Lorbeer

Literatur, Land und Leute: Begegnung mit Tradition

11. April 2010, 18:24
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    foto: nina urban

    Thomas Klupp, so sie Jury, entblößt "das Böse" und dekonstruiert "die Muster von Schelmen- und Dandy-Roman".

Ein traditionsreiches "Lesefestival" hat wieder einen Sieger: Der mit 8000 Euro dotierte Rauriser Literaturpreis ging an den in Berlin lebenden Thomas Klupp für seinen Roman "Paradiso"

Rauris - Gleich zwei Jubiläen bei den Rauriser Literaturtagen: Es galt die 40. Auflage des Festivals zu feiern und auch die Tatsache, dass Brita Steinwendtner heuer schon das 20. Lesefest leitet. Gegründet wurde es 1971 vom Schriftsteller und Journalisten Erwin Gimmelsberger. Kapazunder wie Thomas Bernhard oder Peter Handke bestritten die ersten Lesungen - aber nicht immer zur Freude der Einheimischen, die mit literarischen Provokationen wenig anfangen konnten.

Die kritische Anti-Heimatliteratur jener Zeit passte trotzdem perfekt in die bergbäuerliche Lebenswelt. Vor allem deren Schattenseiten kannte der Preisträger von 1975, der Pinzgauer Franz Innerhofer, nur zu gut aus eigenem Erleben. Dass er in seinem Roman Schöne Tage von Leibeigenschaft, Ausbeutung und wortloser Ohnmächtigkeit erzählte, war vielen Raurisern zu starker Tobak.

Auch in den Folgejahren scheuten die Literaturtage nicht vor kontroversen Texten und Themen zurück, mittlerweile steht eher die Harmonie zwischen "zuagroasten" Kulturarbeitern und lokaler Bevölkerung im Vordergrund. Kein Wunder, wirft das Festival doch einen erheblichen Mehrwert für den regionalen Tourismus ab.

Das Konzept "Störlesung"

Literatur ist nach wie vor "eine elitäre Geschichte", wie Germanist Karl Müller im Standard-Gespräch betont; aber Umfragen belegen, dass immerhin 40 Prozent der Einheimischen zu Lesungen gehen. Ein wesentlicher Grund ist das schöne Konzept der "Störlesungen", bei denen die Literaten in die Wohnzimmer der Menschen kommen, dort ganz entspannt bei Kaffee und Kuchen oder Pinzgauer Kasnockn reden und lesen.

Auch - wie etwa Silke Hassler und Peter Turrini - über die österreichische NS-Vergangenheit: Zu ihrer gemeinsamen Lesung aus der Volksoperette Jedem das Seine kamen hunderte Zuhörer. Während sich in den 1970ern bloß versprengte Häuflein von zehn bis 15 Interessierten um die Dichter versammelten, sind jetzt die Wirtsstuben auch bei den Videoübertragungen der Lesungen und Gespräche voll. Neben den direkten Begegnungen mit dem Publikum spricht laut Turrini auch das gute Essen und Trinken für Rauris. Das zieht an, die Liste mit den 400 geladenen Autoren der letzten 40 Jahre gleicht einem Who's who der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Der mit 8000 Euro dotierte Rauriser Literaturpreis (für die beste deutschsprachige Erstveröffentlichung) genießt in der Branche einen hohen Stellenwert. Heuer geht er an den in Berlin lebenden Thomas Klupp für den Roman Paradiso, der, so die Jury, "das Böse entblößt, die Muster von Schelmen- und Dandy-Roman wie des Roadmovie dekonstruiert und dabei in kunstvollem Jargon einer Generation der Wohlstandsverwahrlosung mit einer Vielzahl von Stimmen überrascht". Den Förderungspreis für bisher unveröffentlichte Prosa (3700 Euro) erhielt der Innsbrucker Martin Fritz für die Erzählung hier war jetzt.

Brita Steinwendtner richtet den Blick auch über das Talende und die Grenzen der deutschsprachigen Literatur hinaus. Keine Angst vor dem Fremden lautet die Botschaft: Heuer präsentierte ein junger Autor aus dem südostafrikanischen Bergstaat Malawi, Samson Kambalu, seinen Erstling Jive Talker. Auftritte früherer Preisträger (Bodo Hell, Peter Henisch, Katja Oskamp, Michael Köhlmeier, Hans Joachim Schädlich) und anderer Schreibkräfte (etwa Peter Esterházy, Antonio Fian, Wolf Haas) stehen für Gegenwart und Geschichte der Literaturtage.

Wie aber geht es in den nächsten 40 Jahren weiter? Medienphilosoph Frank Hartmann sprach über die Zukunft des Buchs in Zeiten von Internet und elektronischer Medien, die weltweite Publikation und Distribution auch jenseits des Produkts Buch garantieren. Vernommen wurde die Botschaft wohl, aber zumindest manche Protagonisten des "klassischen" Literaturbetriebs gingen mit "falschen Erwartungen", so Karl Müller, in den Vortrag. Für ihn hätten "nicht so sehr medientechnische Fragen, sondern die Stoffe der Zukunft im Mittelpunkt stehen sollen". Peter Turrini hat dieser Blick ins Jahr 2050 überhaupt wenig interessiert, sein Credo lautet: "Schreiben und Vorlesen ist die Zukunft." (Gerhard Dorfi, DER STANDARD/Printausgabe, 12.04.2010)

René Monet
 
00
12.4.2010, 11:53
Glückwunsch Martin!

mauszfabrick
00
13.4.2010, 20:56
vielen

dank!

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