Wenn ein Film zu seinen "Bewohnern" kommt

31. März 2010, 18:53
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Eine ungewöhnliche Präsentation: Der Berliner Filmemacher Tom Tykwer stellt seinen neuen Film "Soulboy" dort vor, wo er ihn gedreht hat - in Kibera, Nairobis größtem Slum

Vor der Kulisse wellblechgedeckter Hütten, die sich bis zum Horizont erstrecken, verschwimmen Film und Wirklichkeit zu einer dämmrigen Melange. Auf der Leinwand rennt ein Dieb um sein Leben: in jenen Gassen, die im Hintergrund von den letzten Sonnenstrahlen erhellt werden. Die Gasse öffnet sich vor einem windschiefen Kiosk, in denen die Armen Milch und Brot und einzelne Zigaretten kaufen können.

Davor steht ein Junge. Was wird er tun? Dem Dieb helfen oder ihn seiner gerechten Strafe zuführen? Dem Premierenpublikum stockt der Atem. In solch ein Dilemma sind viele hier schon einmal selbst geraten.

Denn die Premierengäste, das sind hunderte Bewohner von Kibera, Afrikas größtem Slum, der mitten in Kenias Hauptstadt Nairobi wuchert. Sie leben in Hütten aus Lehm und Dreck, mit Wellblech oder Pappe gedeckt, neben stinkenden Kloaken, die einst Bäche waren. Gebannt stehen sie nun vor der aufblasbaren Leinwand, auf der der Junge seine schwere Entscheidung trifft. Manchmal sieht sich einer der Zuschauer selbst auf der Leinwand - "Soulboy", der Film, der auf einer Wiese mitten in Kibera seine Afrika-Premiere feiert, ist wenige Meter von hier gedreht worden. Die Bilder, die Geschichte, die Darsteller, alles stammt von hier.

"Das war das Wichtigste für die Story, dass sie von den Menschen hier kommt und nicht nur über die Menschen gemacht wird", resümiert der deutsche Filmemacher Tom Tykwer. Während er spricht, muss er aufpassen, wohin er tritt: Die Premierenwiese ist eigentlich ein Kollektivklo. "Uns war klar: Wir müssen die erste Aufführung für die Leute machen, die am Film beteiligt waren und darin auftauchen."

Zuerst das Hilfsprojekt

Begonnen hat die Geschichte von "Soulboy" vor eineinhalb Jahren. Tykwer beteiligte sich an einem Hilfsprojekt seiner Freundin. Er tat sich mit einer kenianischen Produktionsfirma zusammen, der kenianische Schriftsteller Billy Kahora schrieb das Drehbuch. Die gerade dreißigjährige Kenianerin Hawa Essuman übernahm gemeinsam mit Tykwer die Regie. Dann wurden die Darsteller gesucht.

"Als ich zum Vorsprechen kam, war schon fast alles vorbei, ich war einer der Letzten", erinnert sich Samson Odhiambo, der im Film die Hauptrolle des 14-jährigen Abi spielt. Zwei Tage später stand er zum ersten Mal in seinem Leben vor der Kamera. "Erst war es ein Schock, aber dann ist mir langsam klar geworden, dass das alles wirklich geschieht." Odhiambo ist in Kibera geboren, den Slum kennt er wie seine Westentasche. Trotzdem, sagt er, war die Rolle Abis ganz anders als sein Leben. "Abi ist total verantwortungsbewusst, das bin ich überhaupt nicht", lacht der Junge. Wenn Abi es schafft, sieben Prüfungen zu bestehen, bekommt sein Vater seine gestohlene Seele zurück: ein Wettlauf gegen die Zeit, eine Art "Lola rennt" im Slum, bei dem Hexenkraft und Magie eine wichtige Rolle spielen. "Ich glaube an Hexerei", gesteht Odhiambo.

Die 16-jährige Leila Dayan Opou spielt Shiku, die Abi - oft gegen seinen Willen - bei seiner Slum-Odyssee beisteht. Freundinnen der kahlgeschorenen Jugendlichen dachten, ihr stehe eine ähnliche Karriere bevor wie Freida Pinto, die mit ihrer Rolle in "Slumdog Millionaire" zum Weltstar wurde. Opou lacht. "Schauspielen macht Spaß, aber ich habe jetzt auch angefangen, Mode zu designen - mal gucken, was ich mit meinem Leben mache."

Schulgebühren bezahlen

Nur ihre nächste Etappe steht fest: "Ich werde das Gymnasium abschließen, dank der Gage von 'Soulboy' kann ich es mir leisten, die Schulgebühren zu bezahlen." Diese Chance haben in Kibera die wenigsten. Auch deshalb wird in dem Film nicht in Englisch, sondern einer Mischung aus Suaheli und Sheng, der örtlichen Gossensprache, kommuniziert: Es ist die Sprache, die in Kibera auch jeder Schulabbrecher versteht.

Tykwers Regisseurin Hawa Essuman hat auf solche Details geachtet. Ein Geben und Nehmen sei die Arbeit mit Tom Tykwer gewesen, sagt sie: "Wir haben viel darüber gesprochen, was wir erreichen wollen, und Dinge dann gemeinsam ausprobiert." Viel Improvisation sei bei dem Budget von knapp sechzigtausend Euro nötig gewesen: "Wir wussten, wir haben kein Geld, und müssen es trotzdem schaffen." Hauptsache war für Tykwer, dass nicht an der Qualität gespart wird. "Wenn man sich 'Soulboy' anguckt, muss man keine Workshopbrille aufsetzen; das ist einfach ein toller Film."

Am Schluss hat Abi es geschafft: sein Vater arbeitet wieder, als sei nichts geschehen. In der Schwärze der Nacht gehen die Zuschauer nach Hause, während sie aufgeregt über den Film diskutieren. "Auch wir im Slum müssen auf unsere Begabungen vertrauen - das finde ich eine tolle Botschaft", sagt Joseph, einer der begeisterten Zuschauer. "Der Film zeigt der ganzen Welt, wie unser Leben aussieht", freut sich Lucy. "Und dass wir trotz allem Heldentaten vollbringen können." Über der selbstbewussten Zuschauermenge weht an diesem Abend ein Hauch von Hollywood. (Marc Engelhardt aus Nairobi / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.4.2010)

 

  • Regisseur Tom Tykwer brachte seinen Film in die Kibera-Slums von Nairobi zurück: "Uns war klar, dass wir die erste Aufführung für die Leute machen, die am Film beteiligt waren."
    foto: engelhardt

    Regisseur Tom Tykwer brachte seinen Film in die Kibera-Slums von Nairobi zurück: "Uns war klar, dass wir die erste Aufführung für die Leute machen, die am Film beteiligt waren."

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