Freunde auf Zeit

9. Mai 2010, 17:53
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Die Möbel lassen sich zwar bei ihrem Vornamen nennen, die Freundschaft hält jedoch nicht ewig: Das Hofmobiliendepot in Wien widmet dem Phänomen Ikea bis elften Juli eine Ausstellung

Ikea ist überall, jetzt sogar im Museum. Nach Schauen in Deutschland beschäftigt sich das Hofmobiliendepot in Wien bis elften Juli mit dem "Phänomen Ikea" und konzentriert sich dabei auf drei Schwerpunkte: Eine historische Reise zeichnet Ikea Rolle in der "Möbel-Revolution" nach, mit der "Pimp light show" wird die kreative Umgestaltung eines einzelnen Produktes behandelt und ein dritter Teil stellt das "Wohnzimmer Österreich" dem "Wohnzimmer Ikea" gegenüber. Insgesamt sind 100 Exponate zu sehen, die auf gelben, an die Schäreninseln Schwedens erinnernde Podeste stehen. Zudem werden Bezüge zu anderen Designschulen wie dem Bauhaus, De Styl, dem Deutschen Werkbund oder dem Arts und Crafts Movement aus Großbritannien hergestellt.

Die Erklärung des Hofmobiliendepots, warum Ikea schon museumsreif sei: Das schwedische Möbelhaus habe die Inneneinrichtung der Menschen in den vergangenen 50 Jahren mit massentauglichem Design geprägt. Das gelingt, da DesignerInnen zwei wichtige Vorgaben berücksichtigen müssen: Das Material muss billig und das Möbel zerlegbar sein. Dabei geht die Philosophie von Ikea weit über Einrichtung hinaus. In einer schnelllebigen Zeit scheint das Möbelhaus den Zeitgeist mehr denn je zu treffen. Bloß keine Zeit verlieren: Wohnzimmer werden an einem Nachmittag eingerichtet, liegt man einmal mit der Auswahl daneben, werden die Möbel nach einem Jahr weggeworfen und neue gekauft. Ikea erhebt gar nicht den Anspruch, dass seine Produkte ewig halten - nach spätestens zwei Jahren sei es an der Zeit, sich etwas Neues zu "gönnen".

"Keine Luft transportieren"

Im Gegensatz zu TischlerInnen gibt es keine Wartezeiten, die Möbel können gleich mitgenommen werden. Alles ist so gebaut, dass es in Pakete passt. "Keine Luft transportieren", war der Slogan von Ingvar Kamprad, der den Konzern als 17-Jähriger in Smaland ins Leben rief. IK Stand für Ingvar Kamprad, E für Elmtaryd, den Namen des elterlichen Bauernhofs und A für sein Heimatdorf Agunnaryd. Das war 1943 und er bot zunächst Schreibutensilien, Strümpfe und Waren des täglichen Bedarfs an. Fünf Jahre später wurde das Sortiment um Möbel erweitert. Heute hat Ikea mehr als 123.000 MitarbeiterInnen in 25 Ländern. 590 Millionen Menschen haben 2009 eines der 268 Einrichtungshäser besucht.

"Asthetischer Konsens"

In Österreich eröffnete der erste Ikea 1977 in der Shopping City Süd. Beim dreitägigen Eröffnungsfest kauften die ÖsterreicherInnen um acht Millionen Schilling (580.000 Euro) ein. Ikea stand für eine neue, flexible und lockere Art zu leben. Die behäbige Ästhetik der Elterngeneration wurde abgelehnt. Das emanzipatorische Moment ist mittlerweile nicht mehr präsent, wie Kurator Markus Laumann erklärt: "Ikea ist schon längst kein kritisches Statement mehr, sondern Ausdruck eines generationsübergreifenden, ästhetischen Konsens."

Eines der ältesten Möbelstücke in der Ausstellung ist der Nierentisch "Lövet", der auf dünnen, schwarzen Beinchen in ein neues Zeitalter des Einrichtens schritt. 1956 wurde er entworfen und war eines der ersten zerlegbaren Möbel, die IKEA anbot. Der Kassenschlager "Billy" darf in der Ausstellung nicht fehlen, bislang wurde das Bücherregal weltweit mehr als 41 Millionen mal verkauft. Auch ein anderer alter Bekannter, der schlichte Lesesessel Poäng, hat einen Platz in der Ausstellung gefunden. Er basiert auf einer Idee aus dem Bauhaus, dem sogenannten "Freischwinger" aus 1927. Im Unterschied zum schwedischen Nachbau wurde der Sessel mit schweren Stahlrohren, statt mit Buchenholz, gebaut. Dass Poäng nun im Sortiment von Ikea ist, scheint mehr logische Konsequenz, als plumpe Imitation zu sein: Auch die Bauhaus-Bewegung wollte einst Design für die Masse - war dafür jedoch zu teuer.

So leben Herr und Frau ÖsterreicherIn

Ein Highlight der Ausstellung befindet sich im Erdgeschoss. Die Werbeagentur Jung von Matt hat mit Hilfe von Umfragen das typische österreichische Wohnzimmer ermittelt und es einem Wohnzimmer mit den meistverkauften Ikea-Produkten gegenübergestellt. Gelbe Wände, blaue Sitzgarnitur, Laminatboden in Buchenoptik und klobiger Wandverbau in Mittelbraun: So richten sich die ÖsterreicherInnen im Durchschnitt ein. Dagegen wirkt das in grau gehaltene Ikea-Wohnzimmer modern und leicht.

Als Werbe-Schau ist die Ausstellung allerdings nicht gedacht. "Ganz bewusst gab es keine Finanzierung von Ikea", sagte Josefa Haselböck vom Hofmobiliendepot, denn es sei "eine Ausstellung über Ikea und nicht von Ikea". Dennoch fehlen Exponate vergleichbarer Möbelketten. Auch dem Bereich Nachhaltigkeit wird zwar ein Punkt gewidmet, eine kritische Auseinandersetzung mit der "Weg-werf-Philosophie" fehlt jedoch. Offen bleibt, was dagegen spricht, zeitloses Design zu entwerfen, dass nicht nach zwei Jahren gegen eine komplett neue Inneneinrichtung ausgetauscht wird? Im sozialen Bereich erkannte Ikea in den 90er Jahren gerade rechtzeitig, dass es nicht akzeptabel ist, LieferantInnenen zu haben, die Kinderarbeit zulassen. Ikea definierte daraufhin den Iway-Kodex: Durch soziale und ökologische Spielregeln sollten Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und Sicherheit kontrolliert werden. (Julia Schilly, derStandard.at, 11. April 2010)

"Phänomen Ikea"

Hofmobiliendepot Möbel Museum Wien
9. April bis 11. Juli
Di-So 10-18 Uhr
Eintritt: 6,90 Euro, ermäßigt 5,50 Euro
http://www.hofmobiliendepot.at

  • Die 100 Exponate stehen auf gelben, an die Schäreninseln Schwedens erinnernde Podeste
    foto: © schloß schönbrunn kultur- und betriebsges.m.b.h. / ditz fejer

    Die 100 Exponate stehen auf gelben, an die Schäreninseln Schwedens erinnernde Podeste

  • "Keine Luft transportieren", forderte Ingvar Kamprad, der Erfinder von Ikea
    foto: © die neue sammlung - the international design museum munich (a. lorenzo)

    "Keine Luft transportieren", forderte Ingvar Kamprad, der Erfinder von Ikea

  • Der Nierentisch "Lövet" stammt aus den 50er Jahren
    foto: © die neue sammlung - the international design museum munich (a. lorenzo)

    Der Nierentisch "Lövet" stammt aus den 50er Jahren

  • Der Sessel Poäng (rechts) orientierte sich am "Freischwinger" von 1927, der dem Bauhaus zugeordnet wird
    foto: © die neue sammlung - the international design museum munich (a. lorenzo)

    Der Sessel Poäng (rechts) orientierte sich am "Freischwinger" von 1927, der dem Bauhaus zugeordnet wird

  • Im Stil der 70er: Gartenmöbel aus Plastik
    foto: © die neue sammlung - the international design museum munich (a. lorenzo)

    Im Stil der 70er: Gartenmöbel aus Plastik

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