In der Warteschleife zum OP

11. April 2010, 18:40
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    Marcus Franz (47) ist ärtzlicher Direktor und Primar des Hartmann-Spitals, eines Ordensspitals gegründet von den Franziskanerinnen von der christlichen Liebe. Der Internist mit Spezialgebiet Gastroenterologie ist zudem Gesundheit- und Krankenhausmanager. Er ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Wien.

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    Maria Hofmarcher-Holzhacker (51) ist Ökonomin im nationalen Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen Gesundheit Österreich (GÖG). Zuvor war sie bei der OECD und am Institut für Höhere Studien tätig. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Gesundheitsökonomie und -politik. Sie ist verheiratet und lebt in Wien.

Wer krank ist, will nicht auf Behandlung warten - Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher und Marcus Franz, Primar des Hartmannspitals diskutieren über Strategien Wartezeiten zu verkürzen

Standard: Wie entstehen lange Wartezeiten in Ambulanzen?

Franz: Sie entstehen, weil personelle und strukturelle Ressourcen in Spitälern immer begrenzt sind. Grundsätzlich gilt: Alles, was dringend ist, hat Vorrang. Alle anderen müssen dann warten. Notfälle lassen sich nicht planen.

Standard: Termine zu vergeben ist also unmöglich?

Franz: Nur bedingt, weil es sogar in Ambulanzen für chronische Erkrankungen dringende Fälle geben kann. Und es gibt Zeiten, an denen viele Menschen kommen, weil gerade die Grippe oder sonst eine andere Infektionserkrankung grassiert. Das ist auch nicht vorhersehbar.

Hofmarcher: Österreich hat allerdings optimale Wartezeiten, das belegen viele Studien. Die Notfallversorgung funktioniert sehr gut, die Menschen sind damit auch sehr zufrieden. Allerdings deckt die haus- und fachärztliche Versorgung außerhalb des Spitals nicht den Bedarf, der sich aus der Bevölkerung ergeben würde, etwa was Öffnungszeiten betrifft. Deshalb gehen viele lieber in die Spitalsambulanz als zu Fachärzten.

Standard: Auch deshalb, weil dort alle Untersuchungen gleich gemacht werden, oder?

Hofmarcher: Ja, das ist sicherlich ein Faktor. Spitalsambulanzen sollten besser in die ambulante Versorgung integriert werden.

Standard: Wer muss weiter unbedingt in eine Ambulanz?

Franz: Akutfälle. Das heißt Menschen, die aus Wunden bluten oder gerade einen Unfall hatten. Auch bei Kreislaufbeschwerden mit Brustschmerzen oder neurologischen Ausfällen sollte man ins Spital. Alle anderen hingegen sind im niedergelassenen Bereich besser aufgehoben. Die Medizin wird zunehmend spezialisierter, Expertise ist für eine gute Behandlung entscheidend, die hat der Facharzt.

Standard: Wer entscheidet, ob man ein Notfall ist?

Franz: Subjektives Empfinden ist ein großes Problem, denn Patienten können ja selbst meist nicht beurteilen, wie ernst die Lage ist. Es gibt immer wieder welche, die wegen Heiserkeit kommen, weil sie im Internet gelesen haben, dass Heiserkeit ein Zeichen für Kehlkopfkarzinom sein könnte. Und weil der HNO-Arzt erst in drei Wochen einen Termin hat. Das ist die Realität.

Hofmarcher: Idealerweise wäre ein Hausarzt zwischengeschaltet, und es wird sicher die Aufgabe der Gesundheitspolitik sein, deren Position zu stärken, um sie zu Koordinatoren zu machen. Sie sind ja dann auch für die Nachsorge wichtig. Das müssen wir schaffen, denn die Zahl chronisch Kranker steigt. Wir sind nicht gerüstet.

Standard: Was sollte sich ändern?

Hofmarcher: Wir brauchen mehr multidisziplinäre Einrichtungen außerhalb von Spitälern. Dafür sind noch viele bürokratische Hürden zu überwinden.

Standard: Wie sieht es mit den Wartezeiten für Knie- oder Hüftoperationen aus?

Hofmarcher: Bei den elektiven Eingriffen, so heißen Operationen, die nicht akut, sondern geplant durchgeführt werden, gibt es in allen Ländern Wartezeiten. Aus der Gesundheitsbefragung 2007 haben wir konkrete Daten für Österreich. Durchschnittlich wartet man in Österreich 102 Tage auf eine Kataraktoperation, 97 Tage für einen Kniegelenkersatz, für eine Hüfte 78 Tage, auf eine Operation der Herzkrankgefäße 39 Tage, für einen Herzkatheter 28 Tage. Wobei ich sagen muss: Wartezeiten sind nicht immer negativ.

Standard: Inwiefern?

Hofmarcher: Je größer die Belastung des Patienten, umso geringer seine Bereitschaft zu warten. Studien zeigen jedoch, dass Wartezeiten nicht unbedingt negativ sind, weil sie Menschen auch die Zeit geben, sich auf Operationen vorzubereiten, sich ausführlich zu informieren. Die Operation wird dann als weniger belastend erlebt. Ganz besonders beeinträchtigend ist, wenn Patienten sich wie am Fließband behandelt fühlen. Das Warten an sich ist nicht das Problem.

Franz: Nur werden Wartelisten in Zukunft länger werden. Die Menschen werden immer älter, damit steigen die Abnützungserscheinungen. Gleichzeitig wird aber auch die Implantattechnologie immer besser und wird für immer jüngere Menschen eine Option.

Standard: Hilft nicht eine Zusatzversicherung, um Wartezeiten zu verkürzen?

Franz: Das stimmt. Doch immer mehr Menschen ohne Zusatzversicherung zahlen sich das heute einfach privat selbst dazu.

Standard: Könnte die Politik hier nicht steuernd für alle Nichtzusatzversicherten eingreifen?

Franz: Ein Grund für die Wartezeiten im öffentlichen Spital ist das starre Dienstrecht. Medizinischer Routinebetrieb ist meist nur von acht bis 13 Uhr. Am günstigsten wäre, es gäbe Einrichtungen, die rund um die Uhr elektive Eingriffe machen.

Hofmarcher: Stimmt, es wäre hoch an der Zeit, flexibler zu werden, damit Kapazitäten ausgelastet werden können.

Franz: Wir am Hartmannspital schließen durch ein neues Kooperationsmodell gerade einen Engpass. Katarakt- und Bandscheibenpatienten, die in der Rudolfsstiftung auf der Warteliste stehen, werden bei uns operiert, und zwar von Ärzten aus der Rudolfstiftung, die sich das in ihrer Freizeit einteilen. Zusatzversicherung brauchen diese Patienten nicht, die Wartelisten sind halbiert.

Standard: Was ist daran neu?

Franz: Spitäler haben lange Zeit um die Patienten gebuhlt und gegeneinander gearbeitet. Wir als Ordensspital agieren in diesem Pilotprojekt gemeinnützig, diese Kooperation mit dem öffentlichen Sektor ist neu.

Hofmarcher: Wie werden Leistungen verrechnet?

Franz: Leistungserbringer ist das Haus, wir rechnen nach LKF-Punkten ab, und der Arzt aus der Rudolfstiftung, der das in seiner Freizeit machen darf, bekommt einen aliquoten Anteil.

Standard: Das heißt aber auch, dass Ihre Auslastung nicht gut war.

Franz: Nein, wir haben unseren Operationsbereich genau für dieses Ziel erweitert.

Standard: Wer wird noch im Privatspital behandelt?

Franz: Solche, die sich explizit dafür entscheiden. Sie unterschreiben eine Einwilligungserklärung, dass sie nicht mehr öffentlich behandelt werden wollen. Das ist eine Art Hürde, denn auch für ein öffentliches Haus sind Privatpatienten wichtig, weil sie Geld bringen.

Hofmarcher: Die Sonderklasse-Regelung hält Kapazitäten hoch. Das kann zu geringeren Wartezeiten für alle und nicht nur für Privatversicherte führen.

Standard: Was ist die Idee hinter all diesen Neuerungen?

Hofmarcher: Spezialisierungen zu fördern, denn es macht definitiv keinen Sinn, dass in Zeiten zunehmender Spezialisierung jedes Haus alles macht.

Franz: Ich denke, dass mit unserem System auch die Sozialver- sicherung steuernd eingreifen kann, indem sie Leistungen direkt an Ärzte zahlt und nicht wie bisher 14 Milliarden in einen Krankenhaustopf, und niemand weiß genau, was mit dem Geld geschieht.

Standard: Soll der mündige Patient bald selbst eine Klinik finden?

Hofmarcher: Patienten werden sich zunehmend selbst um ihre Gesundheit kümmern müssen. Bei elektiven Eingriffen wären Fallzahlen und Komplikationen in einem Spital eine wichtige Orientierung. Man könnte sie auf qualitätsgesicherten Websites veröffentlichen.

Franz: Das setzt aber ein hohes Grundverständnis voraus, denn je spezialisierter jemand ist, umso höher können auch Komplikationsraten sein. Aber es stimmt, in anderen Ländern ist das Realität.

Hofmarcher: Die Informationen müssen eben gut aufbereitet sein. Das ist ein Riesenaufwand, der sich für die Patienten allerdings sicherlich lohnt.

Franz: Und alle müssen mitspielen. Da gibt es noch viele Hürden.

(Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 12.4.2010)

buena1vista1
12
12.4.2010, 12:20
Alles ...

halb so schlimm. Als Schilddrüsenpatient muß ich 4 Monate auf einen Untersuchungstermin warten. Alle finden das normal, die Werte sind zwar im AR***, aber eh' nicht lebensbedrohlich ...

= Aussage der Herrschaften

Aber alles supi .... selbst wenn ich privat gehe, warte ich auch 2-3 Monate und höre dann von der Sprechstundenhilfe "wenn's ihnen nicht passt, müssen sie halt woanders hingehen" ... genau so!
Und zahle aber zusätzlich 250 Euro!

ein Pixel kommt selten allein
01
19.4.2010, 16:45
Ja wenn man ein Schilddrüsenproblem hat, ist man immer arm dran.

Erst wird das Problem oft lange nicht erkannt bzw. wird manchmal erst auf massives Drängen darauf hin untersucht (zuerst einmal via Blutbild) und wenn man dann zum Spezialisten zur weiteren Abklärung soll, muss man erst monatelange Wartezeiten bis zum Termin hinnehmen und dann vor Ort auch noch stundenlang warten.

Ich wurde damals zu einem Termin um 7 Uhr früh ins 45km entfernte Krankenhaus mit entsprechender Abteilung bestellt, mit der Bitte, vorher nicht zu essen. Da ich damals gerade kein Auto zur Verfügung hatte und eine Anfahrt mit ÖBB & Co nicht möglich war, musste ich erst jemanden finden, der mich so früh so weit weg von allem hinfahren konnte.

Drangekommen bin ich dann aber erst weit nach 12 - und alle dort fanden es normal..

par in parem
00
12.4.2010, 17:35

Ja. Unser Gesundheitssystem ist im Bereich der Endokrineologie (eher seltene Erkrankungen mit Ausnahme SD) ein wahnsinn. Ich musste für meinen ersten Termin 6 Monate warten.
z.B: gibt es in ganz wien glaub ich 3 Rheumatologen die auf Kasse behandeln.

Wir sind in vielen Bereichen medizinisch total unterversorgt. v.a. bei "seltenen" Erkrankungen. (Und bei den klassischen Volkskrankheiten überversorgt aber richtig gute Ärzte gibt es auch da kaum).
Und das schlimmste: es gibt wirklich 0 Qualitätsmanagement in der niedergelassenen Medizin und nur ganz wenig in den KH. (wo es dann falsch praktiziert wird).

Erzsébet Lucas
00
12.4.2010, 13:14

Du bist kein Einzelfall (falls dir das ein Trost ist).
Wie gesagt, der niedergelassenen bereich ist derzeit überhaupt nicht geeignet für Menschen mit akuten Erkrankungen - das ist das Problem.
Hast du trotzdem daran gedacht, zu einem anderen Arzt zu gehen? Manche sind ja durchaus realitätsnäher bezügl. terminvergabe.
Ruf bei der Krankenkassa an, erklär, dass deine Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt ist, (falls du berufstätig bist), du aber keinen Arzttermin kriegst, etc..
Wenn'st zeit übrig hast, kannst auch an Politiker schreiben;-)

Ody Fry
01
12.4.2010, 10:25
Zauberwort

Qualitätsmanagement nennt man sowas; das sucht man in den meisten österr. KH oft und findet es selten. Je größer und älter, desto schlechter. Wenn ich keine Beschwerden habe *auf Holz klopft* ist mir das herzlich egal, wenn ich aber dann Freunde, Verwandte und Bekannte miterlebe, die einen Termin am Vormittag haben, nicht abgeholt werden zur OP, dann doch morgen und erst übermorgen dran kommen, dann frage ich mich schon, in wie weit das von Studien belegt ist. Notfälle gibt es immer, aber das scheint mir doch an jeder "Planung" vorbeizugehen, was man so erlebt.

Erzsébet Lucas
02
12.4.2010, 09:51
jenseitig

Wäre mal interessant von diesem Herrn Franz zu erfahren, wie er sich das vorstellt, dass jemand 3 Wochen auf einen Arzttermin warten soll bei akuten Beschwerden.
Vielleicht kann ja jemand wegen der 'Heiserkeit' (um beim Beispiel zu bleiben) seinen Beruf nicht ausüben?! Na, dann halt 3 Wo Krankenstand ohne zielgerichtete Therapie und dann fangen wir mal gemütlich an....wo lebt der Mann?!
das Problem im niedergelassenen bereich ist, dass er für akute erkrankungen nicht konzipiert scheint.

Von den Ordensspitälern habe ich bis jetzt nur Abzocke beobachtet - Kassenpatienten werden verschreckt mit unannehmbar langen wartezeiten für OPs, gleichzeitig wird nahmegelegt, dass es bei privater Aufzahlung viel schneller gehen würde.

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