"Am Schauplatz" - Lehrstück und Meisterwerk

11. April 2010 19:29
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    Unterdessen schießen auf Youtube "Beweise" und "Gegenbeweise" für Straches Manipulationsthese ins Kraut. Am Montag behandelt sie der ORF-Publikumsrat in einer Sondersitzung.

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Damit wir wissen, wovon wir überhaupt reden, und vor lauter Empörung über Strache, Polizei und ORF - je nach Präferenz - das Produkt selbst nicht aus dem Blick verlieren - Von Peter A. Bruck

Wenn Sie nicht zu den 458.000 Österreichern gehören, die am 25. März, die Sendung Am Schauplatz gesehen haben, dann sollten Sie es schnellstens nachholen. Sie haben einen Klassiker nicht nur des ORF, sondern des österreichischen Journalismus versäumt.

Warum? Selten zuvor ist es einem Journalisten und seinem Team gelungen, in einem einzelnen Bericht eine nahezu vollständige Sammlung der Tugenden seines journalistischen Formats so überzeugend vorzuzeigen.

Der Dokumentation Am rechten Rand ist es gelungen, jene notwendige Widersprüchlichkeit in sich aufzulösen, um die es bei aller guten Journalistik am Ende geht: eine Authentizität und Wahrheitsanmutung der Information zu erzeugen, bei gleichzeitiger Offenlegung der kompetenten Konstruiertheit der Geschichte

Einige Berichtsteile stechen in der Bewältigung dieser Ambivalenz besonders hervor: Ich kann mich beispielsweise an keine ORF-Dokumentation erinnern, die mir jemals so anschaulich das Ideologisierende vorherrschender Vorurteilsstrukturen im Bezug auf das Thema "Ausländerfeindlichkeit" vor Augen geführt hätte wie jene Schauplatz-Sequenz, in der der "rechtsradikale" Protagonist Philipp mit Schwester, Freundin und auch Kampfhund abends im Haupthof des Gemeindebaus den offenbar gleichaltrigen türkischen Nachbarn Ahmed begrüßt und die beiden einander vor der Kamera begegnen. Die Schärfe in Philipps Stimme beim Zurufen führt den Zuseher noch in die falsche Richtung. Umso größer ist der Überraschungseffekt und damit auch der Informationsgehalt, als ein "Rechtsradikaler" und ein "muslimischer Zuwanderer" einander freundschaftlich begrüßen und dank der geistesgegenwärtig gestellten Fragen des Journalisten sich diese gegenseitige Anerkennung nicht als oberflächlich, sondern als durchaus robust herausstellt. Die konkrete Nachbarschaftlichkeit siegt über die stereotypische Beschilderung, das menschliche Beziehungsvermögen straft die von außen herangetragenen Beurteilungen und Meinungen Lügen - und dies in einer die vorherrschende Meinung nachgerade beschämenden Art und Weise.

Auch die Darstellung der Situation auf dem Platz der FPÖ-Veranstaltung in Wiener Neustadt zeigt die Meisterschaft dieser Dokumentation: Anders als ein ZiB-Bericht, der sich um Bühnengeschehen und um die veranstaltenden Hauptakteure kümmern muss, klebt die Schauplatz-Reportage am Pflaster und zeigt das Bodenständige: das Warten der Masse, bis der Politchef auftritt, das Murmeln der Zuhörer, während die großen Worte des Redners alles beschallen, die Gefühle und Reaktionen der Versammelten während des geübten Agitierens der Zentralfigur - und auch den für populistische Politveranstaltungen so bezeichnenden Austausch zwischen Werber und zu Werbenden: Mit trainierter Flinkheit posiert H.-C. für die Digi-Kameras und nimmt deren Eigentümer gezielt mit ins Bild. Diese Abbildungen binden die Abgebildeten aneinander. Das Wissen darum hat der Politiker den potenziellen Wählern voraus. Und er ist auf Ernte aus.

Schließlich nähert sich Strache dem Aufnahmeteam des ORF - und sein Verhalten wird noch kalkulierter. Er ignoriert das Nicht-ignorierbare, die ruhig gehaltene, nicht im aktuellen Dienst stehende Kamera und den aufmerksamen Journalisten. H.-C. tut so, als wäre nichts, und belügt durch dieses Verhalten angreifbar die Situation - und ihre Betrachter. Da ist der Schauplatz-Journalist um vieles ehrlicher: Er verstellt sich nicht, er interagiert, der Zuseher hört seine Fragen und weiß um die Intentionen.

Und auch hier gelingt Meisterliches. Der Schauplatz zeigt das Stimmensammeln des Politikers als mühevolle Kleinstarbeit: ein Pack von Bildpostkarten mit dem eigenen Konterfei zum Signieren und Ausgeben an die, die nichts Besonderes wollen; dick malende Filzstifte, die die Signatur auch auf Textil und Haut gut sichtbar machen; ein eingeübtes Grinsen, um auch den unbekanntesten Personen den nicht diskriminierenden Eindruck von Freundlichkeit und Zuwendung zu geben.

In der nächsten Einstellung ist der Politiker dann nur mehr einen Schritt von Kamera und Mikrofon entfernt - und damit zugleich in unmittelbarer Nähe der Protagonisten der Schauplatz-Story. Man sieht ihm die schnelle Abwägung und Berechnung der Chancen, politisch punkten zu können, deutlich an.

Wie im Kasino

Wie im Kasinospiel setzt der Politiker dann auf ein Feld und wagt einen hohen Einsatz: Er wird die vermutete Falle gegen den ORF-Journalisten drehen. Ein Stimmengewirr, einige Agitation, und dann das vorbereitet wirkende Opfergebrüll des Politikers: Er habe etwas gehört und dieses, was er gehört habe, sei nicht eine unzuordenbare Stimme aus der Menge gewesen, sondern eine bestellte Aussage, und die wiederum sei direkt dem ORF-Journalisten zurechenbar, als bösem Inszenator einer "ungeheuerlichen" Provokation. Prompt wird die parteiangestellte Pressedame konsultiert, und der Schrei nach der Staatsgewalt wird lauter: "Polizei! Polizei! Hier ist ein Wiederbetätiger!", und dann: "Anzeige! Anzeige!" - Die Kamera zeichnet auf, der Politiker agitiert, verwendet das Diskursmaterial seiner eben in den öffentlichen Graben gefahrenen Kandidatenauswahl für die Bundespräsidentschaft und invoziert seinerseits den Bruch des Wiederbetätigungsgesetzes.

Die Finte des Politikers wird von der Menge nicht erkannt, die Aufregung kaum wahrgenommen: Man ist ja da wegen der Show und der Bilder und wegen der Sprüche. Nur der Journalist merkt die Absicht und versucht, sich gegen die schnell kommenden Beschuldigungen zu wehren.

Man muss nicht wissen, wer Strache ist, um zu erkennen, wie hier Realität politstrategisch zugerichtet und verdreht wird. Man muss nur genau hinschauen. Und wer es bisher vielleicht nicht geglaubt hat oder glauben wollte, der hat dafür nun Pixel für Pixel den eindeutigen, unauslöschbaren Beleg. Ed Moschitz sei Dank! (Peter A. Bruck/DER STANDARD; Printausgabe, 12.4.2010)

Zur Person:
Peter A. Bruck, Jg. 1950, ehemaliger Professor für Journalismus an der Carleton University (Ottawa) und an der Universität Salzburg, forscht, lehrt und publiziert zu Entwicklungstendenzen der Informationsökonomie und medialen Vermittlung.

Kommentar posten
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derhundvonsinope
07.05.2010 23:14
geglückte satire

Verfolge den "Kommentar der Anderen" schon längere Zeit und habe wirklich schon köstliche literarische Ergüsse vorgefunden. Diese Satire aber, mit ihrer immer absurder werdenden Zuspitzung auf den ideologisch verblendeten Speichellecker, der in pseudowissenschaftlicher Phraseologie Beweise für alles liefert, was opportun erscheint, ist unerreicht.

Unser Wandeln braucht Härte
12.04.2010 23:12
wenigstens einmal wer

der - im gegensatz zum durchschnittlichen poster hier, und zum durchschnittlichen sich-aufreger irgendwelcher provinienz oder partei - das medienspiel von strache überzuckert.
es ist ja geradezu entsetzlich, wie leicht hier in österreich medienmanipulation seitens der politik geht. die fpö hats kapiert: strache kann lügen, strache kann sch** verzapfen (thema "gotcha"). wurscht. er gibt das thema vor ("strache ist das opfer" - er ist immer das opfer der bösen meute), und alles folgt ihm, ohne vielleicht einmal einen blick auf die metaebene zu werfen.

Pro Freistaat Kärnten!
 
13.04.2010 10:07
ich glaube, das jeder, der seine sinne beisammen hat

das strache spiel durchschaut.


zwergleviathan
13.04.2010 12:56
naja beim hirndurchfall den leute wie die komische Prettljausn von sich geben

zweifelt man schon öfter an deren intelligenz und ihrer Befähigung solche windigen Manöver zu durchschauen.

die rennen dem komischen Paintballpsycherl nach weil sie ihm wirklich glauben was er vor der Menge schwafelt...

komisch nur daß sich diese Schoitln belügen und benutzen lassen, nur um dann ERNEUT einen Kilometer tief in seinem Darmausgang zu verschwinden

selber schuld

fool me once, shame on you
fool me twice, shame on me

Poldi Prettljausn
13.04.2010 14:48
Schön dass es den zwergleviathan gibt, der die einzige vernünftige Wahrheit verkündet, auch wenn er dazu zu Diffamierung und herabsetzende Vulgärsprache greifen muss. Aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel

und es ist ja schon einem guten Zweck dienlich, wenn man seine eigene Meinung als die Vorherrschende durchsetzen will.

Vielleicht ist es ja auch so, dass Strache das Spiel des Journalismus durchschaut hat, mit dem die Medien - ganz im Sinne zwergleviathans die Mittel durch den Zweck heilend - nicht davor zurück scheuen, sich Mogelei zu nutze machen und falsches Spiel betreiben, nur um der „Wahrheit“ zu ihrem Recht zu verhelfen. Erinnert das nicht an zwergleviathan? Wie sich doch die Strategien gleichen. Vielleicht hat Strache dieses Spiel durchschaut und sich seinerseits zur Intrige aufgerafft und den ORF mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Ei wie perfid. Wie fühlt es sich an, wenn Zwerg und ORF durchschaut sind?

zwergleviathan
13.04.2010 16:14
tja, man sieht an den stricherln eh was die anderen user von ihnen halten

kurz gesagt garnix....

also nehmens ihre Nazi-Freunde doch bei der Hand und suchen sie sich eine ihren Gesinnungen eher passende Community (da gibts sicher noch a paar alte Wehrmachtsstiefel die irgendwo vor sich hergammeln, mit denen könntens conferieren)

da bekommens mehr Zuspruch und müssen net so ergreifend nach Aufmerksamkeit heischen

und evtl glauben ihre "Kameraden" ja die Mähr vom recht(s)schaffenen Heinz-Christian

hier können sie sowas nicht erwarten, vor allem nicht nach ihrem letzten Posting XD

zwergleviathan
13.04.2010 16:02
is ja schon gut bubilein

gleich kommt der Onkel doktor und dann bekommst deine Medizin

sollten sie glauben woran sie schreiben ab zum arzt, glauben sies nicht sind sie ein guter FP-Politiker :D

tja, allein es glaubt ja keiner ausser ihren 4 bis 5 Gesinnungsgenossen mit ihren Lese- und Schreibschwächen solchen Unfug

wahrscheinlich tun sie es ja nichtmal selbst (ernsthaft, falls doch sollten sie zum Arzt gehen)

ergo sind sie also nur ein Agitator, der versucht Menschen von seinen Lügen zu überzeugen

was ist ihr Lohn? ein Schäferstündchen mit dem "aufrechten Recken" Hatschi inklusive Privat-Vorführung seiner Paintballgun?

oder machen sies für a paar euros um sich t-shirts und fahnen bestellen zu können?

Poldi Prettljausn
14.04.2010 12:58
Das Problem solcher linker Agenten wie Sie einer sind,

ist ja, dass sie abseits ihrer Meinung keine andere Meinung zulassen und sie sich ihre eigene Meinung so erhaben über der Meinung anderer dünken, dass sie meinen, sie können andere nach Strich und Faden durch den Schmutz ziehen, ganz wie sie es für richtig halten. Sie bemerken gar nicht, dass dabei wertvolles Gut wie Meinungsfreiheit auf der Strecke bleibt. Dieser Fanatismus führt direkt in die Hölle...

Wie sagte schon Friedrich A. Hayek: Sozialismus ist der Wegbereiter des Totalitarismus.

zwergleviathan
14.04.2010 15:23
"dass sie abseits ihrer Meinung keine andere Meinung zulassen und sie sich ihre eigene Meinung so erhaben über der Meinung anderer dünken, dass sie meinen, sie können andere nach Strich und Faden durch den Schmutz ziehen"

danke, das geb ich gerne zurück an sie braven blauen Parteisoldaten

XD

wenn sie meinen, daß sie und ihresgleichen den aufwand wert wären täuschen sie sich, über ihre kranken Weltverschwörungstheorien lacht man landein landaus :D und das mit gutem Grund

und jetzt putz di du pharisäer.... dei lächerliche art ist mir kan weiteren kommentar wert weil durchschaubar und armselig

bussi

Christoph Baumgarten
12.04.2010 20:10
Danke

für diesen Beitrag.

tommy vie
12.04.2010 20:04

Ist der Artikel Satire oder ernst gemeint? Ich bin mir nicht sicher.

Oschus Mox
12.04.2010 18:51
es ist immer gut wenn ein Gutachten eines unabhängigen Wissenschaftler

Licht ins Dunkle bringt.

;-)

Lady_Gaga
 
12.04.2010 18:25
Ich persönlich

finde es nicht so schlimm, wenn - so wie hier offensichtlich in diesem Fall ?, genau weiss man es ja nicht, seitens des Orf nicht investigativer, ehrlicher Journalismus geboten wird, sondern Bezahljournalismus.

Aber es müsste eben dann auch als solcher gekennzeichnet werden, z.B. durch eine Einblendung "bezahlte Werbesendung", "Agenda" oder Ähnliches am Bildschirm.

Dem Zuseher etwas vorzugaukeln, was so nicht stimmt ist jedenfalls nicht ok.

Poldi Prettljausn
14.04.2010 14:05
rechts oben einblenden "Gestellte Szene"

Aber eine Sendung, deren Name Programm ist und sich "Am Schauplatz" nennt, würde ja dadurch den an sich selbst gestellten Anspruch - alles ist wahr, weil "am Schauplatz" - verlieren und sich selbst als Panoptikum der Schausteller und Gaukler vorführen.

Man müsste sie umbenennen in: Am Schausteller-Platz

zwergleviathan
15.04.2010 12:03
na dann blendens bei ihren posts oben rechts "bezahlte Meinung" dazu

damit man sich auskennt...

Atrus
12.04.2010 18:44

Bezahljournalismus ist mMn etwas völlig anderes - hier geht es darum den Menschen einen Anreiz zu bieten an der Reportage teilzunehmen. Und wir reden hier ja nicht von einem x-beliebigen Format sondern einer Reportage, die teilw. sehr private Details der Menschen in die Öffentlichkeit stellt.

chakra
12.04.2010 17:31
@ Peter Bruck

Wenn Sie diese (in meinen Augen) durchschnittlich gute Doku schon als Meisterwerk bezeichnen, haben Sie wahrscheinlich noch nie wirklich guten investigativen Journalismus gesehen - zB.: "quer" oder "Monitor" - da ist dann jeder einzelne Beitrag ein Geniestreich dagegen. Mal abgesehen davon, daß auch dort die gleichen Gesetze von Wahrheit und ihrer (Re)konstruktion herrschen.

Kontrahent1
12.04.2010 18:46
Tut mir leid,

für mich ist diese Sendung Journalismus und Meinungsmache vom Schlimmsten. Solche Beiträge kennt man sonst nur aus Nahost. Umso schlimmer, weil man noch auf einen 'Selbstgänger' (Strache/Neonazis) setzte wo man den größten Teil der Journaille hinter sich weiß.

Terence Lennox
12.04.2010 18:43
ach..

..das kennen wir nicht, das schauen wir nicht. wir sind wir..

niewieder nett
 
12.04.2010 17:18

danke für diesen artikel.

SolarFisch
12.04.2010 16:15
Dass die beiden nie und nimmer ein heil

H, von sich gegeben haben, ist ja glaub ich mittlerweile ziemlich jedem klar.
Was lernen wir also daraus? was ist der grösste fehler den man in Ö (als Journalist?) ,machen kann?

NIMM NIE EINEN NAZI MIT IN DEINEM BUS!

zwergleviathan
12.04.2010 14:46
Strache at his best

haben wir ja schon auf dem Filmmaterial erlebt

aber das hier ist ja fast noch besser:
http://www.raketa.at/index.php?id=6208

niewieder nett
 
12.04.2010 17:17

sooo schlecht gephotoshopt. urghl. nicht zum anschauen die seite. sorry.

Poldi Prettljausn
12.04.2010 14:24

Endlich wird zugegeben, dass guter Journalismus nichts Anderes ist, als die Konstruktion einer authentisch erscheinenden Geschichte, eine Wahrheitsanmutung bei der die Autentizität gerne auf der Strecke bleibt.

Atrus
12.04.2010 18:50

Ja, wie stellen Sie es sich sonst vor? Aber etwas zu rekonstruieren bedeutet ja nicht automatisch die Authentizität zu zerstören.
Natürlich wird niemand während das Kamera-Team da ist, auf die Idee kommen: "Ach ich geh mir jetzt mal den Kopf rasieren" trotzdem wird er - wie im Fall dieser beiden jungen Männer - das wahrscheinlich schon öfter in der Woche machen. Wo wird da Authentizität zerstört oder gar verfälscht?

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