Städtebau made in China

Ein Hochhaus am Tag, alle drei Tage ein Boulevard

Tobias Müller, 5. April 2010, 19:09
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    foto: rpax

    Alle 800 Meter eine Hauptstraße, Parkplätze und viel Platz rund um die Hochhäuser, hier in Shenzhen nördlich von Hongkong.

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In den nächsten 15 Jahren ziehen 350 Millionen Menschen in Chinas Städte. Um alle unterzubringen, wird oft gebaut, ohne an die Folgen zu denken

Shenzhen/Wien - "Ein Hochhaus am Tag, alle drei Tage ein Boulevard" war das Motto von Shenzhens Baumeistern in den 90ern. Heute reicht auch das nicht mehr. 1979, als Shenzhen Chinas erste Freihandelszone wurde, hatte die Stadt 94.000 Einwohner. 2008 waren es knapp neun Millionen - und es werden täglich mehr.

Shenzhen liegt nördlich von Hongkong, in einer Gegend, die Geografen Pearl River Delta nennen. Wirtschaftstreibende nennen sie das "Industriegebiet der Welt". Chinas Elektronikartikel, vom Plastikspielzeug bis zum Computerchip, fluten von dort Richtung Europa und Nordamerika. 23 Städte wachsen hier zu einem Siedlungsraum zusammen, in dem derzeit 60 Millionen Menschen leben. Bis 2025 sollen es 100 Millionen sein - und alle brauchen Wohnungen.

Begeisterungsfähigkeit und Entscheidungsfreiheit

Einige davon will Architekt Rainer Pirker bauen. Sein Wiener Büro rpaX arbeitet seit Jahren an Projekten in China. "Dort kann man Dinge tun, die man hier schon lange nicht mehr machen kann. Es gibt noch Begeisterungsfähigkeit, der Architekt hat mehr Entscheidungsfreiheit", sagt er. Für Shenzhen hat er Teile einer Universität entworfen. Er entwirft aber nicht Häuser, sondern auch Städte. In Guangming, gleich nordwestlich von Shenzhen im Pearl River Delta gelegen, will er eines von drei Stadtentwicklungsgebieten bebauen. Die Stadtregierung will dort einen Cluster für die Hightech-Industrie anlegen, internationale und nationale Firmen sollen sich dort ansiedeln. 42 Quadratkilometer wird er groß sein, 200.000 Menschen sollen dort einmal leben.

Pirkers Entwurf dafür, das Guangming New Town Center, gewann im Februar den Goldenen Bullen, den Architekturpreis der Guangdong-Provinz, in der das Pearl River Delta liegt. "Den Chinesen fehlen neue Konzepte für den Städtebau", meint Pirker. "Sie greifen auf Rezepte zurück, die im Amerika der 60er-, 70er-, 80er-Jahre benutzt wurden, das bringt Probleme. Ökologische, ökonomische und soziale."

Die Städte würden für Autos gebaut: achtspurige Straßen, daneben Parkplätze, groß wie Fußballfelder. Generell gelte: getrennte Stadtteile für getrennte Funktionen; hier wohnen, da arbeiten, dort einkaufen. Die Folgen: ein enormer CO2-Ausstoß und soziale Segregation. Städte werden riesig, U-Bahn oder Busse unattraktiv bis unmöglich. Breite Straßen teilten die Stadt wie Mauern. Die Probleme seien noch gar nicht abzuschätzen, meint Pirker: "So etwas hat die Welt noch nicht gesehen, wir wissen noch gar nicht, was da auf uns zukommt."

"Leiden an Zeitmangel"

"Chinas Städtebau leidet nicht an einem Mangel an Ideen oder Kreativität, sondern an Zeit", sagt Roger Chan, Professor für Städtebau an der Universität Hongkong. "Alles muss sehr schnell gehen. Oft wird gehandelt, ohne lange an die Konsequenzen zu denken." Westliche Unternehmen und Architekten könnten mit Know-how helfen. "Die Städte müssen verdichtet werden", sagt Chan: Da die lokalen Regierungen den Städtebau selbst finanzieren, müssten sie versuchen, aus Bauland möglichst viel Geld zu lukrieren.

Schwieriger wird der Ausbau des öffentlichen Verkehrs: "Die Autoindustrie zu fördern ist Teil des Fünfjahresplans der Regierung. Es ist also in ihrem Interesse, viele breite Straßen zu bauen." Seit 2009 werden in China weltweit die meisten Autos verkauft, etwas mehr als 730.000 pro Monat. Gesättigt ist der Markt noch lange nicht: Während 2009 in den USA auf 1000 Menschen 800 Autos kamen, waren es in China 20.

Pirker hat gemeinsam mit dem Wiener Verkehrsplanungsbüro Axis für seinen Stadtteil ein spezielles Verkehrssystem entwickelt: Die Hauptstraßen führen außen vorbei, nur eine Straße führt in beiden Richtungen hindurch. Alle anderen Straßen sind Einbahnen, die von den Hauptstraßen abzweigen und wieder zu ihnen zurückführen. Gleichzeitig ist kein Haus mehr als 300 Meter von einer Straße entfernt. Das Konzept widerspricht den strengen Vorschriften der Behörden, die im Raster von 800 Metern eine Hauptstraße vorschreiben. Pirker hofft, es als Pilotprojekt trotzdem bauen zu können.

Für die Bebauung hat er sich am chinesischen Hofhaus orientiert: Die Gebäude werden aus Zellen zusammengesetzt. Jede Zelle hat ihren eigenen "Hof", einen offenen Raum, durch den Licht ins Innere kommt. So muss um die Häuser nicht so viel Platz für Belichtung gelassen werden. Die Zellen können zu verschiedensten Strukturen gestapelt werden. "Diese Häuser sind flexibel", sagt Pirker. "Das funktioniert besser als geplante Strukturen."

Pirker ist nicht der einzige österreichische Architekt, der in China baut. Baumschlager und Eberle errichteten 2005 in Peking die Wohntürme Moma und betreiben als einzige österreichische Architekten ein Büro im Land. Auch Coop Himmelb(l)au hat schon in China gearbeitet.

Georg Pendl, Präsident der österreichischen Architektenkammer, sieht Bauen in China kritisch - schon wegen der Größe der Aufträge. "Es ist nicht gut, wenn einer allein mit seinem Bleistift über 5000 Menschen entscheidet", sagt er. Außerdem müssten Architekten immer auch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitdenken, in denen ihre Bauten entstehen: "In China arbeiten die Menschen auf den Baustellen unter mehr als fragwürdigen Bedingungen. Jeder Bau dort ist ein Aufputz für ein Land ohne Menschenrechte." (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 6.4.2010)

Kommentar posten
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Schnapphahn
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Bisher ist noch kein Baum in den Himmel gewachsen.

In China werden die folgenden Genaerationen für die (Bau)Sünden ihrer Väter zahlen müssen. Genau so wie bei uns auch.

amused8
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Babylonische Fragmente

Der Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann erlebte bei seinem Shanghai Besuch einen architektonischen Kulturschock, den er in einem kleinen Bericht "Babylonische Fragmente" Ausdruck verlieh:

http://www.welt.de/print-wel... mente.html

landderdenker
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Der Chinesische Papierdrache wird

zu Boden knallen und mehr vernichten als die letzen beiden Weltkriege zusammen.
Man wird in 15 Jahren China bereisen und besichtigen wie man das jetzt in Pripyat bei Tschernobyl tun kann.
Würde Marx heute China bereisen erginge es ihm wie Christus in der Erzählung Der Großinquisitor - er würde genau das vorfinden was er verurteilt hat und er würde beschimpft, verfolgt und eingesperrt werden.
China ist die spätkapitalistische Hölle wie Marx sie beschrieben und Dante angedeutet hat.

Jene Grüne Straßenkatze
04
...

Tragische Ironie. China geht damit einem Modell des Städtebaus nach, von dem sogar Amerika, das Land, aus dem jenes kommt, langsam abzuweichen beginnt ( http://www.cnn.com/SPECIALS/... p.america/ ). Nun ist das in Österreich ja nicht anders, denn Betonköpfe wie Schicker und Pröll leben ja nach wie vor in den 1960ern, als das Auto alles war; aber wenn Wien städtebaulich 20-40 Jahre in der Vergangenheit leben, ist das harmlos im Vergleich mit der Neuerrichtung ganzer Städte auf Basis überholter Ideen.

Das gibt nochmal ernste Probleme.

Pröll's Leistungsträger & die fidele Banksterbagage
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Was passiert mit einer Kaugummiblase, die man endlos aufblasen will?

Mimi210
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Irgendwann klebt sie dir auf der Nase?

Edain
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Ich möchte aber nicht 60 mio Chinesen auf meiner Nase kleben haben!

(tut mir leid, ich konnte dem einfach nicht widerstehen)

Roter Baron
10
das wird noch ein dickes ende finden

china 2010, verloren in der maßlosigkeit.


roter baron

R. M.
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Ok, beeindruckend mit welchem Tempo hier gebaut wird.

Fragt sich, wie lange die Resourcen unseres Heimatplaneten da mitspielen werden...

Sophist1
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Für China sind Menschen im allgemeinen ein unwichtiger...

Faktor. Denn sie haben ja genügend. Das sieht man am Schiffsunglück am Barrier Reef und den mehreren tausend Toten jährlich im Bergbau. Im Bergbau wäre die Totenrate sofort gegen Null tendierend, mit Investitionen zu lösen. Auch die Unzahl von Todesstrafen sind ein Hinweis auf ihre Menschenverachtung. Aber die eigenen Menschen + das demograpische Gefahrenpotential brechen einmal der chinesischen Führung das Kreuz. Die Millionen Wanderarbeiter und die mit unter einem- Dollar- pro -Tag verfügenden Chinesen üben einen immensen Druck auf ein immerwährendes Wachstum aus. Deswegen werden auch die oppositionellen Chinesen so schnell um die Ecke gebracht. Und wenn an weiß, dass keine Sozialversicherung besteht wird die 1-Kind-Politik zum Desaster.

darkblue2
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warum soll es den chinesen das kreuz brechen?? auch wir hatten vor jahrzehnten solche wachstumsraten!! hat es uns das kreuz gebrochen ??? warum beschwören alle immer solche unglücks szenarien für china??? china nützt derzeit sein potential-wachstum aus; warum sollten sie es auch nicht tun?? nur um uns einen gefallen zu tun??

Sophist1
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Hätten Sie mein Mail sinnerfassend gelesen, wüßten Sie es.

Die 1-Kind-Politik führt in den nächsten 25 Jahren zu einer totalen Überalterung der Gesellschaft. Ihr Vergleich mit uns ist völlig daneben! Es wird sich ein demographischer Verlauf ergeben, dass etwa 1 Chinese für 3,7 Menschen die Lasten zu tragen hat. China hat keine Sozialversicherung, im Besonderen Altersversicherung. Doch diese Versicherung mit einem Grundstock an Kapital auszustatten, sprengt die Möglichkeiten selbst von China. Und wovon sollen die Aktiven die Rentenversicherung bezahlen? Von den Hungerlöhnen? Heute werden die Alten von den noch bestehenden Großfamilien versorgt. Doch die Großstädte wachsen mit enormer Geschwindigkeit und damit verschwinden auch die Großfamilien. Denken sie mal dieses Beispiel zu Ende!

her wig
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Die Amis sind schon verrückt, aber die Chinesen überbieten das noch. Sprechen und üben Balance, und dann sowas.

Edain
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Solche Vergehen gehören einfach weit stärker geahndet, die 680.000 Dollar Strafe sind ja ein Scherz. Solche Schiffe gehören einfach konfisziert, mitsamt Fracht versteigert und der Erlös geht an eine Organisation, die sich dem Schutz des Reefs verschrieben hat. Nein, ich bin nicht gegen Rechtsstaat und Demokratie, aber solche Dinge sind einzigartige Erbstücke der gesamten Menschheit und ihre vorsätzliche Gefährdung sollte zumindest so streng geahndet werden, dass sie sich nicht potentiell wirtschaftlich rentiert.

Edain
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Hoppla

Glatt im falschen Tab gelandet. :)

Otto Motor
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wir habens trotzdem verstanden ;-)

JetztOderNIe
10
Dafür...

... können wir die Produkte von dort immer billiger kaufen. Nun ja die Arbeitsplätze sind halt weg, aber um den Preis können wir sie noch von der Sozialhilfe kaufen.
Nur eines versteh ich nicht:
Wenn die unsere Arbeitsplätze haben, aber nicht unseren Wohlstand aus den 70er 80ern, wo zum Teufel ist der hin verschwunden, der Wohlstand?

Ivan Bukov
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Sie machen einen kardinalen Denkfehler und vergessen ein entscheidendes Detail.

Die chinesischen Produkte werden nur in grossen Mengen gekauft weil sie billig sind!

Wuerden sie die gleichen Gueter in Europa erzeugen waeren diese 10-50x teurer! Der Effekt? Weniger Nachfrage und weniger Produktion. Keine oder wenig Produktion bringt damit erst wieder keine Arbeitsplaetze und nur Wohlstandsverlust weil sie sich weniger leisten koennen!

Seminole Eagle Chief
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Ein Blick auf die Entwicklung des Reallohns seit den 79ern (http://de.wikipedia.org/wiki/Reallohn) verrät mir, dass - zumindest in Österreich - ein angeblicher Wohlstandsverlust ins Reich der Märchen gehört.

natoll
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zu meinen den leuten hierzulande ginge es schlechter als in den 70er und 80ern ist zwar modern aber schlichtweg falsch.
die raunzerei hat genauso zugenommen wie der wohlstand. etwas zu dem der mensch immer tendiert.

Edain
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Ich denke ...

... das war eh eine rhetorische Frage, aber nur um sie auch anderen Zweiflern zu beantworten: Die Wohlstandsdifferenz ist jetzt genau bei den Konzernen, die die Produktion nach China verlegt haben, die zahlen jetzt zwar nur mehr ein Zehntel der Löhne, verkaufen's aber teilweise noch zum selben Preis bei uns. So einfach is det.

heinz feichtinger
03
Es ist nur mehr die Beschleunigung

Die Rennstrecke der Entwicklung führt zu Massensterben, da niemand mehr etwas voraussehen kann. Es ist wie wenn ein Volltrunkener immer mehr Gas gibt und wir alle sitzen drin. Blöd - aber am Laufen.
Ich empfehle den Science-Fiction Roman eines angesehenen Professors - ich glaube Cambridge - Ian Watson.
Titel : "Das Mars-Coma".
Auch empfehlenswert "Der programmierte Wal".
Dann lesen Sie ein wenig Jean Baudrillard - u. a. "Der symbolische Taausch und der Tod" - und dann schlafen Sie garantiert nicht mehr ein - bevor es ohnehin zu spät ist.

joergipoergi
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Lesen sie mal was richtiges, anstatt Science Fiction, vielleicht klappts dann auch wieder mit dem Schlafen (Schlafentzug soll schlcht fürs Hirn sein)

darkblue2
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an paranoia leiden sie aber nicht???

Tante Herbert
07
Anekdote zu China (aber wahr):

Bekannte bezieht einen Flat an der Küste. Wunderschön, hinterm Haus ein grosser Berg, vorm Haus das Meer. 3 Jahre später ist hinten kein Berg mehr, und vorne auch kein Wasser.

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