Ein Skandälchen und zwei echte Aufreger: die neuen Arbeiten der beiden US-amerikanischen Soul-Musikerinnen
Wien - Im Moment verstellt leider noch ein Skandälchen die Sicht aufs Werk. Die aus Dallas stammende Soul-Musikerin Erykah Badu lässt nämlich im Videoclip zu ihrer neuen Single Window Seat die Hüllen fallen. Und zwar an jener Stelle, an der im November 1963 der US-Präsident John F. Kennedy Opfer eines Schussattentats wurde. Das führte nun dazu, dass dieselben Rednecks, denen JFK einst zu liberal war und die heute die Wirtschaftskrise in schönster mittelalterlicher Tradition mit Gebeten abzuwenden suchen, sich über ein harmloses Video echauffieren. Im stockkonservativen Texas hat derlei Erregung eventuell auch damit zu tun, dass Badu Afroamerikanerin ist und in ihrer Musik Persönliches kritisch mit dem Politischen abgleicht. Das und der Verschwörungs-Evergreen JFK ist da für manche zu viel auf einmal - und 500 Dollar Verwaltungsstrafe für Badu wegen ein bisserl Pfuigack-Zeigen im Freien für viele zu wenig.
Dabei ist Badus neues Werk alleweil aufregender als die zur Schau gestellte Nacktheit. New Amerykah Part Two: Return Of The Ankh (Universal) ist der Nachfolger ihres vor zwei Jahren erschienenen Albums New Amerykah Part One (4th World War) und festigt ihre Position als launische Vertreterin eines Neo-Soul genannten Stils, der sich an dessen goldener Ära ebenso orientiert wie am HipHop. Die 39-jährige verpackt ihre subtile Kritik in feist groovende Tracks und kredenzt sie mit divaesker Nonchalance, die ihresgleichen sucht.
Return Of The Ankh entpuppt sich so Stück um Stück als raffiniertes Meisterwerk, das mit Songs wie Gone Baby, Don't Be Long betört, wie es einst die hingehauchten Verführer von Barry White taten. Und der war bekleidet für die sogenannten guten Sitten noch eine größere Bedrohung als Badu splitternackt.
Während Badu sich also eher auf Samtpfoten einschleicht, vertraut Sharon Jones auf das Klopfsignal mit dem Rammbock. Jones und die in New York ansässige Band Dap-Kings, die Hausband des Kleinlabels Daptone, spielen astreinen Soul, wie er in den 1960ern und 1970ern von einschlägigen Labels wie Stax, Fame oder Chess veröffentlicht wurde.
Hilfreich beim Durchbruch dieser Richtung Zeitlosigkeit orientierten Musik war der Umstand, dass die Dap-Kings als Backing-Band für Amy Winehouse' Hitalbum Back To Black für Furore sorgten. Zu jener Zeit hatte die ehemalige Justizvollzugsbeamtin Jones aus dem US-Bundesstaat Georgia bereits zwei Alben mit den Dap-Kings veröffentlicht und nahm den ungleich größeren Rummel um die britische Skandalnudel sportlich zur Kenntnis.
Korrekturfreie Fortsetzung
Schließlich bedeutete dieses mediale Interesse Aufmerksamkeit für alle Künstler des Labels, und die Dap-Kings wurden vom Geheimtipp zu gefragten Mitstreitern, die Musiker wie David Byrne, Rufus Wainwright, Lou Reed oder den Soul-Großmeister höchstpersönlich, Reverend Al Green, begleitet haben. Auch Sharon Jones drittes Album, 100 Days, 100 Nights, wurde unter diesen Voraussetzungen ein Hit.
Das kommenden Freitag zur Veröffentlichung kommende vierte Album, I Learned The Hard Way - so könnte auch ein zukünftiges Winehouse-Album heißen! -, geht den eingeschlagenen Erfolgsweg demnach korrekturfrei weiter. Jones, ein 53-jähriges Energiebündel, deren explosiver Vortrag ein wenig an die göttliche Etta James erinnert, ächzt, schmachtet und bellt sich durch zwölf Soul-Klassiker von morgen. Eindringlicher Call and Response, also der gesungene Dialog des Gospel, führt zu erheblicher Dramatik in diesen mitreißenden Dreiminütern.
Profane Hürden
Auch inhaltlich gibt sich das neunköpfige Soul-Kommando wertkonservativ und verhandelt die ewigen Themen: die Liebe sowie die profanen Hürden, die dieser meist dazwischenkommen. Die Songtitel sprechen dazu wie offene Bücher: The Game Gets Old, Money, Without A Heart oder Mama Don't Like My Man. Diese mitunter bittere Erdung im richtigen und immer harten Leben wird von einer keinen Ton zu viel spielenden Band in den Soul-Himmel befördert. Funky Gitarren, furztrockene Bläsersätze, sturer Bass sowie ein sexy Schlagzeug massieren versteinerte Herzen und lassen das Tanzbein zappeln.
Das alles ist so souverän und mitreißend, dass der gängige Retrovorwurf gar nicht erst aufkommt. Wer so überzeugend spielt und so intensiv vorträgt, tut es aus tiefsten Überzeugung, aus Obsession. Das hier ist Soulfood für die Ohren. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 4. 2010)