"Soll sich ganztägig um den ORF kümmern"

6. April 2010, 18:45
90 Postings

Niko Pelinka (23) statt Krammer: Mit einem Handstreich eliminierte Kanzler Faymann den Schutzherrn von Wrabetz aus dem Stiftungsrat und schickt Vertrauensleute aus Arbeiterkammer, Ministerium, "Heute"-Umfeld

Wien - Der ORF-Report befand, der SPÖ fehle Führung und Konzept. Sieben Tage später haut der Kanzler und SP-Chef in Sachen Küniglberg auf den Tisch.

Die Regierung bestellte Dienstag ihre neun Stiftungsräte und machte so die 35 Mandate im wichtigsten ORF-Gremium komplett. Karl Krammer, seit 2001 Sprecher des SP-"Freundeskreises" im Stiftungsrat, erfuhr offenbar erst am Dienstag von seinem Abgang: Die SPÖ hatte ihn vor wenigen Tagen neuerlich auf eines ihrer zwei Parteimandate für den Stiftungsrat nominiert - und ersetzte ihn nun durch Niko Pelinka. Dessen Vater übernahm gerade die Chefredaktion von "News".

Jobangebot

Der 23jährige war Pressesprecher von Bildungsministerin Claudia Schmied. Politiker und ihre Mitarbeiter dürfen nicht mehr in den Stiftungsrat. Er habe ein anderes Jobangebot, das er in den nächsten Tagen verrate, sagt Pelinka dem STANDARD. Kolportiert: die ÖBB. Nur formal, sagt ein SP-Kenner: "Er soll sich ganztägig um den ORF kümmern." Niko Pelinka ist als neuer Sprecher der roten Fraktion im Gespräch.

Mehr Gewicht in der roten Räte-Riege hat Werner Muhm, Direktor der Wiener Arbeiterkammer und Vertrauter Faymanns. Wie Karl Amon, derzeit TV-Chefredakteur des ORF, einst auch in der Wiener Arbeiterkammer, und lange als ORF-Generalshoffnung von Werner Faymann gehandelt. Amon verneinte Ambitionen auf die ORF-Spitze. Der Radiodirektion klang er weniger abgeneigt.

Schutzherr von Wrabetz

Krammer galt als Macher und Schutzherr von ORF-Chef Alexander Wrabetz, als Faymann & Co. Wrabetz ab Herbst 2008 öffentlich demontierten. Wrabetz saß Angriffe der Seinen bisher aus. 2011 stehen regulär ORF-Wahlen an.

Muhm gilt als roter Kandidat für den Vorsitz des Stiftungsrats - bei einem Patt im Rat hat der zwei Stimmen. Oder aber Rudolf Ertl, aus der Wiener Städtischen, sie steht dem Wiener Ex-Stadtrat Faymann auch nicht fern. Brigitte Kulovits-Rupp (AK Burgenland) wird noch gehandelt. Als Kompromisskandidat für die ÖVP gilt Alexander Hartig, gelegentlich Gastautor der Krone. Franz Küberl (Caritas) winkte bisher ab.

Schwarzer Kapazunder

ORF-Erfahrung ist nun jedenfalls eher die Sache des schwarzen Freundeskreises. Sprecher Franz Medwenitsch  kennt das Haus als langjähriger Publikums- und Stiftungsrat. Und er hat neuerdings einen einschlägig eingearbeiteten juristischen Kapazunder an der Seite: Die ÖVP schickt auf einem ihrer Regierungstickets Georg Lienbacher auf den Küniglberg. Er leitete den Verfassungsdienst im Bundeskanzleramt, bis Kanzler Werner Faymann ihn - auch eher handstreichartig - ersetzte.

Lienbacher werten ORF-Insider als ähnliches Signal an SPÖ und ORF, als hätten die Schwarzen gleich Wolfgang Buchner, den gerade dienstfrei gestellten, langjährigen Kronjuristen der Anstalt zum Stiftungsrat gemacht. Buchner sagte, er wolle das nicht, zudem ist er noch bis zum Frühsommer ORF-Angestellter, und die dürfen laut ORF-Gesetz nur als Vertreter des Zentralbetriebsrats in den Stiftungsrat.

"Heute"-Connection

Andrea Schellner, Neo-Rätin auf SP-Ticket, ist übrigens geschäftsführende Gesellschafterin der HFP Steuerberatung aus dem Firmenreich um Günther Havranek. Dem Wirtschaftstreuhänder gehört die Mehrheit an "Heute". Die Initiative für das Wiener Gratisblatt wird Faymann zugeschrieben. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 7.4.2010)

 

Stiftungsrat: Vertreter der Bundesregierung

Andrea Brem

Thomas Drodza

Rudolf Ertl

Alexander Hartig

Franz Krainer

Georg Lienbacher

Franz Medwenitsch

Andrea Schellner

Gabriele Zuna-Kratky

Sechs Parteienvertreter

SPÖ: Werner Muhm, Nikolaus Pelinka (statt Krammer)
ÖVP: Peter Koren
FPÖ: Norbert Steger
GRÜNE: Wilfried Embacher
BZÖ: Huberta Gheneff-Fürst

Den kompletten Überblick der 35 Mitglieder des neuen ORF-Stiftungsrats finden Sie auch hier.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Karl Krammer (links, neben ORF-Chef Wrabetz) ist im neuen Stiftungsrat nicht mehr vertreten.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.