Damit wir wissen, wovon wir überhaupt reden, und vor lauter Empörung über Strache, Polizei und ORF - je nach Präferenz - das Produkt selbst nicht aus dem Blick verlieren - Von Peter A. Bruck
Wenn Sie nicht zu den 458.000 Österreichern gehören, die am 25. März, die Sendung Am Schauplatz gesehen haben, dann sollten Sie es schnellstens nachholen. Sie haben einen Klassiker nicht nur des ORF, sondern des österreichischen Journalismus versäumt.
Warum? Selten zuvor ist es einem Journalisten und seinem Team gelungen, in einem einzelnen Bericht eine nahezu vollständige Sammlung der Tugenden seines journalistischen Formats so überzeugend vorzuzeigen.
Der Dokumentation Am rechten Rand ist es gelungen, jene notwendige Widersprüchlichkeit in sich aufzulösen, um die es bei aller guten Journalistik am Ende geht: eine Authentizität und Wahrheitsanmutung der Information zu erzeugen, bei gleichzeitiger Offenlegung der kompetenten Konstruiertheit der Geschichte
Einige Berichtsteile stechen in der Bewältigung dieser Ambivalenz besonders hervor: Ich kann mich beispielsweise an keine ORF-Dokumentation erinnern, die mir jemals so anschaulich das Ideologisierende vorherrschender Vorurteilsstrukturen im Bezug auf das Thema "Ausländerfeindlichkeit" vor Augen geführt hätte wie jene Schauplatz-Sequenz, in der der "rechtsradikale" Protagonist Philipp mit Schwester, Freundin und auch Kampfhund abends im Haupthof des Gemeindebaus den offenbar gleichaltrigen türkischen Nachbarn Ahmed begrüßt und die beiden einander vor der Kamera begegnen. Die Schärfe in Philipps Stimme beim Zurufen führt den Zuseher noch in die falsche Richtung. Umso größer ist der Überraschungseffekt und damit auch der Informationsgehalt, als ein "Rechtsradikaler" und ein "muslimischer Zuwanderer" einander freundschaftlich begrüßen und dank der geistesgegenwärtig gestellten Fragen des Journalisten sich diese gegenseitige Anerkennung nicht als oberflächlich, sondern als durchaus robust herausstellt. Die konkrete Nachbarschaftlichkeit siegt über die stereotypische Beschilderung, das menschliche Beziehungsvermögen straft die von außen herangetragenen Beurteilungen und Meinungen Lügen - und dies in einer die vorherrschende Meinung nachgerade beschämenden Art und Weise.
Auch die Darstellung der Situation auf dem Platz der FPÖ-Veranstaltung in Wiener Neustadt zeigt die Meisterschaft dieser Dokumentation: Anders als ein ZiB-Bericht, der sich um Bühnengeschehen und um die veranstaltenden Hauptakteure kümmern muss, klebt die Schauplatz-Reportage am Pflaster und zeigt das Bodenständige: das Warten der Masse, bis der Politchef auftritt, das Murmeln der Zuhörer, während die großen Worte des Redners alles beschallen, die Gefühle und Reaktionen der Versammelten während des geübten Agitierens der Zentralfigur - und auch den für populistische Politveranstaltungen so bezeichnenden Austausch zwischen Werber und zu Werbenden: Mit trainierter Flinkheit posiert H.-C. für die Digi-Kameras und nimmt deren Eigentümer gezielt mit ins Bild. Diese Abbildungen binden die Abgebildeten aneinander. Das Wissen darum hat der Politiker den potenziellen Wählern voraus. Und er ist auf Ernte aus.
Schließlich nähert sich Strache dem Aufnahmeteam des ORF - und sein Verhalten wird noch kalkulierter. Er ignoriert das Nicht-ignorierbare, die ruhig gehaltene, nicht im aktuellen Dienst stehende Kamera und den aufmerksamen Journalisten. H.-C. tut so, als wäre nichts, und belügt durch dieses Verhalten angreifbar die Situation - und ihre Betrachter. Da ist der Schauplatz-Journalist um vieles ehrlicher: Er verstellt sich nicht, er interagiert, der Zuseher hört seine Fragen und weiß um die Intentionen.
Und auch hier gelingt Meisterliches. Der Schauplatz zeigt das Stimmensammeln des Politikers als mühevolle Kleinstarbeit: ein Pack von Bildpostkarten mit dem eigenen Konterfei zum Signieren und Ausgeben an die, die nichts Besonderes wollen; dick malende Filzstifte, die die Signatur auch auf Textil und Haut gut sichtbar machen; ein eingeübtes Grinsen, um auch den unbekanntesten Personen den nicht diskriminierenden Eindruck von Freundlichkeit und Zuwendung zu geben.
In der nächsten Einstellung ist der Politiker dann nur mehr einen Schritt von Kamera und Mikrofon entfernt - und damit zugleich in unmittelbarer Nähe der Protagonisten der Schauplatz-Story. Man sieht ihm die schnelle Abwägung und Berechnung der Chancen, politisch punkten zu können, deutlich an.
Wie im Kasino
Wie im Kasinospiel setzt der Politiker dann auf ein Feld und wagt einen hohen Einsatz: Er wird die vermutete Falle gegen den ORF-Journalisten drehen. Ein Stimmengewirr, einige Agitation, und dann das vorbereitet wirkende Opfergebrüll des Politikers: Er habe etwas gehört und dieses, was er gehört habe, sei nicht eine unzuordenbare Stimme aus der Menge gewesen, sondern eine bestellte Aussage, und die wiederum sei direkt dem ORF-Journalisten zurechenbar, als bösem Inszenator einer "ungeheuerlichen" Provokation. Prompt wird die parteiangestellte Pressedame konsultiert, und der Schrei nach der Staatsgewalt wird lauter: "Polizei! Polizei! Hier ist ein Wiederbetätiger!", und dann: "Anzeige! Anzeige!" - Die Kamera zeichnet auf, der Politiker agitiert, verwendet das Diskursmaterial seiner eben in den öffentlichen Graben gefahrenen Kandidatenauswahl für die Bundespräsidentschaft und invoziert seinerseits den Bruch des Wiederbetätigungsgesetzes.
Die Finte des Politikers wird von der Menge nicht erkannt, die Aufregung kaum wahrgenommen: Man ist ja da wegen der Show und der Bilder und wegen der Sprüche. Nur der Journalist merkt die Absicht und versucht, sich gegen die schnell kommenden Beschuldigungen zu wehren.
Man muss nicht wissen, wer Strache ist, um zu erkennen, wie hier Realität politstrategisch zugerichtet und verdreht wird. Man muss nur genau hinschauen. Und wer es bisher vielleicht nicht geglaubt hat oder glauben wollte, der hat dafür nun Pixel für Pixel den eindeutigen, unauslöschbaren Beleg. Ed Moschitz sei Dank! (Peter A. Bruck/DER STANDARD; Printausgabe, 12.4.2010)
Zur Person:
Peter A. Bruck, Jg. 1950, ehemaliger Professor für Journalismus an der Carleton University (Ottawa) und an der Universität Salzburg, forscht, lehrt und publiziert zu Entwicklungstendenzen der Informationsökonomie und medialen Vermittlung.