Messe für Missbrauchsopfer

"Ich bin wütend, Gott!"

Gudrun Springer und Markus Rohrhofer, 31. März 2010, 22:20
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    foto: apa/roland schlager

    "Wir, Gottes Volk, seine Kirche, tragen miteinander an dieser Schuld", lautete die Kernbotschaft des Schuldbekenntnisses, das Schönborn gemeinsam mit der Theologin und Publizistin Veronika Jagenteufel vortrug. Man habe "die Leiblichkeit" nicht wertgeschätzt und sei an der Aufgabe, "Sexualität gut zu leben", gescheitert. "Einige von uns haben sexuelle Gewalt angewendet", so Schönborn. "Wir haben vertuscht und ein falsches Zeugnis gegeben"

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    Schönborn betonte in seiner Predigt: "In dieser Stunde sind Predigtworte daneben, sie können nur peinlich werden, oft verletzend sein. Schweigen wäre angebracht." Aber, in letzter Zeit sei in der Kirche vieles aufgebrochen. Es werde nun zwar weniger weggeschaut, "aber es bleibt viel zu tun". Gott sei aber ein Gott, der nicht wegschaut und nicht weghört, ihn lasse das Leid nicht kalt – Kardinal Christoph Schönborn tat im Stephansdom sichtlich bewegt Buße

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    foto: andy urban

    Buße und Klage im Stephansdom: Christoph Kardinal Schönborn, an seiner rechten Seite Generalvikar Franz Schuster, Martha Heizer von "Wir sind Kirche" und Dompfarrer Anton Faber

Schönborns Schuldbekenntnis vor 3000 Menschen im Stephansdom - "Danke, dass Sie das Schweigen gebrochen haben" - Zu Beginn des Gottesdienstes waren Opfer am Wort

Es war Zeit, Buße zu tun: Am Mittwoch luden Kardinal Christoph Schönborn und „Wir sind Kirche" zur Aussprache in den Wiener Stephansdom - Vor Schönborns Predigt und Schuldbekenntnis wurden Texte von Missbrauchs-Betroffenen vorgelesen

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Wien - „Ich will meine Wut, meinen Hass, meinen Zorn vor dich werfen - ich wünsche ihm Gift und Galle, blind soll er werden, verhungern und vereinsamen - Gott, siehst du nicht meine Hilflosigkeit". Schwere Paukenschläge folgen auf die klagenden Worte eines Redners. Weihrauch-Geruch, bedrückende Stille. Es ist der Abend des Klage- und Bußgottesdienstes im Stephansdom für die Missbrauchsopfer . Etwa 3000 Besucher folgten am Mittwoch der Einladung der kirchenkritischen Plattform „Wir sind Kirche" und des Wiener Erzbischofs Kardinal Christoph Schönborn. Beim Einzug wurden kleine Kerzen ausgeteilt, die angezündet und vor dem Altar aufgestellt wurden.

Wie können die, die weggesehen haben, plötzlich Sehende werden

Zu Beginn des Gottesdienstes waren Opfer am Wort, beziehungsweise ihre Vertreter, die deren anklagende Reden verlasen. „Abend für Abend kommen die Erinnerungen wieder - wie kläffende Hunde. Rette mich vor diesen schrecklichen Albträumen. Ich habe doch nichts angestellt", verlas ein Mann. Ein anderer klagte seinen Peiniger an:„Von ihm soll nichts übrig bleiben, sein Name verlöschen. Streich ihn heraus, aus dem Buch desLebens." Paukenschläge. „Wie können die, die jahrelang weggesehen und weggehört haben, plötzlich wahrhaft Hörende und Sehende werden. Ich bete dafür, die Zeit wird es weisen".

„Schwächste ausgesucht"

Für Hans Peter Hurka, Sprecher von „Wir sind Kirche", stellt in seiner Rede klar: „Es ist soviel Unrecht geschehen, es kann sich niemand heraushalten". Will man sich an diesem Abend ganz offensichtlich nicht. Davon zeugte bereits vor der eigentlichen Kardinals-Predigt ein gemeinsames Buß-Gebet: „Wir bekennen, dass wir besitzen wollen - einige von uns haben dafür die Schwächsten ausgesucht. Wir bekennen diese Schuld und sind bereit, unsere Handlungsmuster zu erneuern".

In dieser Stunde sind Predigtworte daneben

„In dieser Stunde sind Predigtworte daneben. Sie können verletzen", sagte Schönborn zu Beginn seiner Predigt. „Schweigen wäre angebracht, aber nicht das Vertuschen, das Mundtotmachen. Danke, dass Sie das Schweigen gebrochen haben." Oft verspüre er auch ein Gefühl der Ungerechtigkeit: „Gibt es nicht auch anderswo Missbrauch". Doch Missbrauch in der Kirche wiege besonders schwer: „Er schändet den Namen Gottes". Es sei eine schmerzliche Erfahrung für die Kirche, doch „was ist dieser Schmerz gegen jenen der Opfer?"

Der Kardinal schloss seine Predigt mit den Worten: „Wenn jetzt die Opfer sprechen, dann spricht Gott zu uns, zu seiner Kirche, um sie aufzurütteln und zu reinigen."

Tränen beim Bußgebet

Einige Messbesucher kämpften bei dem Gottesdienst mit Tränen, insbesondere beim Bußgebet. Von Aufruhr vor dem Stephansdom, für den die Polizei sich mit Dutzenden Beamten gewappnet hatte, war nichts zu bemerken. Ein Mann, der nicht zur Messe eingeladen worden war, verteilte Flugzettel, andere hielten eine Mahnwache.

„Zaghafter Versuch"

Der katholische Publizist Hubert Feichtlbauer sieht in dem brisanten Treffen im Hause Gottes „den zaghaften Versuch des Kardinals, getragen von guter Absicht, zu zeigen, dass er sich nicht mit Formalitäten begnügt". Feichtlbauer: „Auch wenn Schönborn natürlich voll hinter dem Hirtenbrief des Papstes steht, wollte er ein deutliches Zeichen darüber hinaus setzen." Es sei diese „Bereitschaft, sich den Vorwürfen zu stellen, absolut keine Selbstverständlichkeit. Aus keinem anderen Land ist mir ein ähnlicher Bußgottesdienst mit einem Kardinal bekannt."

Der in den letzten Tagen aufkeimenden Kritik an der von Kardinal Schönborn eingesetzten Kommission unter dem Vorsitz der steirischen Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic zur Klärung der Missbrauchsfälle kann Feichtlbauer wenig abgewinnen: „Man kann es letztlich nie allen recht machen. Und der Vorwurf, Frau Klasnic stünde der Kirche zu nahe, ist nicht nachvollziehbar. Genauso unlogisch wäre es, jemanden einzusetzen, der gegen die Kirche ist." ( Gudrun Springer und Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe 1.4.2010)

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Max Watzenböck
 
00
20.5.2010, 14:24
Ite missa est & Pecunia non olet

Die Opfer müssen ins Zentrum der Überlegungen und Entscheidungen gerückt werden. Kinder und Jugendliche sollten in der Gesellschaft kraft Verfassung eigene Rechte, ja Priorität bekommen. Sie müssten so stark gemacht werden, dass sie sich gegen Übergriffe wehren können. Die Kritik, dass immer nur über Täter und damit über Erwachsene gesprochen wird, ist sehr berechtigt. Über den Missbrauch durch Priester und Mönche reden wir jetzt seit Monaten. Und wer von den Verantwortlichen hat in dieser Zeit Geld bereitgestellt, um wenigstens sofort hoch qualifizierte Therapien der Opfer zu bezahlen? Hat Frau Klasnic schon ausreichende Entschädigungszahlungen an die Opfer durchgesetzt?

leberkasi
00
der papst hat ja auch für die erdbebenopfer in haiiti gebetet.

die werden sich sicher gefreut haben.

Ponte Vedra
03
Bei dieser Veranstaltung

ist kein einziges Wort gefallen, das nicht vorher auf die Goldwaage der Troika Schönborn/Faber/Hurka gelegt worden war!

Mizzi Maier
02
au contraire

Gott ist wütend

semiotico
00
Originaltext

Hat im Übrigen hier jemand den Originaltext gelesen? Bevor noch mehr Falschmeldungen bzgl. der Schuldzuweisung an "die Gläubigen" etc. kommen, bitte folgenden Satz im Auge behalten:

"Wir bekennen diese Schuld den vielen, an denen wir als Kirche und einige von uns ganz konkret schuldig geworden sind."

Danke.

die windfrau
 
00
die bekenntnisse wurden aber

bezeichnenderweise gelesen von einer FRAU, "WIR bekennen.... schuldig"... (wer wir? welche frauen denn? )

der kirchenMANN schönborn durfte dann relativieren beziehungsweise konkretisieren: "EINIGE von uns ...

wenn ich noch eine katholische frau wäre, tät ich mich maßlos ärgern.
so denk ic mir nur: selber schuld, wenn sie sich nicht zur wehr setzen, daß sie die schuld der männlichen kirchenvertreter als "wir" vorlesen dürfen, ansonsten aber schön brav den mund zu halten haben und die männer in der kirche machen lassen...
(und was einige von denen machten, wissen wir jetzt ja...)


grauekatze
01
wird meine neue mailboxansage.

die windfrau
 
13

inszenierte buße und künstlerisch überhöhte ritualisierte gesten.
opfer, die in fein gesetzen worten jetzt endlich ausdruckserlaubnis, sprecherlaubnis erhalten für etwas, das sich eh nimmer verschweigen laßt...

nun werde die opfer also auch noch auf dieser ebene instrumentalisiert...

(oder lassen sich instrumentalisieren in ihrer not und ihrem wunsch endlich gehör zu finden...)

ist irgendwie die nächste stufe der "krankhaftigkeit" - - weils mangels gelebter konsequenzen und fehlendem inhalt der klerikalen worthülsen einfach unehrlich wirkt.
weniger reden, mehr ehrliches verändern wäre angesagt.



Dritter von Links
01



Man kann alles kritisieren. Es gibt eigentlich kein Thema auf dieser Welt, das sich nich in mehreren Richtungen argumentieren ließe.

Kirche hin oder her: Jedenfalls agiert sie jetzt anders als früher. Das finde ich, bei aller gerechtfertigten Kritik, wohl positiv. Ob es ausreichend ist, wird sich weisen, ob es die Herren in den seltsamen Frauenkleidern abhalten wird, sich an Kindern zu vergreifen, wird davon abhängen, wie mit den Tätern seitens der Kirche umgegangen wird.

Repariertwaseuchkaputtmacht.
21
Das große Problem der Kirche ist,

dass Sie eben den Begriff "Tradition" falsch begreift. Tradition soll nicht die Anbetung der Asche, sondern die weitergabe des Feuers sein. Und das Feuer ist schon lange aus. Es mag Freaks geben, die es glücklich macht, sich der Realität zu verschließen und sich auf dogmatisch fixierte Werte zu stützen - aber der Großteil der Bevölkerung kann damit wenig anfangen.

Es gibt zahlreiche Gesellschaftliche Themen, in denen die Wissenschaft viele Sachen bereits erwiesen hat, bei denen die Kirche aber nach wie vor sagt es sei Sünde oder wasweißich. Das geht von deren Einstellung zur Sexualität über die "Hierarchie des Glaubens" bishin zu medizinischen Themen. "Du sollst nicht töten" - sind etwa alle Kirchenmänner vegan?

Es fehlen moderne Stpkte

semiotico
01
Moment, bitte

Differenzieren:
1. es gibt keine "dogmatisch festgelegten Werte". Ein Dogma kann sich schon theoretisch nicht auf einen Wert beziehen. Bitte nicht mit solchen Begriffen herumwerfen.
2. es heißt nicht "du sollst nicht töten" sondern "du sollst nicht morden", abgesehen davon, dass sich die mosaischen Gesetze auf Menschen beziehen.

senora
14
ich bin sehr überrascht

und wünsche diesem Österreich eine gründliche Aufarbeitung und Aushebelung der Horror-Kirche. Man erinnert sich noch gut an die misslungene Aufarbeitung der Groer- Missbräuche. Vielleicht klappt es diesmal besser.

FalscherProphet
01
ad "Man habe die Leiblichkeit

nicht wertgeschätzt und sei an der Aufgabe, Sexualität gut zu leben, gescheitert,
so Schönborn gemeinsam mit Publizistin Veronika Jagenteufel":

Wer hat jetzt seitens der Kirche die Sexualität "nicht gut gelebt"....

ferdinand dreier
00
und dich erhört ER, glaubst du kleinkrämer?

dich schickt schon petrus 2 etagen tiefer, musst es nur erwarten können.

WildeOscar
06
ibinswieda
 
00

So sind wir also zweibeiner geworden

0Stoney0
00
super !!

bellefleure
01
Köstlich! :-DDDDD

ibinswieda
 
01
"An ihren Taten sollt ihr sie erkennen"

Solange sie nicht ins Geldbörsel greifen und ordentlich Entschädigungen zahlen, ausserdem wo noch nicht verjährt die Staatsanwälte ranlassen und endlich das ganze Vertuschungssystem so reformieren dass Vertuschen nicht mehr möglich ist sind alle Gottesdienste und Worte in meinen Augen nur Ablenkungsmanöver und leeres Geschwätz. Wie die kath. Kirche zur Sexualität steht ist ihre Sache, aber sexuellem und/oder gewälttätigem Mißbrauch von Kindern müssen alle nur möglichen Riegel vorgelegt werden. Solange sich da nichts ändert bleiben Schönborn und Co. total unglaubwürdig. Blabla bleibt blabla, wenn nicht ernstzunehmendeTaten folgen.

auchnixzusagen
03

„Schweigen wäre angebracht, (...). Danke, dass Sie das Schweigen gebrochen haben."

Häh, was denn jetzt?
Auf jeden Fall sensationelle Argumentationskette!

readymate
00
Kasperltheater...!



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flowolf
01
Da ist doch was faul im Staate Vatikan!

tucker maxxx
29

schönborn ist nix anderes als ein beinharter "top-manager" der versucht für seine firma schadensbegrenzung zu üben.
alleine die aussage (ZIB) es gab nicht 560 übergriffe sondern "kontakte" zu der hotline wird mir schlecht. die dunkelziffer sollte man mal hochrechnen. ich war in den 70ern bei den schulbrüdern hab zwar von sexuellen übergriffen dort nichts mitbekommen, doch alleine in meiner klasse 44 (!) kinder gabs kaumjemanden der nicht mal das holzlineal (plastik ist so leicht gebrochen) drübergezogen bekam ,nachmittags gabs züchtigung durch die nonnen vis avis. wenn sowas nur in jeder 2. klasse passiert ist sind das pro jahrgang an die 100 fälle. keine ahnung an welche hotline und ob überhaupt ich mich wenden werde, weil eh nix rauskommt

Graf Bobby
31

Sie waren also jahrelang bei den Schulbrüdern...soso...und nichts von sexuellen Belästigungen bemerkt. Also sind die katholischen Internate doch keine Massenvergewaltigungsanlagen für pädophile Mönche.

tucker maxxx
11

irgendwas haben sie falsch verstanden
bloss weil ich es nicht gesehen habe heiss das nicht dass es das nicht gegeben hätte!!??!
sage nur dass ich glück hatte und mir pers. diesbezüglich nichts passiert ist (war nicht im vollinternat das gabs damals nur in strebersdorf)
im gegenteil ich hatte genug damit zu tun um das zu verarbeiten was der "nette herr pfarrer" uns so angetan hatte. war meist froh wenn ich nach einem unfug den ich anstellte als 6jähriger mal "nur" mit dem fegefeuer und nicht gleich mit der hölle bedroht wurde....

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