Machtwechsel in Ungarn

Verhaltener Triumph in der Wahlnacht

Gregor Mayer aus Budapest, 12. April 2010 18:04

Wahlsieger Orbán will die "schwerste Aufgabe meines Lebens" mit "Bescheidenheit und Demut" angehen

Acht Jahre hat Viktor Orbán, Chef des rechtsnationalen Bundes Junger Demokraten (Fidesz), auf diesen Augenblick gewartet. Acht Jahre in einer Oppositionsrolle, die er nicht akzeptieren wollte, als er die Wahlen im Jahr 2002 verlor. "Die Heimat kann nicht in der Opposition sein" , sagte er damals. Acht Jahre, in denen er sich nur selten und ungern im Parlament, dem Ort der demokratischen Auseinandersetzungen, zeigte. Acht Jahre, in denen er die Arbeit der linken Regierungen nicht primär mit Argumenten kritisierte, sondern sie mit Straßendemonstrationen, Parlamentsboykotten und einem Anti-Reform-Referendum zu stören versuchte.

Und nun, nach diesen acht Jahren, ein Triumph nahezu in Verhaltenheit. Natürlich jubelten die Fidesz-Anhänger in der Wahlnacht auf dem Vörösmarty-Platz im Zentrum von Budapest, als das Ergebnis bekannt wurde: 53 Prozent für die Fidesz und eine hochwahrscheinliche Zweidrittelmehrheit im Parlament. Orbán sprach von der "Hoffnungslosigkeit" , die nun überwunden sei, von der "Rückkehr in den Hauptstrom der Geschichte" , als habe das Land den Kommunismus zum zweiten Mal ausgetrieben.

Aber er schlug auch nachdenklichere Saiten an: "Mit allen Fasern spüre ich, dass ich vor der schwersten Aufgabe meines Lebens stehe" , sagte er. Diese werde er zwar lösen, zugleich mahnte er aber auch "Bescheidenheit und Demut" an.

Große Machtfülle

Dabei wird er in seinem neuen Amt über eine Machtfülle verfügen wie noch kein anderer Premier seit der Wende. Mit den in der ersten Runde errungenen 206 Mandaten steht schon jetzt fest, dass er ohne Koalitionspartner und koalitionäre Zwänge wird regieren können. Die sehr wahrscheinliche Zweidrittelmehrheit wird es ihm sogar erlauben, jene Reformstaus zu lösen, die nur über eine Änderung der Verfassung oder von Gesetzen im Verfassungsrang zu beseitigen sind.

In seiner ersten Ministerpräsidentschaft von 1998 bis 2002 hatte Orbán seine damals bescheidenere Machtfülle dazu ausgenutzt, um die Befugnisse des Parlaments einzuschränken, die öffentlich-rechtlichen Medien auf Linie zu bringen und einen barocken Staatskult um Stephanskrone und Historienverklärungen zu inszenieren. In diesem Wahlkampf hielten sich Orbán und Fidesz mit Ankündigungen auffallend stark zurück. Nicht einmal auf das traditionelle TV-Duell am Vorabend der Wahlen wollte sich der Fideszchef diesmal einlassen.

Über das Personal seiner neuen Regierung war bisher praktisch nichts zu erfahren, außer dass János Martonyi, der dieses Amt schon in seiner ersten Ministerpräsidentschaft bekleidete, wieder Außenminister wird. Zu den hartnäckigen Gerüchten, dass der in dunkle Affären verstrickte Ex-Innenminister Sándor Pintér wieder in dieses Amt aufrücken könnte, sagte Orbán nur zweideutig: "Pintér ist ein geeigneter Mann."

Ein bemerkenswertes Signal kam in der Wahlnacht von Orbáns Nationalitäten-Spezialisten Zsolt Németh: Ein Gesetzesentwurf für die Verleihung der ungarischen Staatsbürgerschaft an die ethnischen Ungarn in den Nachbarländern sei bereits "unter Dach und Fach" , sagte dieser. Dies könnte zu Konflikten mit Nachbarländern führen (siehe Interview).

"Zentrales Kraftfeld"

Frühere Äußerungen Orbáns geben zu demokratiepolitischer Besorgnis Anlass. So sagte er vor einem halben Jahr in einer internen, aber erst kürzlich veröffentlichten Rede, dass nun ein "zentrales politisches Kraftfeld" das seit der Wende herrschende "duale Kraftfeld" ablösen werde. Die eine und einzige Partei im "zentralen Kraftfeld" werde allein die "nationalen Fragen" formulieren und beantworten.

Sobald er an der Regierung sei, sagte Orbán, werde er sich darum bemühen, dass dies für die nächsten 15 bis 20 Jahre so bleibe und dass "sich die Aussicht auf eine Rückkehr des dualen Kraftfelds auf ein Minimum reduziert" . Sollte Orbán diese Ankündigung tatsächlich umsetzen, dann wäre der Wettbewerb zwischen den Parteien für die nächste Zeit abgesagt. (DER STANDARD, Printausgabe 13.4.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2
Ibsen
14.04.2010 13:00
Internationale Pressekonferenz nach Orbáns Wahlsieg:

Journalist fragt Viktor Orbán: "Was werden Sie tun, wenn die Agbeordneten von Jobbik in "Ungarische Garde"- Uniformen im Parlament erscheinen?"

Viktor Orbán antwortet: "Zu Kleidungs- und Ästhetik-Fragen kann ich mich nicht äußern."

Déjà-vu?

Erinnert euch an "Ich verstehe nichts vom Fußball"? (Copyright by Ibolya Dávid, damals noch Justizministerin von Viktor Orbán, als im Stadion u.a. "Der Zug fährt nach Auschwitz ab" geschrien wurde...)

Sandor Kocsis
16.04.2010 12:01

lauter Gutmenschen bei der MSZP...
http://index.hu/belfold/2... rvezesere/

Ich fordere Rücktritt von Kubatov, und Ausschluss aus allen politischen Funktionen auf Lebenszeit!

Und das gleiche für Szanyi!

Wird Zeit, dass endlich ein Mindestmaß an Anstand in die Politik einkehrt.

Johnny Brainstorm
 
13.04.2010 09:56

Da können sich die Ungarn aber gratulieren...


"Nur die allerdümmsten Kälber wählen Ihre Schlächter selber"

Macho04
13.04.2010 07:41
"Acht Jahre, in denen er die Arbeit der linken Regierungen nicht primär mit Argumenten kritisierte, sondern sie mit Straßendemonstrationen, Parlamentsboykotten und einem Anti-Reform-Referendum zu stören versuchte."

In Österreich kennen wir das von den Linken und Sozis - allerdings hat es sich damals etwas Anders gelesen.

Meinung made by Linken.

Elfmeter
12.04.2010 21:52
Na dann hoffe ich ja doch, dass jetzt endlich wieder einmal EU Sanktionen kommen. Zeit wird's!

Robert Knaus
13.04.2010 07:13

Gusi champagniniert zurzeit noch in Paris. Mal sehen, ob das diesmal auch wieder was wird.

Avicenna
 
13.04.2010 09:35

Posten sie doch bitte nicht immer das gleiche oder fällt ihnen nichts besseres ein?

davidka
13.04.2010 00:30
da kennt sich wer aus, gell?

kleopatra2
12.04.2010 21:58
Die Ungarn haben entschieden!

Diejenigen ohne Demokratieverständnis hoffen immer noch verzweifelt auf ein Wunder damit die MSZP weiter wüten darf.

derschonwieder
13.04.2010 07:21
Danke, setzen.

rAt Tensch Mutz
12.04.2010 22:47

So 33% der Wahlberechtigten hat Fidesz erreicht,
Bei 33% hat er erreicht dass sie ihm nicht wählen,
bei weiteren 33% schaffte er (wie all die anderen Politiker auch)deren Nichtteilnahme,
die Restlichen 33% bestimmen durch ihre direkte Wahl -
Ungarn, nur eine weitere westliche Demokratie.

Friedenshetzer
12.04.2010 20:45
Wenn er seine Versprechen nicht einhalten kann

liegt seine Partei bei den nächsten Wahlen wieder bei 20%!

globetrottel
12.04.2010 23:00

Och, damit hat Orbán kein Problem : Geschickterweise hat er genau NICHTS versprochen - ausser natürlich, dass Ungarn unter seiner Führung irgendwie wundersam zum Land wird, in dem Milch und Honig fliessen (wann und wie ist nicht so genau...).

ƒedora
12.04.2010 20:26

Meinung bitte in die jeweilige Rubrik.

Der Artikel ist ungefähr so neutral wie die Krone über Asylanten.

kleopatra2
12.04.2010 20:26
Ganz konnten Sie die Anti-Fidesz Propaganda nicht lassen, Herr Mayer!

Erwartet man eh von Ihnen.
Ändert nichts daran daß sich die Ungarn richtig entschieden haben.

Käptn'
13.04.2010 09:35

Ich habe gestern Lendvai auf ORF gesehen. Wahnsinn, dass solche Leute noch überhaupt in die Medien kommen können.

Ibsen
13.04.2010 15:21
Lendvais...

...gestrige Analyse war absolute okay!
Was er gesagt hat, sehe ich auch so!

Käptn'
13.04.2010 17:59
zB

"Orbáns Wirtschaftpolitik* damals Ungarn schlecht getan..." - weil Orbán Steuern gesenkt, Kredite gefördert und Wachstumsprogramme gestartet hat???)

"Wirtschaftslage jetzt in Ungarn viel besser, weil Bajnai..." - Die Staatsfinanzen sind jetzt besser (=Defizit niedriger), die Wirtschaftslage ist weiterhin katastrofal.

kleopatra2
14.04.2010 00:14
ECHT SOZIAL DIE MSZP

Die bedeutenste und hervorragendste Leistung von Bajnai ist wohl das Streichen vom Essensgeld-Zuschuß für Schulkinder. Kinder aus sehr ärmlichen Verhältnissen die nur einmal täglich richtig zu essen bekamen fallen jetzt quasi hungrig von den Stühlen!
Danke Bajnai!

Detektiv Conan
12.04.2010 19:49
Alarm!Alarm!

Achtung, achtung für alle Menschen dieser Erde:
ZWEITER DOLFI AUF DEM VORMARSCH!!!

ƒedora
12.04.2010 18:42

Und dann sagt noch einer es gibt keine Blattlinie.
Der Artikel könnte vom Minsk sein so einseitig ist der Artikel.

paci
12.04.2010 18:34

Wird gemeinsam mit der lügenden Regierung auch Gregor Mayer abgesetzt?

globetrottel
12.04.2010 20:20

Was genau an dem, was Mayer hier sagt, entspricht NICHT der Wahrheit ?

Sandor Kocsis
13.04.2010 09:09

der barocke Staatskult: wo ist denn die Krone jetzt noch immer nach 8 Jahren Sozialliberalen Regierungen?

globetrottel
13.04.2010 20:43

Gegenfrage : Wo ist der nationalistische Tanz ums goldene Kalb ?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.