Mehr Umweltbewusstsein für die Stadt in der Stadt

06. April 2010 19:56

Am Otto-Wagner-Spital wurde ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept für Krankenhäuser erarbeitet

Ein großes Krankenhaus funktioniert wie eine Stadt in der Stadt: Die teils hochtechnologische Infrastruktur verschlingt eine Menge an Ressourcen. Emissionen, die die Gesundheit gefährden können, werden ausgestoßen, gefährliche medizinische Abfälle müssen entsorgt werden. Außerdem stehen die Spitäler unter enormem Kostendruck, und die Mitarbeiter sind besonderen Belastungen ausgesetzt - Gründe genug, um über Nachhaltigkeit nachzudenken.

"Die Frage ist, wie wir unsere Dienstleistungen so erbringen können, dass wir nicht unsere eigenen Grundlagen - die Umwelt, die Menschen und die Budgets - beeinträchtigen, sondern sie auf lange Sicht aufrechterhalten können - und dabei leistbar bleiben", umreißt Karl Purzner, zuständig für Organisationsentwicklung im Wiener Otto-Wagner-Spital (OWS), die Herausforderungen.

Wie ein nachhaltiges Krankenhaus aussehen könnte, wurde in den vergangenen Jahren im OWS erprobt. Das Pilotprojekt "Nachhaltiges Krankenhaus", das im Rahmen des Programms "Fabrik der Zukunft" des Infrastrukturministeriums gefördert und von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) mitfinanziert wurde, wird bei einer Veranstaltung am 22. April im Otto-Wagner-Spital für sein Potenzial ausgezeichnet.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziale Ökologie an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Uni Klagenfurt sowie dem Ludwig-Boltzmann-Institut Health Promotion Research und dem Recycler Arecon wurden drei Bereiche definiert, in denen Erfahrungen gesammelt und neue Konzepte getestet werden konnten: die Ebene der strategischen Unternehmensführung, die Angebotsplanung anhand der Versorgung langzeitbeatmeter Patienten sowie der klinische Alltag am Beispiel der Station für alkoholkranke Männer.

Auf Stationsebene wurden nach einer Befragung von Patienten und Personal Sofortmaßnahmen erarbeitet - etwa die Verbesserung der Lichtverhältnisse und die Anschaffung von Mülltrennsystemen. "Es hat sich gezeigt, dass man aufseiten der Führung sehr sensibel sein muss. Wenn man den Mitarbeitern zuhört, kann man die Probleme rasch lösen", sagt Willi Haas vom IFF, der mit Karl Purzner das Projekt leitete. Besonders viele Verbesserungen könnten bei der Optimierung der Versorgung von lungenkranken Patienten, die künstlich beatmet werden müssen, erreicht werden. "Es gibt sehr viele Fehlbelegungen, die verhindert werden sollten", erklärt Haas. Viele pulmologische Patienten würden zu lange auf der Intensivstation betreut, andere wiederum würden auf Normalstationen zu wenig Begleitung bekommen.

"Durch die Einführung einer abgestuften Behandlung mit einer neuen, auf Beatmung spezialisierten Station könnten nicht nur die Patienten besser versorgt werden, es können auch die hohen Kosten für Energie und Material, die in den Intensivstationen anfallen, eingespart werden", sagt Haas. Was die oberste Ebene der Unternehmenssteuerung betrifft, muss ein effizientes Ziel- und Messsystem eingeführt werden. "Es gibt eine riesige Menge an Daten, die erst miteinander verknüpft werden müssen", sagt Haas. Auf dem Weg zum nachhaltigen Krankenhaus sind allerdings noch weitere tiefgreifende Änderungen notwendig, sind sich die Experten einig. "Die Krankheitsbilder werden immer komplexer, es gibt mehr chronische Krankheiten und immer mehr Menschen mit multiplen Problemen", sagt Haas. "Das erfordert auch mehr Kooperation in den Abteilungen."

"Die größte Herausforderung wird sein, die Zersplitterung der verschiedenen Bereiche und Ressourcen aufzuheben, um Synergien zu erreichen", stellt Purzner fest. "Außerdem muss es zu einer Kulturveränderung im Umgang miteinander und mit den Ressourcen geben." Wobei es wichtig sei, engagierte Mitarbeiter zu unterstützen, die schon jetzt "mit Hausverstand", ganz selbstverständlich nachhaltig handeln. (kri//DER STANDARD, Printausgabe, 07.04.2010)

 

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