Keine Zeile über Anat Kam

8. April 2010, 16:41
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Eine ehemalige Soldatin ist wegen Hochverrats und Spionage angeklagt - Sie soll geheime Dokumente weitergegeben haben - Israelische Medien durften lange nicht berichten

Wären wir in Israel, hätten Sie folgende Geschichte nicht lesen können. Oder nur über den Umweg eines ausländischen Mediums. Zumindest nicht bis am Donnerstag die Nachrichtensperre über den Fall Anat Kam aufgehoben wurde. Zuvor durften weder israelische Medien noch ausländische Korrespondenten berichten. 

Anat Kam steht unter Hausarrest: Sie darf seit mehr als vier Monaten ihr Appartement in Tel Aviv nicht verlassen. Die 23-Jährige steht unter Verdacht während ihres Wehrdienstes Dokumente über verbotene "gezielte Tötungen" der israelischen Armee kopiert und später an den  "Haaretz"-Journalisten Uri Blau weitergegeben zu haben.

Blau schrieb 2008 einen Artikel mit dem Titel "Lizenz zum Töten" über die trotz Gerichtsverbots stattfindenden "gezielten Tötungen" der israelischen Armee. Die Zensurbehörde lässt den Artikel in der "Haaretz" erscheinen. 

Anklage: Hochverrat und Spionage

Nach der Veröffentlichung des Artikels begannen die Sicherheitsbehörden zu ermitteln. Die Vermutung: Kam könnte Blaus Quelle für die belastenden Dokumente sein. Sie arbeitete nach Ende ihres Wehrdienstes als Journalistin bei der Website "Walla". Walla gehört zur Haaretz. Kam war während ihrer Militärzeit im Büro von Generalmajor Yair Naveh beschäftigt. Naveh ist Kommandeur der israelischen Truppen im Westjordanland. Über seinen Schreibtisch gingen auch Memoranden über die "gezielten Tötungen". Blau untermauerte seine Vorwürfe gegen die israelische Armee mit Dokumenten aus dem Büro Navehs.

Am 14. April beginnt das Verfahren gegen Kam. Sie ist wegen Hochverrats und Spionage angeklagt - im schlimmsten Fall drohen ihr bis zu 14 Jahre Haft. Blau lebt mittlerweile in London. Er will erst wieder nach Israel, wenn klar ist, dass ihm keine Verhaftung droht.

Den Maulkorb umgangen

Israelische Journalisten nahmen die Nachrichtensperre nicht einfach hin. Sie gaben ihre Rechercheergebnisse an Kollegen im Ausland weiter: "Guardian", "New York Times", "Independent" sind nur einige der Medien, die bereits über den Fall berichteten.

Ein anderer Weg israelischer Medien war, ihre Leser über einen Umweg zu informieren. Die Tageszeitung "Yedioth Ahronoth" druckte eine Liste ausländischer Medien, wo sich die Leser über den Fall informieren können. Außerdem erschien ein zum Teil geschwärzter Artikel der US-amerikanischen Journalistin Judith Miller, den sie für die Website "The Daily Beast" verfasst hatte. Der israelische Journalist Ami Kaufman machte seinem Ärger in einem Blogeintrag für die "Huffington Post" Luft. Erster Satz seines Artikels: "Ich kann Ihnen nicht sagen, worum es in diesem Eintrag gehen wird. Wenn ich es mache, könnte ich verhaftet werden." (mka, derStandard.at, 8.4.2010)

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