Brauch und Missbrauch

9. April 2010, 19:27

Zur Sprache der Verschwiegenheit: Wo Sprache Gewalt vor ihrem Benanntwerden schützt, gedeihen Schweige-Institutionen und Verschwiegenheitsnetzwerke

Es war Brauch in der Knabenhauptschule Braunau am Inn, 1973, dass die Schüler in den Pausen in Zweierreihen schweigend im Kreis marschierten. Auch, dass die beaufsichtigenden Lehrer bei Disziplinverstößen mit dem Bestrafungsdreischritt "Niederbrüllen, Ohrfeigen, Nachsitzen" vorgingen. Auch, dass in manchen Klassen mit einem Stock geprügelt wurde, der am Beginn des Schuljahres getauft wurde. In den Klassen bildeten sich als Schutz gegen die Gewalt der Lehrer Hierarchien der Gewalt, und als von Lehrergewalt Betroffener war man an ihrem unteren Ende. Die Gewalt wurde so weitergegeben, und aus Angst vor erneuter Gewalt hielt man den Mund, Lehrern, Eltern, Mitschülern gegenüber.

Das Schweigen der Zweierreihen war daher immer da, auch wenn geredet oder gebrüllt wurde, da gab es kein Wort, das man ergreifen hätte können. Zu Wort zu kommen, Gehör zu finden, die Gewalt beim Namen zu nennen, das gehörte nicht zum Brauch.

Die Rede von "sexuellem Missbrauch" schafft genau diese Lage: Sie sorgt einerseits für Schweigen dort, wo am meisten gesprochen werden müsste, und andererseits für Geplapper dort, wo Reden nichts verändert. Denn im Inneren des Wortes "sexueller Missbrauch" verbirgt sich die schweigende Annahme einer Abweichung vom richtigen sexuellen Gebrauch; die unausgesprochene Vorstellung, etwas sei aus dem Ruder gelaufen, was sonst aber schon in Ordnung ist, und worüber daher auch kein Wort verloren werden muss. Jene, die jetzt das Wort ergreifen möchten, die sich Gehör verschaffen wollen, jetzt endlich, sehen sich in jene Wortlosigkeit zurückgeworfen, die sie oft schon seit vielen Jahren kennen. Nur dass das eigene, lautlose innere Brüllen angesichts des Getöses um die "Missbräuche" nur noch sinnloser, noch hoffnungsloser erscheint, noch weniger Aussicht auf Gehör hat.

Als Wort, das eine Abweichung von einer wortlos angenommenen Norm beschreibt, macht der "Missbrauch" jene, denen Gewalt angetan wurde, aber auch zu Ausnahmen, zu Sonderfällen, die in die Zuständigkeit von Sonderbeauftragten und Kommissionen fallen und die nichts mit den etablierten Bräuchen, mit richtigem Gebrauch zu tun haben. Die Rede von den "Einzelfällen" ist daher kein Zufall, sondern nur die logische Konsequenz der Rede vom "Missbrauch", ebenso wie die ständig erhobene Forderung, man möge die Kirche im Dorf lassen und nicht wegen ein paar "Ausnahmefällen" gleich das ganze Brauchtum infrage stellen. Auch so wird die Gewalt mit sprachlichen Mitteln fortgesetzt.

Wo Sprache Gewalt vor ihrem Benanntwerden schützt, gedeihen Schweige-Institutionen und Verschwiegenheitsnetzwerke, die sich dieser Schweigesprache bedienen, sie pflegen und durch Wiederholung und bloße Präsenz normalisieren, damit die Wortlosigkeit der Menschen, die Gewalt erfahren haben, als persönliche Pathologie erscheint. Die Rede vom "Missbrauch" wird so zur Sprache der Verantwortungslosigkeit, die den "Opfer"-Status der Betroffenen zementiert.

Vom wortlosen "Opfer" zum sprechenden, das eigene Leben einfordernden "Survivor" können Menschen nur dann werden, wenn sie die Gewalt beim Namen nennen können. Sie riskieren dabei, sich erneut der Gewalt auszusetzen, indem sie von jenen "Sonder-Beauftragten" als eben solche Fälle behandelt werden, abgesondert vom Normalen, wobei die Bandbreite von der wohlmeinenden Ignoranz bis zur zynischen Rede von "Angriffen auf die Kirche" reicht. Verharren sie indessen im Schweigen, können sie sich selbst nicht heilen, während die Gewalt ungehindert weitere Kreise zieht.

Wenn dieser Zyklus durchbrochen werden soll, dann ist die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt eine Auseinandersetzung mit der Sprache, in der über sie geschwiegen wird. (Wolfgang Sützl/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11. April 2010)

Zur Person

Wolfgang Sützl ist Medientheoretiker, Philosoph und Übersetzer in Wien und forscht an der Universität Innsbruck.

Kommentar posten
17 Postings
Gerhard Bichler1
00
Ordenschwestern schlugen Kinder tot.,.

http://tinyurl.com/3y3pmuc

Gerhard Müller
00
13.4.2010, 16:34
Was hindert uns daran

bei Gewalt gegen Kindern schlichtweg - ob nun unmittelbar sexuelle Gewalt oder nicht im Spiel ist - von Vergewaltigern zu sprechen?

Es ist nun einmal ein Unterschied, ob ich eine erwachsene Frau bin und vergewaltigt werde - wobei diese sich ja bis zu einem gewissen Grad dagegen wehren kann - wenn auch nicht wirksam.

Kinder können sich schon alleine wegen des autoritären Abhängigkeitsverhältnisses, dem Unverständnis ihrer Umgebung und auch aus körperlichen Gründen nicht wehren.

Deshalb ist jeglicher Übergriff auf Kinder eine Vergewaltigung. Und sollte auch als solche bezeichnet und bestraft werden.

Mit gutem Beispiel ging hier ein New Yorker Gericht mit einem Rabbi voran. Ein Geschädigter (mehrfach), 32 Jahre Gefängnis für den Täter.

pathological weakness of the financial memory
00
13.4.2010, 16:19
Danke - sehr guter Kommentar!

wakeup
11
11.4.2010, 13:34
Wir verpassen den Augenblick

Es ist paradox, dass sich alle Kommentare immer mit der Vergangenheit befassen und dabei übersehen, dass Gewalt unzählige Gesichter hat und hier und jetzt stattfindet.

AllesWieImmer
12
11.4.2010, 17:19
Ein Beispiel

Die Disziplinierung / Normierung / Regulierung der Kids erfolgt heutzutage mindestens so "unsichtbar" bzw. so selbstverständlich, wie eben "Schläge" selbstverständlich & also "unsichtbar" gewesen sind.
Für mich das interessanteste Phänomen / Beispiel ist (ich beschäftige mich damit quasi wissenschaftlich):
Die ZAHNSPANGE , die "Regulierung" der Zähne für ein strahlendes, gewinnendes Lächeln.
Jeder Disziplinierung geht einher mit einem Körperzugriff: Interessant an der Zahnspange ist jetzt, dass dieser "Druck" in Permanenz über einen langen Zeitraum erfolgt und sich so, das ist aus der Gehirnforschung bekannt, in den Körper "schreibt". Gekoppelt ist diese Disziplinierung - wie immer - mit einer Zukunftserwartung, z.B. gute Jobchancen!

studor
10
13.4.2010, 16:31
Zahnspangen ...

Sie machen mich neugierig ... beschäftigen Sie sich wissenschaftlich mit Zahnspangen oder einem breiteren Spektrum
Die Zahnspange als "Allheilmittel" sehe ich auch schon lange eher skeptisch ... es entsteht irgendwie der Eindruck, dass alle Gebisse in der Kindheit bereits "genormt" werden müssen.

LCMSMS2
05
11.4.2010, 11:29
Die Geschehnisse ...

... offen zu benennen stösst auf starken Widerstand - kommentieren sie die Medienberichte in ihrer Firma mal mit den zutreffenden (und nicht vulgären) Worten "Priester haben ihre Penisse in die Münder und After von Buben gesteckt".

gutartiger Bösmensch
02
11.4.2010, 07:20
Der Bericht im heutigen Profil

- da wird einem ganz anders, das sowas Jahrzehntelang vor aller Augen mit hunderten, tausenden, von Kindern gemacht werden konnte und wahrscheinlich als "die Wadl vorrichten" auch noch applaudiert wurde. Die "Erzieher" sind wohl direkt aus den KZ-Wächtern rekrutiert worden.

Eine Kreatur
00
11.4.2010, 11:16
das sind die heute 40-60 jährigen ..

da wird einem auch einiges klarer, wenn mensch sich gewisse politische meinungen und politikerInnen anschaut ..

meinungsbildnerInnen kommen also meist aus dieser zeit, in der solche zustände als "normal" betrachtet wurden ..

Bodaguat
01
10.4.2010, 21:36

Schweigen ist eine der unerträglichsten Formen der Erwiderung

AllesWieImmer
00
10.4.2010, 17:35
http://derstandard.at/126944932... -Priesters

Sprache:

"In seinem auf Nov 1985 datierten Brief erklärte Ratzinger, eine mögliche Amtsenthebung müsse gründlich geprüft werden. Dafür sei mehr Zeit notwendig. Bei der Entscheidung müssten "das Wohl der Weltkirche" sowie die Nachteile einer Entlassung für die christliche Gemeinschaft in Betracht gezogen werden ... Der Bischof solle dem Priester in dieser Zeit "so viel väterliche Fürsorge wie möglich" zukommen lassen. Die Argumente für eine Entlassung seien jedoch "von großer Wichtigkeit".

Der Anwalt des Vatikans, Jeffrey Lena, erklärte, mit der Bitte um "väterliche Fürsorge" habe Ratzinger den Bischof aufgefordert sicherzustellen, dass es während des Amtsenthebungsverfahrens nicht zu weiteren Missbrauchsfällen komme..."

countdawn
04
10.4.2010, 17:13
Brauchen-gebrauchen-missbrauchen-Brauch

Das Verhältnis von Tätern zu Opfern ist vielleicht besser beschrieben als Ausbeuter zu Ausgebeuteten. Die pädophilen Ausbeuter haben ein Manko an persönlicher Wärme und BRAUCHEN (sexuelle) Nähe, die ihnen aber Kinder nicht geben können. Deshalb fangen sie an zu manipulieren, Kinder zu gebrauchen, zu misshandeln, um doch zu bekommen, was sie brauchen. Immer wieder wiederholtes Handeln nennt man Brauch. So schmuggelte sich wohl das Wort Missbrauch in den Wortschatz.

her wig
00
10.4.2010, 13:30

Anleitung zum richtigen Gebrauch der Sexualität (ja, den gibt es, auch wenn sich über diese Wortwahl streiten lässt) sollte eigentlich die einschlägige Bildung geben - das ist das was bis in die 70er garnicht vorhanden war. Jedenfalls, erst wenn man Normen hat kann man Abweichungen erkennen.

Christoph Karl Steininger
010
10.4.2010, 12:42
Schwarze Pädagogik ist auch Mißbrauch.

Es wird aber immer so getan als wär das alles lang her.
In der Zeit steht ein Artikel daß es solche Zustände in einem Internat der Salesianer in Fulpmes in Tirol noch in den 90er Jahren gegeben hätte.

Unhinterfragbare Autoritätsverhältnisse sind dem Sadismus förderlich.

Das Autoritärste was man sich überhaupt vorstellen kan ist ein allmächtiger allwissender Gott. Nach ihm kommt sein unfehlbarer Diener und nach diesem wiederum weitere Diener mit abgestuften Autoritätsanspruch.
Unterworfen sind die Laien. Am Unterworfensten die Kinder!

Auf keinen Fall sollten solche Verhältnisse in der Erziehung eine Rolle spielen!

countdawn
07
10.4.2010, 12:15
Was ich schon immer sag!

Siehe z.B: meine Kritik zum Runden Tisch auf
http://www.wir-offenbaren.com/ klick Aufruf und Memorandum:
Zitat: Auch die Wortwahl "Missbrauch" scheint gerade für ein Familienministerium abwegig, als wären Kinder eine Sache, die man gebrauchen kann. Wohl eher trifft Misshandlung, Manipulation oder Gewalt eher den Kern der Sache.

Wer sich bewusst wird, dass er auch als Kind schon ein Mensch war und kein Ding, stellt sich selbst auf eine andere Stufe und lässt sich nicht verdinglichen, auch rückwirkend in die Vergangenheit!
Auch ich bin nicht missbraucht worden, sondern misshandelt, gequält, manipuliert, gehirngewaschen, gefotzt, und was weiss noch alles. Die Täter dachten sich wohl sie hätten mich missbraucht, für mich war es Misshandlung.

Seria
13

die Kinderschänder gehören gnadenlos verfolgt. Verschweigen darf nicht toleriert werden

annabrecht
011
Endlich!

Seit Jahren gibt es im Beratungsbereich zum Themenkreis "Sexualität/sexuelle Gewalt" immer wieder kleine Bestrebungen die Begrifflichkeiten zu ändern, die sich nicht durchsetzen, weil medial und damit in den Köpfen der Menschen der Begriff "sexueller Missbrauch" leider fest verankert und alltagsgebräuchlich geworden ist. Sexuelle Gewalt hingegen wird selbst von KollegInnen gelegentlich mit Verwunderung bemerkt, impliziere ja Gewaltanwendung. Meine Standardreaktion ist: "Sexueller Missbrauch impliziert, dass es so etwas wie Sexuellen Gebrauch von Menschen gäbe." Obwohl das den meisten einleuchtet, bleiben sie in der bekannten Begrifflichkeit verhaftet. Es gibt auch psychische Gewalt. Sexuelle Gewalt würde endlich benennen, was es ist!

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