Die ÖVP-Granden werden weder Fischer noch die FPÖ-Kandidatin wählen - Und geben damit ein schlechtes Vorbild ab
Österreich hatte ja schon öfter sozialdemokratische Bundespräsidenten. Am reinsten Franz Jonas, als Wiener Bürgermeister das Gegenteil seines Nachfolgers Michael Häupl. Als er dem Journalisten Hubert Feichtlbauer und der Fotografin Nora Schuster "Kaffee oder Tee" anbot, sagte Jonas' Frau: "Wir haben nur Tee." Und auf den Zusatz "Etwas dazu?", beschied ihnen die First Lady: "Wir haben nur Birnen."
So asketisch knapp ist Heinz Fischer nicht. Und seine sozialdemokratische Einstellung merkt man auch nicht bei jedem Schritt. Doch es fehlt ihm (nicht nur wegen seiner Statur) jene pseudoimperiale Gestik, die dem Tennisspieler Thomas Klestil zu eigen war.
Der Vorgänger Fischers war Diplomat, Fischer selbst stammt aus einer Beamtenfamilie, die mit der Diplomatie vertraut war. Aber die beiden vertreten verschiedene Strömungen der österreichischen Tradition. Der eine ein Barockmensch mit Neigung zum forcierten Genießen, ungeduldig konservativ. Der andere ein josephinischer Beamter, ein Bürgerpräsident, dessen Volksnähe Einstellungssache ist, nicht aber Naturell.
Fischer wandert anders als beispielsweise Raiffeisen-Imperator Christian Konrad auf seinen Mariazell-Prozessionen. Im Raxgebiet geht es naturfreundlich zu. Insofern entspricht Fischers Präsidentschaft dem Normalfall von Renner über Körner und Schärf bis Jonas und Kirchschläger. Klestil war ein Ausreißer nach dem umstrittenen Kurt Waldheim.
Der SPÖ-Kandidat deckt ein breites Spektrum ab. Links, gepaart mit rechtem Bürgersinn. Bescheidenheit, kombiniert mit seinen in der Hofburg versteckten Prinzipien.
Die Gegenkandidaten schauen aus wie die Vertreter kleiner Flügel - wie Henne und Hahn, die nicht weit und hoch genug fliegen können. Tatsächlich repräsentieren sie eine breitere Gedankenwelt.
Barbara Rosenkranz ist als Mutter das, wovon ÖVP und Kirche immer sprechen: Chefin einer Vielkinderfamilie. Und sie ist eine Heimatfigur, die - könnte sie singen - im Musikantenstadl Furore machte. Das Anschwellen der Zustimmung hat sie sich selbst vermasselt.
Rudolf Gehring, der Kandidat der Christen, steht für jene Katholiken, die Kurt Krenn um sich versammelt hatte. Er ist gegen die Abtreibung, aber auch gegen Minarette und für viele, viele Kreuze in der Hofburg. Damit die Türken wissen, woran sie sind.
Die ÖVP-Granden (mit wenigen Ausnahmen wie Erhard Busek und dem immer mutigeren Othmar Karas) werden weder Fischer noch die FPÖ-Kandidatin wählen. Sagen sie offiziell. Sie geben einen leeren Zettel ab. Und geben ein schlechtes Vorbild ab. Denn hingehen und ungültig wählen, das ersparen sich die Leute. Der Effekt: möglicherweise eine Senkung der Wahlbeteiligung auf unter 60 Prozent.
In einem Klima, das mehr Demokratie erschwert und weniger Mitsprache forciert, ist das ein politischer Sündenfall. Da sollen die ÖVP-Politiker gleich Herrn Gehring wählen. Aus taktischen Gründen haben sie auf einen eigenen Kandidaten verzichtet, aber sonst rein gar nichts überlegt. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 12.4.2010)