Das schon bisher beste Vietnam-Standl am Naschmarkt wurde noch besser, etwas größer - und noch vietnamesischer
Gut drei Monate war das Pho Sài Gòn am Naschmarkt geschlossen - für normale Lokale ist eine derart lange Schließzeit meist ausreichend, um gar nicht mehr aufsperren zu müssen. Das kleine Standl, das vor mittlerweile drei Jahren als erstes wagte, in der Flut von Diskont-Sushi und sonst wie asia-ähnlich her-gewürzter Mischmasch-Küche Gerichte mit konkretem, am Gaumen nachprüfbarem Herkunftsnachweis zu servieren, hatte damit offenbar kein Problem: Ab dem ersten Tag nach der Wiedereröffnung (okay, der war sonnig) standen sich die Mittagshungrigen in der Hoffnung auf einen Tisch und eine Schüssel heißer, aromatisch duftiger Rindsuppe mit Reisnudeln die Beine in den Bauch.
Wo bisher gerade vier Tische in einen schmalen Schlauch von Speiseraum passten, ist nach der Übernahme des angrenzenden Asia-Shops und dem Umbau zu einem nur noch durch Glaswände getrennten Ganzen doch deutlich mehr Platz - sogar Toiletten sind sich ausgegangen. Im Shop gibt es wie gehabt die beste Auswahl an Asia-Kräutern des ganzen Marktes, mittelfristig soll zu den zahlreichen Würzpasten, Reisnudelvarianten und exotischen Gemüsen auch ein Take-away mit ganz schnellem Essen kommen - das könnten etwa die fantastischen, frisch gerösteten Baguettes mit Pâté, Chili und allerhand frischen Kräutern sein, die in Vietnam auch Jahrzehnte nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft hoch im Kurs stehen. Aber das nur nebenbei.
Suppentöpfe und Salate
Das eigentliche Essen sind nämlich die bewährt guten Suppentöpfe und Salate, die hier zu mehr als fairen Preisen aus der Küche kommen. Der würzige Salat aus gebratener Ente, reichlich Zitronenmelisse, mildem rotem Zwiebel und einer Tamarinden-Marinade von animierend schwungvoller Säure etwa, der einfach verdammt gut nach Südostasien schmeckt. Oder der Salat mit knackigen, zart säuerlichen Lotusstielen, Basilikum, Minze und Erdnüssen, bei dem nur die Stücke vom pochierten Pangasius wie stets einen eher schlappen Eindruck hinterlassen.
Die in Kokos und Ingwer süßsauer geschmorten Venusmuscheln sehen nicht nur toll aus, die Sauce entwickelt auch ganz erhebliche Würzkraft - viel zu gut, um nicht mit ordentlich Reis aufgetunkt zu werden. Dazu trinkt man frische Säfte oder wählt aus der beachtlichen Auswahl asiatischer Biere, bei der das hierorts kaum zu bekommende Hanoi besonders hervorsticht. Die Weine sind mit weiß oder rot noch ausbaufähig. Da zeigt das nahe, ebenfalls vietnamesische by Chi (Naschmarkt 130) doch deutlich besser, wie gut sich gerade die Austro-Weißen mit so einer Aromenküche machen. Danach sollte man sich den original vietnamesischen Kaffee mit Kondensmilch nicht entgehen lassen: so gut wie ein Dessert! (Severin Corti/Der Standard/rondo/02/04/2010)
Pho Sài Gòn
Naschmarkt 191-193
1040 Wien
Tel.: 01/585 02 24
Mo-Sa 11-23 Uhr
VS EURO 3,10-4,90, HS EURO 7,80-11,50
Fotos: Gerhard Wasserbauer