Zum Rechnen erfunden, zum Medienkonsum benutzt - die kurze Geschichte der Entwicklung des PCs
Am Anfang war das Spreadsheet, nicht das Wort. Die Geschichte des PC, und Apples Rolle darin, kann Hinweise darauf liefern, ob mit dem Verkaufsstart von Apples iPad am Karsamstag tatsächlich eine neue digitale Gattung in die Welt gesetzt wird, oder ob es nur ein weiterer kurioser Versuch auf der Suche nach dem Multimedia-Gral ist.
Die erste digitale Schreib- und Druckmaschine
Tabellenkalkulation war es, die 1981 dem IBM-PC den Weg in Unternehmen und Firmen öffnete. Programme wie Lotus 1-23 und später Excel rechtfertigten die Anschaffung der teuren Geräte. Als 1984 der erste Macintosh mit grafischer Benutzeroberfläche die Bühne betrat, empfahl er sich nicht für die Buchhaltung: Es war die erste perfekte digitale Schreib- und Druckmaschine. Dank der ebenfalls neuen Laserdrucktechnik eroberte der Mac rasch die kreativen Bereiche, das Druckgewerbe, Unis und Schulen. Maus, Symbole und Menüs wurden, innerhalb eines Jahrzehnts, zum universellen Interface.
Aber auch nach mehr als 25-jähriger Evolution kann der Rechner sein Erbe nicht leugnen. Gewiss, wir spielen darauf, hören Musik, sehen Filme, schreiben, mailen, surfen. Aber PCs zwingen zum Vorbeugen, am besten auf dem Tisch in Arbeitshaltung benutzt - während wir Medienkonsum mit Entspannung, In-der-Hand-Halten, Zurücklehnen und Couch verbinden.
Hoch- und Querformat
Dazu kommt ein weiterer Faktor: Schriftmedien sind hochformatig, Bildmedien wie Film und TV querformatig. Da der PC auf die vorhandenen TV-Monitore zurückgriff, kam den Schriftmedien das Querformat buchstäblich in die Quere. Dokumentseiten werden meist unvollständig dargestellt, hochformatige Displays blieben Exoten. Auch Internet tut sich mit Querformaten schwer (man muss nach unten scrollen). Einzig "Powerpoint" etablierte sich quer - vielleicht weil zuerst das Schriftmedium tabellengewohnter "Erbsenzähler" war.
Auch die Verwendung von Medien hat sich geändert: Während wir uns bei Notizblock und Print entweder im Schreib- oder im Lesemodus befinden, also für jede Aufgabe ein eigenes "Gerät" haben, verwenden wir Medien heute interaktiv. Dieselbe digitale Seite, auf der wir gerade einen Artikel lesen, verwandelt sich in das Anschlagbrett, auf dem wir unsere Kommentare dazu abgeben.
Star-Trek-Vision
Versuche, aus den Begrenzungen des PCs auszubrechen, sind zahlreich - und bisher gescheitert. Dabei "erfanden" schon in den 1960er-Jahren die Star-Trek-Autoren das "PADD" (Personal Access Display Device), ein Tablet, das seinem Benutzer magischen Zugang zu Informationen aller Art lieferte. Klingt bekannt?
1993 brachte Apple unter John Sculley den Newton MessagePad auf den Markt, der ein Computer als Schreibblock war, Urgroßvater des Organizers. Der Newton scheiterte an seinen Ambitionen: Die Handschriftenerkennung (heute durch eine Soft-Tastatur am Schirm ersetzt) geriet zur Lachnummer, der Newton schaffte nie den Durchbruch. Steve Jobs will damit nichts zu tun haben: Er hatte den früheren Pepsi-Manager Sculley als CEO zu Apple gebracht, Sculley dann Jobs gefeuert.
Tablets
2002 arbeitete sich Microsoft-Gründer Bill Gates am Tablet-Thema ab: In wenigen Jahren, prophezeite er bei der Vorstellung des ersten Tablet-PCs, würden alle Notebooks Tablets sein. Die Geschichte straft aber auch die, die zu früh kommen, Tablet PCs blieben eine Nische, der "Ultra Mobile PC" (2006) eine weitere erfolglose Fußnote dieser Entwicklung. Erst der Boom des iPhones und anderer Smartphones zeigt, dass es das Bedürfnis nach einem in der Hand zu haltenden Mediengerät gibt - trotz kleinen Bildschirms.
Schließlich verbuchte ein Buchhändler den bisher größten Erfolg bei der Digitalisierung der alten Buchform: Jeff Bezos und sein Amazon Kindle, "auf dessen Schulter wir stehen", wie Jobs keck bei der iPad-Vorstellung sagte. Um den Verkaufserfolg braucht sich Apple jedenfalls nicht sorgen: Die erste Tranche ist bereits ausverkauft, für die ersten drei Monate sagen Analysten über eine Million verkaufte Stück voraus. (Helmut Spudich aus New York/ DER STANDARD Printausgabe, 2. April 2010)