Mehr Gläubige als sonst bei Ostermessen in Wien
Vatikan/Berlin/Wien - Der Vatikan ist überraschend vom üblichen Ablauf der Ostermesse abgewichen, um die Kritik im Zuge des Missbrauchsskandals als belanglos zurückzuweisen. "Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit Dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen", sagte Angelo Sodano, Vorsitzender des Kardinalkollegs zum Auftakt der Messe auf dem Petersplatz.
Der Papst äußerte sich in seiner Osterbotschaft nicht zu den Missbrauchsfällen, auch in den Tagen davor hatte er dazu geschwiegen. Er forderte die Gläubigen in seiner Predigt zu einer geistigen und moralischen Umkehr auf: Die ganze Menschheit müsse die sich ausbreitende "Kultur des Todes" überwinden, um eine Zukunft der Liebe und Wahrheit aufzubauen, in der jedes menschliche Leben geachtet und aufgenommen werde, verlangte Benedikt.
Vergleich mit Antisemitismus
Am Samstag hatte die offizielle Zeitung des Vatikans, L'Osservatore Romano, geschrieben, der Papst sei derzeit Ziel einer "verabscheuungswürdigen Verleumdungskam-pagne". Der persönliche Prediger des Papstes, Pater Raniero Cantalamessa, hatte beim Karfreitagsgottesdienst im Beisein Benedikts die Missbrauchsvorwürfe mit dem Antisemitismus verglichen: In der Debatte würden Stereotype verwendet und persönliche und kollektive Verantwortung verwechselt, zitierte Cantalamessa aus einem Brief eines jüdischen Freundes. Jüdische Gemeinden in aller Welt protestierten, Cantalamessa entschuldigte sich am Sonntag.
Bischöfe in Großbritannien und Deutschland nutzten ihre Osterpredigt, um einen Neuanfang in der Kirche einzumahnen. "Notwendig ist nun das Öffnen der Wunden, deren gründliche Reinigung, Läuterung und Buße", sagte der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen. Vincent Nicholas, Oberhaupt der katholischen Kirche in England, erklärte, in der Kirche seien "schwere Sünden begangen" worden,
Trotz der Reuebekundungen lokaler Würdenträger kam es auch zu Zwischenfällen. In Dublin versuchten Demonstranten, bei der Ostermesse in der Kathedrale Kinderschuhe auf den Altar zu stellen, und empfingen Erzbischof Diarmuid Martin mit Buhrufen. In Münster attackierte ein Mann Bischof Felix Genn während der Ostermesse mit einem Besenstil. Genn konnte die Angriffe mit einem Weihrauchfass abwehren.
In Wien seien zu den Ostermessen mehr Gläubige als üblich gekommen, meldete die Erzdiözese Wien. Etwa 3000 bis 4000 Besucher seien bei den Gottesdiensten gewesen, mehr als in den Vor- jahren. Das zeige, dass die Menschen offensichtlich unterscheiden könnten zwischen "dramatischen Verfehlungen von Kirchenleuten" und der "Aufgabe der Kirche als Ganzer, Zeugin für Christus zu sein." (Reuters, APA, tob, DER STANDARD - Printausgabe, 6. April 2010)