Der Tokioter Hironobu Narisawa ist für zwei Wochen in Karenz
Hironobu Narisawa rüttelt an den Grundfesten des Patriarchats: In Japan nimmt erstmals ein Bürgermeister Vaterschaftsurlaub. Narisawa heißt der neue Held der japanischen Frauenbewegung, 44 Jahre alt und Vorsteher des Tokioter Stadtteils Bunkyo.
Seit Samstag kümmert er sich für zwei Wochen um seinen am 5. Februar geborenen ersten Sohn, dem Kind und einer größeren Sache zuliebe. "Ich will die Kindererziehung genießen und durch meine Initiative beweisen, dass Vaterschaftsurlaub nicht der Karriere der Väter schadet" , sagte Narisawa. Im Westen täten es die Väter ja auch für drei bis fünf Wochen. Warum sollte das nicht auch in Japan gehen?
Der Aufruf zum Hausmannstum brachte Narisawa in die Schlagzeilen. Denn in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft ist Vaterschaftsurlaub ein kaum genutztes Recht. Zwar ist die Zahl der Japaner, die Elternurlaub in Anspruch nehmen, im vorigen Jahr um rund zehn Prozent gestiegen, doch nur die wenigsten davon sind Väter.
Dabei ist die Abkehr vom Patriarchat inzwischen bis in konservative Kreise hinein patriotische Pflicht. Schließlich gefährdet die strikte Rollentrennung zwischen Mann und Frau den Fortbestand von Wohlstand und Volk. Die Geburtenrate gehört schon lange zu den niedrigsten in der Welt. Nur eine höhere Erwerbsrate von Frauen kann den Mangel an Beitragszahlern für das Sozialsystem lindern.
Im Alltag haben die bisherigen politischen Maßnahmen kaum gefruchtet, klagt Narisawa. Das vermeintlich starke Geschlecht verzichte aus Angst vor Gehaltssenkungen, abfälligen Reaktionen von Kollegen und Sorge um die Karriere auf Vaterfreuden. Narisawa: "Ich hoffe, dass mein Beispiel dazu beitragen wird, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem männliche Arbeiter sich wohl dabei fühlen, Urlaub für ihre Kinder zu nehmen."
Der überzeugte Lokalpatriot ist damit wieder einmal Pionier. Er wurde im Stadtteil Bunkyo geboren, studierte Jus und später Verwaltung, bevor die Wähler ihn im Alter von 25 Jahren zum damals jüngsten Abgeordneten Japans kürten. Seit 2007 ist er Bürgermeister des 200.000 Einwohnern zählenden Stadtviertels Bunkyo. Seinen Vaterschaftsurlaub kündigte er er per Twitter an. Inzwischen berichtet er regelmäßig begeistert von seinen Erlebnissen an der Windelfront. "Nach dem Waschen gemeinsam in die Badewanne", heißt es in seinem jüngsten Eintrag, "es treibt im Wasser! Mein Baby treibt." (Martin Kölling/DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2010)