Unvergessliche Dinge

9. April 2010, 17:32
  • Der Künstler Joseph Cornell, ständig in Kontakt mit alten Dingen, kennt den Phantomschmerz der fehlenden Vergangenheit.
    foto: der standard

    Der Künstler Joseph Cornell, ständig in Kontakt mit alten Dingen, kennt den Phantomschmerz der fehlenden Vergangenheit.

Was sich schon früh in seinem Leben manifestierte, war ein Hang zu Visionen, die ihn von Zeit zu Zeit anfielen - Über Joseph Cornell

Clemens J. Setz über den amerikanischen Künstler Joseph Cornell und sein umfangreiches Werk.

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J'aimais les peintures idiotes, dessus de portes, décors, toiles de saltimbanques, enseignes, enluminures populaires; la littérature démodée, latin d'église, livres érotiques sans orthographe, romans de nos aïeules, contes de fées, petits livres de l'enfance, opéras vieux, refrains niais, rhythmes naïfs. - Rimbaud: "Alchémie du Verbe"

Der bedeutendste Assemblagekünstler des 20. Jahrhunderts wohnte die meiste Zeit seines Lebens relativ unauffällig in einem kleinen Haus am Utopia Parkway in Flushing, New York. Im Keller seines Hauses befand sich eine Werkstatt, in der er seine Kunstwerke produzierte. Manchmal stellte er sie aus, manchmal verschenkte er sie, manchmal legte er sie auch einfach im selben Keller in ein Regal.

Joseph Cornell wurde 1903 geboren. Als Kind zeigte er keine besondere Begabung oder Neigung für die bildende Kunst. Er erhielt auch - im Unterschied zu seiner Schwester, die bei Edward Hopper Malerei studierte - keine formale künstlerische Ausbildung. Was sich allerdings schon früh in seinem Leben manifestierte, war ein Hang zu Visionen, die ihn von Zeit zu Zeit anfielen. Eines Tages erblickte er eine weiße Antilope mitten im Zimmer und fürchtete sich vor ihr. Ein andermal bekam er, als er sich für eine Schulaufgabe intensiv mit Astronomie beschäftigen musste, entsetzliche Angst angesichts des unendlichen Raumes, der ihn umgab, und flüchtete sich ans Bett seiner Schwester.

Überirdische Mondpoesie

Nachdem sein Vater 1917 gestorben war, geriet die Familie allmählich in finanzielle Schwierigkeiten. Mit siebzehn Jahren sah sich Joseph Cornell dazu gezwungen, einen Job anzunehmen. Er arbeitete als Vertreter für Textilien in Manhattan. In dem Beruf war er nicht besonders glücklich, da er es hasste, sich mit Kunden zu treffen. Ab Mitte der 30er-Jahre begann er, eigene Kunstwerke herzustellen. Seine ersten Werke waren vor allem kleine surrealistische Spielzeuge und Collagen alter Kupferstiche und Grafiken, die eindeutig von Max Ernsts Roman in Bildern La Femme 100 têtes inspiriert waren. Bei Max Ernst stehen diese Collagen vor allem im Dienst einer Poesie beunruhigender oder provokanter Kombinationen (Galante Herren mit Vogelschnäbeln im Gesicht oder Damen der feinen Gesellschaft mit Gürteltieren auf dem Rücken), doch bei Cornell sieht es ganz anders aus: Ein Frauenarm, der, wie aus der Dusche kommend, nach einem Schmetterling an der Wand greift, um sich vielleicht mit ihm abzutrocknen; ein Kindergesicht auf einer Art Teller-Raumschiff; ein Heißluftballon mit ernst dreinblickenden Sonnenemblemen, der auf dem Meer strandet. Eine überirdische Mondpoesie mit unbeteiligt aussehenden menschlichen Teilnehmern.

Joseph Cornell war kein zu Lebzeiten unbekannter, im Geheimen arbeitender Künstler (wie etwa Henry Darger, der berühmteste Vertreter der amerikanischen Outsider Art, die in vielen Fällen ein rein postumes Phänomen ist), im Gegenteil, er stellte seine Werke schon relativ früh in seiner Karriere neben berühmten Kollegen, meist Surrealisten, aus. Doch trotz dieser Tatsache ist Cornells Leben von einer grundsätzlich einsiedlerischen Richtung geprägt. Er verweigerte sich weitgehend den gesellschaftlichen Aspekten des Kunstbetriebes, streifte lieber tagelang durch bestimmte Straßen von Manhattan, wo es Antiquitäten- und Trödelläden gab. Dort stöberte er jene unscheinbaren Kostbarkeiten auf, aus denen seine einzigartigen Assemblagen und Collagen bestehen: Puppen und Figurinen, alte Trinkgläser, Postkarten, Kompasse, Karten der Sternbilder und der Mondoberfläche, bunte Abbildungen aus Vogelbestimmungsbüchern, Seiten aus alten Liebes- und Abenteuerromanen, Flaschenkorken, Seifenblasenspender.

Um zu verstehen, was mit diesen Gegenständen geschah, nachdem sie die Aufmerksamkeit des Künstlers gewannen, muss man zuerst verstehen, welchen Platz Schubladen in der menschlichen Psyche belegen.

Gaston Bachelard hat in seiner grundlegenden Studie Die Poetik des Raumes einen kleinen Versuch zur Rehabilitierung der Schubladen unternommen. Schubladen würden meist nur als abwertender Vergleich gebraucht, so Bachelard, als Metapher für ein Denken in zu groben Kategorien, dabei stellen sie ein eigenes System der Repräsentation dar, sie sind vollkommene Embleme der Erinnerung wie des Geheimnisses. "Welch wunderbares Werkzeug! Es eignete sich zu allem: es war ein Gedächtnis, es war eine Intelligenz", zitiert Bachelard einen französischen Romanschriftsteller, dessen Held Schubladen liebt.

Das Herz von Joseph Cornells umfangreichem Werk bilden solche Schubladen, genauer gesagt, offene Schubladen, Guckkästen, die berühmten Cornell-Boxes: rechteckige Holzkisten, in die verschiedene Objekte gelegt wurden, verschlossen von einer Glasscheibe. Jeder dieser Kästen enthält eine außergewöhnliche Kombination verschiedener Dinge: eine alte Puppe mit offenen Augen, hinter einem Gestrüpp dürrer Zweige, das wie ein Scheiterhaufen um ihre unbewegliche Gestalt lodert (Bébé Marie, 1940); ein dunkles Porträt des jungen Prinzen Piero de' Medici, dessen Fürstenkind-Einsamkeit durch die urbane Metaphysik eines Spielautomaten-Rahmens überhöht wird (Medici Slot Machine, 1942); ein ausgeschnittener Papagei in einem abstrakten weißen Käfigzimmer, in dessen unterer Ecke ein mit oranger Farbe überpinselter Papierstreifen mit der Aufschrift Grand Hôtel Semiramis klebt (Grand Hotel Semiramis, 1950).

Immer wieder sind es Vögel, die durch Cornells Kästen schwirren: Ein Vogel auf einem Ast, eine Drahtspirale, ein Fenster und ein Papierfetzen mit einem rätselhaften Hotelnamen darauf. Hotel Eden. Hôtel Royal des Étrangers. Grand Hôtel de l'Étoile. Grand Hôtel de l'Univers.

Jeder, der die ästhetische Erfahrung, eine Cornell-Box zum ersten Mal zu sehen, noch vor sich hat, ist zu beneiden. Er empfindet möglicherweise das, was ein Kind empfinden muss, das zum ersten Mal eine Schneekugel in der Hand hält und schüttelt. Eine Cornell-Box enthält das ganze Universum en miniature, seine ästhetischen und philosophischen Widersprüchlichkeiten sowie seine bisweilen auf einen einzigen strahlenden Punkt komprimierte Schönheit. "Im Kästchen sind unvergessliche Dinge", schreibt Bachelard in Die Poetik des Raumes, "Die Vergangenheit, die Gegenwart, eine Zukunft sind darin zusammengeballt." Diese Komprimierung gibt den Kästen von Cornell einen Charakter fast religiöser Eigensinnigkeit, der schlafwandlerischen Zielsicherheit eines Besessenen. Und doch schwebt ein eigentümlicher Humor über ihnen, der liebenswürdige, spielerische Humor nicht erwachsener Lebewesen.

30.000 Seiten Tagebuch

Joseph Cornell starb 1972. Er hinterließ ein Tagebuch, das mehr als 30.000 Seiten umfasst. In ihm nehmen die Beschreibungen seiner Träume einen bedeutenden Platz ein. Die Traumnacherzählungen (sowie bestimmte Stellen in seinen Briefen) gehören zu den bemerkenswertesten Beispielen von unbeabsichtigter Lyrik, die es in der amerikanischen Literatur gibt. Viele der Träume werden in einer einzigen Zeile zusammengefasst und können sich an Rätselhaftigkeit und klanglicher Perfektion durchaus mit Gedichtzeilen von Ashbery, Rimbaud oder Mayröcker messen:

old-fashioned doll suddenly opening its eyes from no apparent motivation

Oder:

"the umbrella" i. e. in the dream the boy used the girl's nakedness as a shield for his own

Oder:

wraith-like girl doing a ballet dance - robe diaphanous white

Oder:

milkman leaving milk outside in pale blue sunlight - his shadow only

Uns alle begleitet dieselbe private Geheimpoesie abgelegter Gegenstände, die sich in Schubladen oder auf Dachböden sammeln. Dinge und Figuren, die wir früher gekannt und dann aus irgendeinem Grund hinter uns gelassen haben. Sie begegnen uns wieder in alten blechernen Zigarrenkisten, auf Dachböden und in Kellerabteilen, in der Hand unbekannter Menschen oder in fremden Hotels, wo merkwürdige alte Zeichnungen und kleinformatige Gemälde an den Wänden der Korridore und direkt über unserem Bett hängen.

In einer Schachtel voller alter Spielsachen, die jahrzehntelang nicht mehr geöffnet worden ist. All die abgestreiften, abgelegten Empfindungen. Ein vor vielen Jahren kaputtgegangener Astronomiebaukasten mit kleinen Planeten und Drahtgestellen, mit denen man die Abenteuer der Umlaufbahnen nachspielen kann. Modellflugzeuge mit eingeknickten Flügeln. Kleine Autos aus Blech. Ein Seifenblasenspender mit einem winzigen menschlichen Antlitz. Ein altes Sonnenamulett, das aufgeblähte Backen hat, als bliese es eine Kerze aus. Eine alte Schablone, die Kinder verwenden, um Vögel aufs Papier zu zeichnen. Der Kontakt mit diesen alten Dingen ist ein ständiges Wiedererkennen, ein Wiederbegrüßen von Verlorengeglaubtem. Ein ständiger Phantomschmerz der fehlenden Vergangenheit.

Kostbare Memorabilia

Im Gegensatz zu vielen Künstlern des Kubismus oder des Dadaismus, die für ihre Collagen oft wertlose, weggeworfene Dinge verwendeten (um Schönheit aus dem Müll des Alltäglichen zu gewinnen), sind es bei Cornell immer Gegenstände, die von ihrem früheren Leben als kostbare Memorabilia oder Schmuckstücke noch zu erzählen imstande sind. Kunstbetrachtung bedeutet bei ihm einen Gang durch eine Wunderkammer, die nicht durch die gewöhnlichen Zimmerfluchten der Gegenwart betretbar ist.

Man betritt sie allein durch die richtige Kombination, die richtigen Akkorde. Nicht das richtige Material, die richtige Zutat, sondern die richtige Zusammenstellung, der richtige Abstand untereinander, die richtige Balance. Erst wenn diese Dinge einmal ermittelt sind, kommt alles, was üblicherweise nur noch im unmündigen Schmerz des Verlusts dahinvegetiert, zurück ans Tageslicht.

Es existiert ein Foto von Joseph Cornell, das ihn im New Yorker Central Park vor einem großen Felsen zeigt. Es sieht so aus, als bewahrte Cornell allein durch seine Kraft den Felsen (der in Wirklichkeit fest verankert dasteht) davon ab, umzukippen. In den Schatten des Felsens hat Cornell zuvor eine kleine Puppe gelegt. Dieses rätselhafte Bild fasst vielleicht am besten zusammen, was Cornell war: ein Bewahrer. In seinen Kästen geht nichts verloren. Selbst etwas so Unbeständiges wie der Blick des Betrachters erhält dort einen Platz zugewiesen, auf dem er sich niederlassen und vielleicht für einige Jahrhunderte ausruhen kann. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.04.2010)

Literatur zu Joseph Cornell:

  • Kynaston McShine (Hrsg.): "Joseph Cornell" . The Museum of Modern Art, 1990
  • Charles Simic: "Medici Groschengrab. Die Kunst des Joseph Cornell" . Aus dem Amerikanischen von Klaus Martens, Carl Hanser Verlag, 1999
  • Jonathan Safran Foer (Hrsg.): "A Convergence of Birds. Original Fiction Inspired by the Work of Joseph Cornell" . Penguin Books, 2001
  • Catherine Corman (Hrsg.): "Joseph Cornell's Dreams" . Exact Change, 2007
  • Mary Ann Caws (Hrsg.), Joseph Cornell: "Joseph Cornell's Theater of the Mind: Selected Diaries, Letters and Files" . Thames and Hudson, 2000

Zur Person:
Clemens J. Setz, geb. 1982 in Graz, ist Schriftsteller. Sein Roman "Die Frequenzen" (2009) wurde für den Deutschen Buchpreis 2009 (Shortlist) nominiert und gewann den Bremer Literaturpreis 2010.

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