KTMs Pedelec eCross ist nix für Weicheier und macht sich nicht nur im Wald und auf der Heide gut
Für Weicheier, Coolness-Faktor unter Null, unerotisch, von ältlichen Damen in Funktionskleidung und jung gebliebenen Herren mit Bauchansatz und stylemäßig in Insektenpanier bewegt: Das war der einstellungsmäßige Ausgangspunkt der Testerin, als man zum E-Bike-Probieren lud. Aus „Wer braucht denn so etwas" wurde aber ganz flott - also gleich beim ersten Besteigen eines der neuen vielbeschriebenen und bejubelten E-Mobilos ein „Urcool". Das KTM eCross hat gewissermaßen auf den ersten Pedaltritt voll elektrisiert. Meinungsmäßig machte man als Testerin praktisch gleich bei der ersten Fahrt vollends schlapp und wurde straßenmäßig dafür gänzlich hochdynamisch. Die Jungfernfahrt: Klosterneuburg auf der Wiener Donauinsel stadteinwärts Richtung Reichsbrücke - bei merklichem Gegenwind. Wer will, schafft das als sportlicher Radlfahrer selbstverständlich auch ohne Motor. Aber: Wer hat, der hat.
Kraftvoll losstarten
Beim Start heißt es zunächst einmal kräftig in die Pedale treten (ein Déjà-vu für Besitzer der alten Holland-Fahrräder), denn markentypisch fordert die Steuerelektronik kraftvollen Antritt, bevor sie die Motorleistung freigibt. Die kommt dann aber, je nach gewähltem Unterstützungsgrad (von Stufe eins bis Stufe vier) mit bis zum Dreifachen der Eigenleistung. Viel Treten ist da auch auf der windigen Donauinsel nicht notwendig. 25 km/h ohne Anstrengung bei Stufe zwei unter den genannten Bedingungen: Das macht richtig Spaß. „Ich will mich ja abstrampeln" war gestern; königlich anstrengungslos dahinrollen, das hat einiges für sich. Ganz große Klasse: Eine Gebrauchsanweisung muss man nicht studieren. Alles selbsterklärend und auch für Technologiemuffel auf den ersten Blick durchschaubar. Was den Bedienkomfort betrifft: Alles bestens erreichbar und fein übersichtlich. Selbst das Display, das einem ja Auskunft über das eigene Vermögen in Sachen Fortkommen (sprich über Geschwindigkeit und ganz wichtig den Akkuladestand) geben soll, auf dass man ein Loblied auf die Muskelkraft trällere - ist gut lesbar. Und weils ja nun kein Rad für Omi und Opi, sondern ein echtes Sportgerät ist, fehlen Gepäcksträger und Lichtanlage. Für die Nachrüstungsmöglichkeit für Ersteres ist gesorgt. Zweiteres hätte man sich aber schon irgendwie gewünscht.
Keine mobile Gehhilfe
Aber nun zurück auf die Straße. Wer es hier auf Reichweite bringen möchte, sollte mit der Wahl der Unterstützung bescheiden bleiben: Stufe eins bleibt kaum spürbar, schont aber den „Tankinhalt". Stufe zwei zieht Rad samt Radler leichte Anhöhen mühelos hoch. Stufe drei und vier haben es aber in sich und sorgen für einen kräftigen Schub. Die Verschmelzung von Cross- und E-Bike ist ziemlich bravourös gelungen und tut dem ältlichen Image der Zunft sicher gut: Das Vorurteil mobile Gehhilfe für Senioren ist mit dem eCross wohl nachdrücklich ausgeräumt. Die Zutaten: Ein Crossbike mit verstärktem, speziell entwickeltem Rahmen, gemäßigt sportlicher Sitzposition, leistungsfähiger Federgabel, ausreichend dimensionierter Scheibenbremsanlage und flott rollenden Geländereifen. Im 28-Zoll-Hinterrad steuert ein BionX-Motor 250 Watt bei. Auch nicht schlecht: Das Ding gewinnt beim Bremsen und Bergabfahren Energie zurück. Womit wir gleich beim Stichwort Bergfahrten sind: Bergauf geht's locker dahin. Im Gelände heißt es dann aber mit der Elektrounterstützung aufpassen, denn hier wirkt sich die Systemträgheit stärker aus: Der Motor setzt verzögert ein und läuft immer ein paar Zehntelsekunden nach. Was zuweilen im Stadt- oder Überlandverkehr für sanfte und fast geisterhafte Wellenbewegungen sorgt, bedeutet in brenzligen Kurven die Notwendigkeit mitzudenken. Mit einiger Übung ist das eCross aber durchaus auch sehr sportlich fahrbar.
Unkompliziertes Aufladen
Die Reichweite im Gelände lag bei den Testfahrten um die 30 Kilometer. Geradeaus schafft man an die 90, ehe der Akku neu aufgeladen werden muss. Die Chose verläuft erfreulicherweise gänzlich unkompliziert. Mit zwei Handgriffen wird der in der Rahmenmitte sitzende Akku abmontiert (natürlich erst nach der Entsperrung mit einem Schlüssel) und bei der nächsten Stromquelle in etwa vier Stunden aufgeladen. Die 25 Kilo Drahtesel müssen dabei nicht mit. Rund 800 Mal soll der Akku aufzuladen sein, dann muss er ausgetauscht werden. Das bleibt wohl auch der Wermutstropfen, denn der Preis von rund 800 Euro für einen Ersatzakku bringt - elektrisierende Fahrt auf oder ab - ganz schön zum Schlucken. Ein Tipp für Sparefrohs: Auch ohne Motor - der im Übrigen unhörbar ist - läuft das Gerät leichtfüßig.(derStandard.at, 8.4.2010)