Briefwechsel aus den 1980er Jahren mit Ratzingers Unterschrift - Vatikan bestätigt Echtheit und verweigert Stellungnahme
Los Angeles - Kirchendokumente zeigen, dass sich Kardinal Joseph Ratzinger, bevor er Papst
wurde, der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters in Kalifornien widersetzte.
In einem 1985 vom damaligen Kurienkardinal Ratzinger unterschriebenen Brief
wurden Bedenken hinsichtlich der Folgen einer Amtsenthebung des Geistlichen für
die Weltkirche geäußert. Das Schreiben, das der Nachrichtenagentur AP
(Associated Press) vorlag, ist Teil einer mehrjährigen Korrespondenz zwischen
der Diözese von Oakland und dem Vatikan über eine mögliche Entfernung des
Priesters aus dem Amt.
Der Vatikan bestätigte die Unterschrift Ratzingers unter dem in lateinischer
Sprache verfassten Brief. Sprecher Ciro Benedettini sagte, der damalige Kardinal
habe nicht versucht, den Fall zu vertuschen. Der Vatikan hat stets erklärt, der
heutige Paps Benedikt XVI. habe sich während seiner Zeit als Leiter der
Glaubenskongregation niemals der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters
widersetzt.
Jahrelang keine Entlassung
Der betreffende Priester wurde bereits 1978 wegen der sexuellen Belästigung
von zwei Buben zu einer dreijährigen Bewährung verurteilt. Nach Ende der Frist
1981 bat er darum, aus dem Priesterstand entlassen zu werden, und die Diözese
sandte ein entsprechendes Schreiben an den Vatikan. Der Fall lag daraufhin vier
Jahren lang in Rom, bevor Ratzinger dem Bischof antwortete. Bis zur
Amtsenthebung des pädophilen Priesters vergingen zwei weitere Jahre, in denen
der Mann weiter mit Kindern arbeitete. Welche Rolle Ratzinger schließlich bei
der Entlassung 1987 spielte, ging aus den Dokumenten, die der AP vorlagen, nicht
hervor.
In seinem auf November 1985 datierten Brief erklärte Ratzinger, eine mögliche
Amtsenthebung müsse gründlich geprüft werden. Dafür sei mehr Zeit notwendig. Bei
der Entscheidung müssten "das Wohl der Weltkirche" sowie die Nachteile einer
Entlassung für die christliche Gemeinschaft in Betracht gezogen werden, hieß es.
Der Bischof solle dem Priester in dieser Zeit "so viel väterliche Fürsorge wie
möglich" zukommen lassen. Die Argumente für eine Entlassung seien jedoch "von
großer Wichtigkeit".
Der Anwalt des Vatikans, Jeffrey Lena, erklärte, mit der Bitte um "väterliche
Fürsorge" habe Ratzinger den Bischof aufgefordert sicherzustellen, dass es
während des Amtsenthebungsverfahrens nicht zu weiteren Missbrauchsfällen komme.
Zwischen 1981 und 1987 seien keine weiteren Übergriffe des Mannes mehr
bekanntgeworden.
2004 wurde der ehemalige Priester wegen des Missbrauchs eines Mädchens 1995
zu einer sechsjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Der heute 63-jährige
registrierte Sexualstraftäter lebt inzwischen im kalifornischen Walnut
Creek. (APA/apn/ANSA)