Kopf des Tages

Japanischer Bürgermeister an der Windelfront

05. April 2010 18:58
  • Artikelbild
    Foto: standard

Der Tokioter Hironobu Narisawa ist für zwei Wochen in Karenz

Hironobu Narisawa rüttelt an den Grundfesten des Patriarchats: In Japan nimmt erstmals ein Bürgermeister Vaterschaftsurlaub. Narisawa heißt der neue Held der japanischen Frauenbewegung, 44 Jahre alt und Vorsteher des Tokioter Stadtteils Bunkyo.

Seit Samstag kümmert er sich für zwei Wochen um seinen am 5. Februar geborenen ersten Sohn, dem Kind und einer größeren Sache zuliebe. "Ich will die Kindererziehung genießen und durch meine Initiative beweisen, dass Vaterschaftsurlaub nicht der Karriere der Väter schadet" , sagte Narisawa. Im Westen täten es die Väter ja auch für drei bis fünf Wochen. Warum sollte das nicht auch in Japan gehen?

Der Aufruf zum Hausmannstum brachte Narisawa in die Schlagzeilen. Denn in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft ist Vaterschaftsurlaub ein kaum genutztes Recht. Zwar ist die Zahl der Japaner, die Elternurlaub in Anspruch nehmen, im vorigen Jahr um rund zehn Prozent gestiegen, doch nur die wenigsten davon sind Väter.

Dabei ist die Abkehr vom Patriarchat inzwischen bis in konservative Kreise hinein patriotische Pflicht. Schließlich gefährdet die strikte Rollentrennung zwischen Mann und Frau den Fortbestand von Wohlstand und Volk. Die Geburtenrate gehört schon lange zu den niedrigsten in der Welt. Nur eine höhere Erwerbsrate von Frauen kann den Mangel an Beitragszahlern für das Sozialsystem lindern.

Im Alltag haben die bisherigen politischen Maßnahmen kaum gefruchtet, klagt Narisawa. Das vermeintlich starke Geschlecht verzichte aus Angst vor Gehaltssenkungen, abfälligen Reaktionen von Kollegen und Sorge um die Karriere auf Vaterfreuden. Narisawa: "Ich hoffe, dass mein Beispiel dazu beitragen wird, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem männliche Arbeiter sich wohl dabei fühlen, Urlaub für ihre Kinder zu nehmen."

Der überzeugte Lokalpatriot ist damit wieder einmal Pionier. Er wurde im Stadtteil Bunkyo geboren, studierte Jus und später Verwaltung, bevor die Wähler ihn im Alter von 25 Jahren zum damals jüngsten Abgeordneten Japans kürten. Seit 2007 ist er Bürgermeister des 200.000 Einwohnern zählenden Stadtviertels Bunkyo. Seinen Vaterschaftsurlaub kündigte er er per Twitter an. Inzwischen berichtet er regelmäßig begeistert von seinen Erlebnissen an der Windelfront. "Nach dem Waschen gemeinsam in die Badewanne", heißt es in seinem jüngsten Eintrag, "es treibt im Wasser! Mein Baby treibt." (Martin Kölling/DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2010)

Kommentar posten
12 Postings
vheissu
06.04.2010 09:31
bravo!

Hubert Hawkins
06.04.2010 14:56
Begeisterung?

ich weiß nicht, warum man sich da vor Begeisterung überschlagen muss, wenn er grade einmal zwei Wochen daheim bleibt. Wer hat sich den seit der Geburt ums Kind gekümmert und wer macht den Rest?

andiman
 
11.04.2010 14:59
Tja,

sie haben scheinbar nicht sehr viel Ahnung von der japanischen Gesellschaft... So absolut nicht regelkonform zu sein setzt ein sehr wichtiges Zeichen. Egal ob es nur 2 Wochen sind...

ardilla
09.04.2010 21:02

Darum geht's ja nicht unbedingt. Dass den Hauptteil der Kindererziehung auch in dieser Familie die Mutter machen wird, ist keine Frage, aber zumindest setzt er ein, wie ich finde, positives Zeichen.

Zenon
05.04.2010 22:46

Heißt Kucho nicht eher Bezirksvorsteher?

Edain
06.04.2010 12:08

Ist aber in sehr vielen Städten (Berlin, Hamburg) so gebräuchlich, dass es einen Oberbürgermeister und mehrere untergeordnete Bürgermeister gibt. Wobei ich das auch etwas albern finde, aber solche Diktionen sind wohl nur eine Frage der Gewohnheit.

Taji Soron
06.04.2010 00:05
wörtlich ja,

aber bei einem Bezirk mit 200,000 Einwohnern ist Bürgermeister wohl schon angemessen. Und im Grunde ist es ziemlich egal, oder?

Zenon
06.04.2010 10:20

Ich seh schon ein, dass man die Verwaltungsstrukturen von Tokio und Wien nicht so einfach vergleichen kann, aber auch Favoriten (Wien X) hat 150 000 Einwohner.

andiman
 
11.04.2010 15:07
Wenn sie es so genau haben wollen,

?=ku also Bezirk
?= chô wird meist als Chef übersetzt (hat aber noch mehr Bedeutungen)
Bezirkschef gibt es aber im deutschen Sprachgebrauch nicht wirklich.
Und da Tokyo ganz anders organisiert ist wie Wien (die einzelnen Stadtbezirke Tokyos sind viel unabhängiger als die Bezirke in Wien un besitzen jeweils eine komplett eigene Verwaltung), trifft Bürgermeister eher zu als Bezirksvorsteher...

Zenon
11.04.2010 19:42

Danke.

Steckt hinter dem Standard-Forum eigentlich eine so veraltete proprietäre Technologie, dass man nicht endlich UTF-8 verwenden kann?

Wir müssen also auf UTF-7 ausweichen:
+UzqVdw

Oisa i find des (ned) supa
05.04.2010 20:44

Und genau wegen solcher idiotischer Schlagzeilen "Japanischer Bürgermeister an der Windelfront" werden auch in Zukunft nicht viele Väter ihre Karenzzeit in Anspruch nehmen. Wer will sich schon öffentlich verarschen lassen!

Ein nitupsaR
 
06.04.2010 07:52

Ein Mann, der das nicht aushält, sollte sich eh lieber um seine Karriere kümmern.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.