Der Präsident bleibt den meisten Polen als tragischer Held in Erinnerung
Gestorben in Petschorsk bei Smolensk, Russland." Das steht schon am Todestag Lech Kaczyñskis in seinen Internetbiografien. Polens Präsident war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die 1940 vom sowjetischen Geheimdienst ermordeten 22.000 polnischen Offiziere. Doch sein Jet zerschellte beim Landen.
Im Herbst wollte Lech Kaczynski erneut für das Präsidentenamt kandidieren. Mit zuletzt knapp zwanzig Prozent Zustimmung standen die Chancen für eine Wiederwahl zwar schlecht, doch vor fünf Jahren startete er ebenfalls von einer aussichtslos erscheinenden Position - und schlug am Ende den Favoriten Donald Tusk, mit antideutschen Ressentiments.
Auch diesmal wollte Kaczynski mit einem historischen Thema punkten. Katyn hat für Polen eine ähnliche Symbolkraft wie Auschwitz für Juden - dort sollte Polens politische wie kulturelle Elite ausgelöscht werden. Kaczynskis private Gedenkfeier mit den Hinterbliebenen der Opfer sollte einen Kontrapunkt setzen zu derjenigen, die drei Tage zuvor hochoffiziell an demselben Ort abgehalten wurde. In einer historischen Versöhnungsgeste hatten sich die Regierungschefs von Russland und Polen, Wladimir Putin und Donald Tusk, die Hand gereicht.
Am 8. Juni 1949 wurden die Kaczynski-Zwillinge geboren. Was Ruhm bedeutet, erfuhren sie schon als Kinder. Im Film Von zweien, die den Mond stahlen spielten sie als Jacek und Placek die Hauptrollen. Lech kam im Film wie auch im Leben die Rolle des verschmitzt Humorvollen zu, der auf andere zuging und Freundschaften schloss. Jaroslaw war der Stratege und Tüftler. Er gab in dem Gespann den Ton an. Augenfällig wurde dies, als Lech die Präsidentenwahl gewann, die Hacken zusammenknallte und Jaroslaw zurief: "Auftrag ausgeführt!"
Beide studierten Rechtswissenschaft und schlossen sich früh der antikommunistischen Opposition an. Als Polen 1989 die Unabhängigkeit wiedererlangte, stürzten sie sich in die Politik, wurden zunächst Berater von Präsident Lech Walesa, zerstritten sich aber bald mit ihm, schlossen sich verschiedenen Regierungen an und gründeten ihre eigene Partei, Recht und Gerechtigkeit (PiS).
2002 wurde Lech Kaczynski zum Oberbürgermeister Warschaus gewählt. Der Ruf des "Sheriffs" , den er sich als Justizminister und selbsternannter "Kämpfer gegen Kriminalität und Korruption" erworben hatte, bescherte ihm ein Traumergebnis (70 Prozent).
Im Ausland blieb Kaczynski umstritten, nicht nur wegen seiner tiefen Skepsis gegenüber der EU, sondern auch wegen seiner Verbote der Homosexuellen-Parade und seiner wiederholten Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe. In Polen aber brachte ihm genau dieser "Wertkonservatismus" in einer verunsicherten Gesellschaft Pluspunkte ein.
Die "IV. Republik"
2005 wurde Lech Kaczynski Präsident, doch die Amtszeit stand unter keinem guten Stern. Die Beziehungen zu fast allen Nachbarn verschlechterten sich dramatisch. Als die PiS auch die Parlamentswahlen gewann und eine Koalition mit zwei radikalen Parteien einging, begann der Albtraum "IV. Republik". Polen wurde von eineiigen Zwillingen regiert. In der "Kartoffelaffäre" gaben sie sich der Lächerlichkeit preis, den Lissabon-Vertrag verhinderten sie beinahe. 2007 stolperte die PiS-Regierung schließlich über einen Korruptionsskandal.
Politisch hatten sich die meisten Polen bereits von ihrem Präsidenten abgewandt, aber sie mochten ihn menschlich. Samstag starb er "im Dienste der Nation" auf dem Weg nach Katyn. Damit ist er für die Polen das, was Kaczynski an anderen immer am meisten bewundert hat: ein tragischer Held. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 12.4.2010)