Barbara Rosenkranz startete in die ORF-Pressestunde mit auffallend passiver Körperhaltung: betont zurückgelehnt, Sessel wippend, die Hände im Schoß gefaltet und anfangs leise antwortend. Die FPÖ-Politikerin leistete zu Beginn des TV-Interviews weniger Überzeugungs- als kräftige Abwehrarbeit.

Als routinierte Politikerin fiel es ihr leicht, schwierige Fragen zu ihrem Vorteil umzudrehen. Gerade beim Thema, ob es zu wenig Rosenkranz-Plakate gab, die ihren Wahlkampf unterstützen, glich die Antwort einem Slalom. H.-C. Strache war spürbar unsichtbarer Gast im Studio. Unglückliche Formulierungen verrieten das Unbehagen der Kandidatin. Ausgerechnet in Kärnten will sie zufriedenstellende Wahlunterstützung erlebt haben: "Eine Dichte, die schon überraschend dicht war."

Wer sich für das höchste Amt im Staate bewirbt, sollte wenigstens zwischendurch souverän klingen. Ob es strategisch schlau war, den Titelverteidiger zu kritisieren, ist fraglich. Fischer sei "ein Mann des Apparates", der zu oft stillhält. Sie möchte "das Amt des Bundespräsidenten mit Leben erfüllen". Wie dieses Leben konkret aussehen soll, erklärte sie nicht. Der Versuch mehr Farbe zu vermitteln, ist gescheitert. Weder zückte Rosenkranz optisch die Farbkarte, noch war ihr Wortschatz auffallend bunt oder ihre sprachlichen Bilder besonders üppig. Rosenkranz wirkte in manchen Einstellungen eher wie die mahnende Volksschullehrerin, die "im Interesse ihrer sechs Töchter" festhält: "Feminismus ist kein Wert."

Gelungen ist ihr sowohl die Positionierung ihres Buches MenschInnen, als auch aufzuzeigen, wo die Divergenz zwischen "politischer Klasse" und "Bevölkerungsmeinung besteht. Zudem möchte sie das Wort "Wahlfreiheit" geprägt haben: Im Zusammenhang mit Muttersein und wieder Arbeitengehen entstamme dieser Terminus - ihrer Recherche nach - den "Denkfabriken der FPÖ" Anfang der Neunziger.

Viele der Rosenkranz-Sätze sind voll mit diesen unkonkreten Platzhaltern wie beim Thema kirchlicher Kindesmissbrauch: "Es ist ganz sicher wichtig, dass man diese Verbrechen ganz besonders brandmarkt."

Mindestens vier Fragen ergeben sich allein aus einen FPÖ-Stehsatz wie diesem: 1. Wer oder was ist "es"? 2. In Bezug worauf ist was "ganz sicher wichtig"? 3. Wer ist "man"? und 4. Wie sieht eine Verbrechens-Brandmarkung à la Rosenkranz im gelebten Strafvollzug genau aus? All das blieb ungelöst.

Rudolf Gehring

Rudolf Gehring kam angeblich "gut gebetet" ins ORF-Zentrum und schwänzte zugunsten der Pressestunde-Zuseher den Besuch seiner Sonntagsmesse. Schnell verstrickte sich der medial sichtbar ungeübte Politiker im TV-Hearing um die Präsidentschaft in Widersprüche.

Immer wieder fühlte ihm Herbert Lackner (Profil) lächelnd auf den rhetorisch kariösen Zahn - etwa bei der Aussage, "er halte eine strenge Trennung von Kirche und Staat" ein. Dennoch soll Österreich auf jeden Fall "Gott in die Verfassung schreiben!" Überhaupt fände Gehring "Beten in der Öffentlichkeit" wünschenswert, vor allem im politischen Alltag. Jedem Ministerrat sein Vaterunser. Obgleich er geschichtliche Fragen verweigerte, setzte er auf ein Geschichts-Argument, das nicht mal rhetorisch witzig ist: "Raab und Figl haben öffentlich gebetet, und es hat geholfen." Innerhalb seiner sprachlichen Beweiskette legte der Christen-Politiker gerne noch einmal nach: "Österreich wurde frei! - Auch durch den Segen von oben."

Holprige Formulierungen pflasterten den verbalen Pilgerweg mit Gehring. Manchmal wurde es grotesk. Bei den Missbrauchsfällen verstieg er sich zu einem unfreiwilligen Bekenntnis: "Ich bin auch betroffen." Gemeint hat er wohl "die Thematik macht auch mich betroffen". Der Ex-ÖVPler, der mit sich zufrieden wirkte, konnte den verbalen Charme des Kommunalpolitikers nicht ganz abstreifen, obwohl er für das höchste Amt im Staate kandidiert.

Leicht purzeln ihm Stammtischsätze wie: "Da lade ich Sie ein ..." oder "Do bin i bei Ihnen" über die Lippen. Auch sprechtechnisch ist Gehring wohl nicht der Gewandteste. Natürlich decodieren wir in Österreich Worte wie "Badäh" blitzschnell als "Partei". Ob das die deutschsprechenden Nachbarn verstehen, wird erst nach der Angelobung ein Problem - sollte es dazu kommen.

Dass Namen und Funktionen ohne unbestimmten Artikel auskommen, ist beim ehemaligen Verwaltungsjuristen Gehring offenbar nicht verinnerlicht: "Man ist auch einem Papst gegenüber schuldig, gerecht zu sein."

Für Suggestivfragen à la "Finden Sie das nicht auch empörend..." war der CPÖ-Politiker ein leichtes Opfer. Mit rhetorischen Fallen muss er erst lernen umzugehen. Seine Sprache ist sehr Österreich-authentisch.

Für das bebaute Gebiet mag er auf manche hemdsärmelig und provinziell wirken. Er behält seine Grundfreundlichkeit und freut sich sichtlich über die nationale Bühne. Für viele wird er zwar nicht wählbar sein, aber unterhaltend ist Gehring allemal. (TATJANA LACKNER, DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2010)

Kommentar posten
12 Postings
Christiane Amanpour
 
00
21.4.2010, 01:40
Der religiöse Wahn darf nicht (wieder!) in die Hofburg einziehen

Die Frau Rosenkranz erinnert mich an diese ultrareligiösen Abspaltungen der Mormonen, die in Kanada und Colorado - glaub ich - ziemlich abgeschottet leben und sich eine eigene Welt gezimmert haben.

Die sind alle extrem von sich überzeugt, treten gegenüber den Menschen von außen sehr leise und mit einem eigenartigen Leuchten in den Augen auf, haben viele viele Kinder, kleiden sich schmucklos, essen eine bestimmte Diät, heiraten nur untereinander... Das Witzige ist, dass die immer alle gleich und total fad ausschauen.

Der Herr Gehring ist mehr die zentraleuropäisch-katholische Variante des Sektierers, er glaubt, dass der Staatsvertrag auch mit dem Segen von oben erreicht wurde. Naja. Fast noch ein Eizerl sympathischer.

WiderSinn
00
23.4.2010, 13:26

Frau Rosenkranz ist so ultrareligiös wie der Teufel! Um einen passenderen Vergleich zu ihrer Gesinnung zu finden, sollten Sie nicht im heutigen Kanada, sondern im Österreich der 1930er suchen.

PeterHader
00
16.4.2010, 17:21
Fehler über Fehler

was man nicht alles falsch machen kann, wird hier ganz gut aufgezeigt. Ich weiß wie man dem Gehring helfen kann. Wenn er mal so viele Rhetorikkurse besucht hat wie der Fischer ist das auch erledigt. Was man aber nicht in diesen Kursen lernen kann sind Charaktereigenschaften wie Korrektheit und Ehrlichkeit, die Gehring hat.

Dimitrisocke
 
01
14.4.2010, 12:06
Bei solch einer Analyse ...

... können sich Figl und Raab nur im Grabe umdrehen.
Natürlich hat jeder seinen persönlichen Filter, aber wenn schon Negativwerbung gemacht, dann sollte man zumindest soviel Ehrlichkeit besitzen, das auch dazuzuschreiben. Das Geschriebene mag eher eher als Kabaretttext herhalten, eine sachliche Analyse ist das auf jeden Fall nicht ...

Baer8
02
13.4.2010, 12:15
Die Roten baden in Siegesgewissheit...

In all den Jahren konnte ich von Fischer nie erkennen, daß er sich schützend vor die Bevölkerung gestellt hätte um sie vor Rotschwärzchen zu verteidigen. Wir haben eine enorme Arbeitslosigkeit, steigenden Druck auf die Arbeitnehmer, ständige Steuerdrohungen in Richtung des kleinen Mannes und eine Regierung, die nur mehr auf den Machterhalt fixiert ist und konkret kaum etwas weiterbringt. Ich meine, Frau Rosenkranz würde bei diesen Themen mehr Profil zeigen und nötigenfalls auch Neuwahlen erwirken.

WiderSinn
00
23.4.2010, 13:33

Sie können doch Fischer nicht vorwerfen, dass rot und schwarz nach den letzten Wahlen nunmal eine gemeinsame Mehrheit zustandebringen! Und abgesehen davon: welche Partei, glauben Sie denn, würde in diesem internationalen Umfeld geringe Arbeitslosigkeit und sinkende Steuern umsetzen können? Die Tischleindeckdichpartei? Und wo, glauben Sie weiter, würde Frau Rosenkranz die herzaubern, nachdem sie Ihren Neuwahlwunsch erfüllt hätte?

capricorno
30
13.4.2010, 09:50
Man kann in jeder Suppe ein Haar finden, wenn man will.

Jedenfalls steht eines fest: Barbara Rosenkranz wirkte viel lebendiger als jeder ihrer männlichen Mitbewerber um das Amt. Das ist nicht nur meine Meinung, das habe ich auch einigen Medien entnommen. Sie wirkte einfach glaubwürdig.
Ich hoffe, dass diese Diffamierung bald ein Ende findet. Vielleicht gibt es einen Phönix aus der Asche!

Ninja69
01
13.4.2010, 08:08
Beide Kandidaten sind ziemlich holprig

und unsicher in den Interviews.

Rosenkranz Aussagen das Bundespräsidentenamt hätte mehr zu bieten als Herr Fischer dzt. in Anspruch nimmt, zeigt wohl wie wenig informiert sie ist.

Kopfschüttelnd kann man auch Gehrings Versuch sehen die Lässigkeit und Offenheit für alle Jugendlichen zu haben, Abtreibungsfragen konnte er schlichtweg einfach nicht beantworten als man ihn danach fragte ob es in Ordnung sei wenn eine Frau vergewaltigt wurde, meinte er, das müssen man individuell???? entscheiden!

Nee Beide Kandidaten fallen ordentlich durch!

Beide haben m.M. nach nicht das Potenzial für das Bundespräsidentenamt.

Rettet dem Dativ
02
12.4.2010, 23:10
"Als routinierte Politikerin fiel es ihr leicht, ..."

Bitte, Frau Lackner, als routinierter Rhetorikerin sollte Ihnen das Retten des Dativs selbstverständlich sein!

annaberg
00
14.4.2010, 13:56

"...Dativ retten..." ??? HALLO !!!! - Eugen, wiedermal einE HerrIn Superg'scheit unterwegs.

hin und wieder ein tunichtgut
00
18.4.2010, 15:46
traurig,

ihre meldung!

Massimo Montanari
00
13.4.2010, 06:34
Blocken!

Immer mehr User blocken (Werbe)Mitteilungen und nehmen damit dem Gegebenen die Grundlage!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.