Blühende Pflanzen können dem menschlichen Immunsystem zusetzen und Heuschnupfen auslösen - Die Wissenschaft arbeitet an Schutzschilden für Überempfindliche und manipuliert Gene
Mit den warmen Sonnenstrahlen beginnt für viele Menschen wieder die schlimmste Zeit des Jahres. Die Pollen fliegen. Sie lassen die Augen brennen und verursachen Fließschnupfen und Niesattacken: Saisonale allergische Rhinitis oder Pollinosis heißt Heuschnupfen im Fachbegriff. Allergiker reagieren empfindlicher als andere auf bestimmte Eiweiße aus Pollen, die mit der Luft in ihre Atemwege gelangen. Mediziner unterscheiden zwischen einer saisonalen allergischen Rhinitis, die nur zu bestimmten Jahreszeiten auftritt, und einer ganzjährigen Form. Oft kommen beide gleichzeitig vor. "Eine saisonale Rhinitis wird am häufigsten durch Pollen von Bäumen, Gräsern, Getreide oder Kräutern hervorgerufen", sagt Werner Aberer, Vorstand der Klinik für Dermatologie an der Uni Graz. "Hat jemand während des gesamten Jahres Beschwerden, steckt eher eine Allergie gegen Hausstaubmilben, Tierhaare, Mehlstaub oder Schimmelpilzsporen dahinter."
Tendenz steigend
Studien zeigen, dass weltweit in den vergangenen 20 Jahren immer mehr Menschen an allergischer Rhinitis erkrankten. Laut österreichischem Allergiebericht litten 1986 rund 3,3 Prozent der Bevölkerung, 2003 waren es bereits 6,7 Prozent - das sind rund 550.000 Menschen. "Warum, wissen wir nicht", sagt Aberer. Die Neigung zur Allergie wird vererbt. Bestimmte Faktoren in der Umwelt bestimmen dann, ob sie wirklich ausbricht. "Die Vererbung hat sich nicht geändert, aber Umweltfaktoren wie eine zunehmende Schadstoffbelastung, Rauchen oder eine andere Ernährung könnten eine Rolle spielen."
In den meisten Fällen äußert sich die allergische Rhinitis bereits im Kindesalter. Der Körper hält das Eiweiß, das zum Beispiel in Pollen enthalten ist, für fremd und "gefährlich". Er produziert deshalb Abwehrstoffe, Immunglobuline der Klasse E (IgE-Antikörper). Beim nächsten Kontakt mit dem Pollen-Eiweiß reagiert der Körper, als müsste er Krankheitserreger bekämpfen: Die IgE-Antikörper verbinden sich mit dem Eiweiß und veranlassen bestimmte Abwehrzellen, Botenstoffe auszuschütten - es kommt zu einer allergischen Reaktion. Ein Eiweiß, das so eine Reaktion auslöst, heißt Allergen. Ein wichtiger Botenstoff ist Histamin, das zu Niesattacken, Fließschnupfen und verstopfter Nase führt. Manche Menschen mit allergischer Rhinitis fühlen sich abgeschlagen und ausgelaugt wie bei einer Grippe.
Damit nicht genug: Einige spüren ein unangenehmes Kribbeln oder Brennen an den Lippen und im Mund, wenn sie Äpfel, Haselnüsse oder andere Nahrungsmittel essen. "Das liegt an der Kreuzallergie", sagt Tamara Kopp, Leiterin der Allergie-Ambulanz der Uniklinik für Dermatologie am AKH Wien. Dabei ähneln bestimmte Eiweiße in den Speisen den Allergenen aus der Luft so sehr, dass die IgE Antikörper an die Speise-Eiweiße binden und Abwehrzellen ebenfalls Botenstoffe ausschütten (siehe Grafik). Im Extremfall schwillt der Rachen an, und die Luft wird knapp.
Ob ein Rhinitis-Patient eine Kreuzallergie entwickelt, hängt unter anderem vom Eiweiß in der Luft ab, gegen das er allergisch reagiert, zum anderen von seinen Ernährungsgewohnheiten. Ein weiteres Problem ist der Etagenwechsel: Etwa jeder vierte Patient mit einer Rhinitis bekommt zusätzlich Asthma. Experten betrachten inzwischen beide Krankheiten als eine gemeinsame mit unterschiedlicher Ausprägung. "Das Risiko kann man verringern, indem man möglichst früh die Allergie feststellen und gezielt behandelt lässt", rät Allergieexperte Aberer.
Optionen für Therapie
Gegen Rhinitis gibt es drei Behandlungsmöglichkeiten: Die Al-lergene meiden, Medikamente gegen die Beschwerden oder eine Allergieimpfung. "Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, die allergische Reaktion zu drosseln", sagt Tamara Kopp. "Zahlreiche Studien zeigen, dass die Impfung wirkt. Die Beschwerden lassen deutlich nach, und die Patienten brauchen weniger Medikamente." Außerdem könne man gerade bei Kindern und Jugendlichen das Asthmarisiko senken.
In der Fachsprache heißt die Allergieimpfung Spezifische Immuntherapie (SIT) oder Hyposensibilisierung. Das Prinzip: Der Körper "verlernt", überempfindlich auf Allergene zu reagieren. Hierzu spritzt der Arzt regelmäßig kleine Mengen des Allergens unter die Haut. Im Körper führt dies zu Veränderungen im Immun- system, zum Beispiel stellt er allmählich andere Antikörper her (IgG). Diese verhindern unter anderem, dass die Abwehrzellen Histamin ausschütten.
Leider konnten Studien bisher nicht zeigen, dass man mit der Allergieimpfung auch die Kreuz- reaktivität behandeln kann. Seit kurzem können Patienten die Allergene auch als Tropfen (Sublinguale Immuntherapie SLIT oder Tabletten einnehmen. "Die Tablettentherapie gibt es bislang nur bei einer Allergie gegen Gräser und Hausstaubmilben", so Aberer. Ein Nachteil sei, dass der Patient die Allergene allein - also ohne ärztliche Aufsicht - einnehme und nicht wie bei den Spritzen eine gewisse Zeit beim Arzt beobachtet werde. "Schwere Nebenwirkungen sind zwar äußerst selten, es kann aber zu einem Schock kommen."
Zukunftsstrategien
Diagnose und Behandlung der allergischen Rhinitis sollen in Zukunft noch besser werden: "Mit rekombinanten Allergenen können wir eine Allergie leichter feststellen und Patienten gezielter mit einer geringeren Dosis und weniger Nebenwirkungen behandeln", sagt Markus Ollert, Leiter der Forschungsgruppe Molekulare und klinische Allergotoxikologie an der TU München. "Das wird die Zukunft der Allergiediagnostik und -therapie sein", vermutet Tamara Kopp. (Felicitas Witte, DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2010)