Wer krank ist, will nicht auf Behandlung warten - Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher und Marcus Franz, Primar des Hartmannspitals diskutieren über Strategien Wartezeiten zu verkürzen
Standard: Wie entstehen lange Wartezeiten in Ambulanzen?
Franz: Sie entstehen, weil personelle und strukturelle Ressourcen in Spitälern immer begrenzt sind. Grundsätzlich gilt: Alles, was dringend ist, hat Vorrang. Alle anderen müssen dann warten. Notfälle lassen sich nicht planen.
Standard: Termine zu vergeben ist also unmöglich?
Franz: Nur bedingt, weil es sogar in Ambulanzen für chronische Erkrankungen dringende Fälle geben kann. Und es gibt Zeiten, an denen viele Menschen kommen, weil gerade die Grippe oder sonst eine andere Infektionserkrankung grassiert. Das ist auch nicht vorhersehbar.
Hofmarcher: Österreich hat allerdings optimale Wartezeiten, das belegen viele Studien. Die Notfallversorgung funktioniert sehr gut, die Menschen sind damit auch sehr zufrieden. Allerdings deckt die haus- und fachärztliche Versorgung außerhalb des Spitals nicht den Bedarf, der sich aus der Bevölkerung ergeben würde, etwa was Öffnungszeiten betrifft. Deshalb gehen viele lieber in die Spitalsambulanz als zu Fachärzten.
Standard: Auch deshalb, weil dort alle Untersuchungen gleich gemacht werden, oder?
Hofmarcher: Ja, das ist sicherlich ein Faktor. Spitalsambulanzen sollten besser in die ambulante Versorgung integriert werden.
Standard: Wer muss weiter unbedingt in eine Ambulanz?
Franz: Akutfälle. Das heißt Menschen, die aus Wunden bluten oder gerade einen Unfall hatten. Auch bei Kreislaufbeschwerden mit Brustschmerzen oder neurologischen Ausfällen sollte man ins Spital. Alle anderen hingegen sind im niedergelassenen Bereich besser aufgehoben. Die Medizin wird zunehmend spezialisierter, Expertise ist für eine gute Behandlung entscheidend, die hat der Facharzt.
Standard: Wer entscheidet, ob man ein Notfall ist?
Franz: Subjektives Empfinden ist ein großes Problem, denn Patienten können ja selbst meist nicht beurteilen, wie ernst die Lage ist. Es gibt immer wieder welche, die wegen Heiserkeit kommen, weil sie im Internet gelesen haben, dass Heiserkeit ein Zeichen für Kehlkopfkarzinom sein könnte. Und weil der HNO-Arzt erst in drei Wochen einen Termin hat. Das ist die Realität.
Hofmarcher: Idealerweise wäre ein Hausarzt zwischengeschaltet, und es wird sicher die Aufgabe der Gesundheitspolitik sein, deren Position zu stärken, um sie zu Koordinatoren zu machen. Sie sind ja dann auch für die Nachsorge wichtig. Das müssen wir schaffen, denn die Zahl chronisch Kranker steigt. Wir sind nicht gerüstet.
Standard: Was sollte sich ändern?
Hofmarcher: Wir brauchen mehr multidisziplinäre Einrichtungen außerhalb von Spitälern. Dafür sind noch viele bürokratische Hürden zu überwinden.
Standard: Wie sieht es mit den Wartezeiten für Knie- oder Hüftoperationen aus?
Hofmarcher: Bei den elektiven Eingriffen, so heißen Operationen, die nicht akut, sondern geplant durchgeführt werden, gibt es in allen Ländern Wartezeiten. Aus der Gesundheitsbefragung 2007 haben wir konkrete Daten für Österreich. Durchschnittlich wartet man in Österreich 102 Tage auf eine Kataraktoperation, 97 Tage für einen Kniegelenkersatz, für eine Hüfte 78 Tage, auf eine Operation der Herzkrankgefäße 39 Tage, für einen Herzkatheter 28 Tage. Wobei ich sagen muss: Wartezeiten sind nicht immer negativ.
Standard: Inwiefern?
Hofmarcher: Je größer die Belastung des Patienten, umso geringer seine Bereitschaft zu warten. Studien zeigen jedoch, dass Wartezeiten nicht unbedingt negativ sind, weil sie Menschen auch die Zeit geben, sich auf Operationen vorzubereiten, sich ausführlich zu informieren. Die Operation wird dann als weniger belastend erlebt. Ganz besonders beeinträchtigend ist, wenn Patienten sich wie am Fließband behandelt fühlen. Das Warten an sich ist nicht das Problem.
Franz: Nur werden Wartelisten in Zukunft länger werden. Die Menschen werden immer älter, damit steigen die Abnützungserscheinungen. Gleichzeitig wird aber auch die Implantattechnologie immer besser und wird für immer jüngere Menschen eine Option.
Standard: Hilft nicht eine Zusatzversicherung, um Wartezeiten zu verkürzen?
Franz: Das stimmt. Doch immer mehr Menschen ohne Zusatzversicherung zahlen sich das heute einfach privat selbst dazu.
Standard: Könnte die Politik hier nicht steuernd für alle Nichtzusatzversicherten eingreifen?
Franz: Ein Grund für die Wartezeiten im öffentlichen Spital ist das starre Dienstrecht. Medizinischer Routinebetrieb ist meist nur von acht bis 13 Uhr. Am günstigsten wäre, es gäbe Einrichtungen, die rund um die Uhr elektive Eingriffe machen.
Hofmarcher: Stimmt, es wäre hoch an der Zeit, flexibler zu werden, damit Kapazitäten ausgelastet werden können.
Franz: Wir am Hartmannspital schließen durch ein neues Kooperationsmodell gerade einen Engpass. Katarakt- und Bandscheibenpatienten, die in der Rudolfsstiftung auf der Warteliste stehen, werden bei uns operiert, und zwar von Ärzten aus der Rudolfstiftung, die sich das in ihrer Freizeit einteilen. Zusatzversicherung brauchen diese Patienten nicht, die Wartelisten sind halbiert.
Standard: Was ist daran neu?
Franz: Spitäler haben lange Zeit um die Patienten gebuhlt und gegeneinander gearbeitet. Wir als Ordensspital agieren in diesem Pilotprojekt gemeinnützig, diese Kooperation mit dem öffentlichen Sektor ist neu.
Hofmarcher: Wie werden Leistungen verrechnet?
Franz: Leistungserbringer ist das Haus, wir rechnen nach LKF-Punkten ab, und der Arzt aus der Rudolfstiftung, der das in seiner Freizeit machen darf, bekommt einen aliquoten Anteil.
Standard: Das heißt aber auch, dass Ihre Auslastung nicht gut war.
Franz: Nein, wir haben unseren Operationsbereich genau für dieses Ziel erweitert.
Standard: Wer wird noch im Privatspital behandelt?
Franz: Solche, die sich explizit dafür entscheiden. Sie unterschreiben eine Einwilligungserklärung, dass sie nicht mehr öffentlich behandelt werden wollen. Das ist eine Art Hürde, denn auch für ein öffentliches Haus sind Privatpatienten wichtig, weil sie Geld bringen.
Hofmarcher: Die Sonderklasse-Regelung hält Kapazitäten hoch. Das kann zu geringeren Wartezeiten für alle und nicht nur für Privatversicherte führen.
Standard: Was ist die Idee hinter all diesen Neuerungen?
Hofmarcher: Spezialisierungen zu fördern, denn es macht definitiv keinen Sinn, dass in Zeiten zunehmender Spezialisierung jedes Haus alles macht.
Franz: Ich denke, dass mit unserem System auch die Sozialver- sicherung steuernd eingreifen kann, indem sie Leistungen direkt an Ärzte zahlt und nicht wie bisher 14 Milliarden in einen Krankenhaustopf, und niemand weiß genau, was mit dem Geld geschieht.
Standard: Soll der mündige Patient bald selbst eine Klinik finden?
Hofmarcher: Patienten werden sich zunehmend selbst um ihre Gesundheit kümmern müssen. Bei elektiven Eingriffen wären Fallzahlen und Komplikationen in einem Spital eine wichtige Orientierung. Man könnte sie auf qualitätsgesicherten Websites veröffentlichen.
Franz: Das setzt aber ein hohes Grundverständnis voraus, denn je spezialisierter jemand ist, umso höher können auch Komplikationsraten sein. Aber es stimmt, in anderen Ländern ist das Realität.
Hofmarcher: Die Informationen müssen eben gut aufbereitet sein. Das ist ein Riesenaufwand, der sich für die Patienten allerdings sicherlich lohnt.
Franz: Und alle müssen mitspielen. Da gibt es noch viele Hürden.
(Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 12.4.2010)