Der Ergänzungsbericht der Audit Services Austria über die Osterfestspiele offenbart brisante Details zu Michael Dewitte
Klaus Kretschmer legte schon seit 1999 Rechnungen – in der Gesamthöhe von 2,4 Millionen Euro.
Salzburg - Die Berliner Philharmoniker sorgen mit ihren Konzerten bei den Osterfestspielen für Standing Ovations. Landeshauptfrau Gabi Burgstaller hingegen, die politisch Verantwortliche, hat nicht sehr viel zum Jubeln, auch wenn, wie berichtet, die neue Struktur für das Festival steht: Der kürzlich fertiggestellte Ergänzungsbericht der Audit Services Austria - er liegt dem 'Standard' vor - zeigt erstmals das gesamte Ausmaß der Malversationen auf. Denn er umfasst die Jahre 1998 bis 2009 - und somit die gesamte FunktionSperiode von Michael Dewitte, der im vergangenen Dezember fristlos entlassen wurde (es gilt die Unschuldsvermutung).
Laut Vertrag hatte Dewitte seit dem Geschäftsjahr 2000/01 Anspruch auf 117.003 Euro per anno. In der Tat aber bezog er weit mehr. Im halben Geschäftsjahr 1997/98 betrug die Überzahlung 5.539,56 Euro, im darauffolgenden bereits 15.543,50 Euro - und so ging es stetig steigend weiter: 37.227,05 Euro im Geschäftsjahr 2002/03, 57.226,54 Euro im nächsten Geschäftsjahr und 76.789,18 Euro im Geschäftsjahr 2006/07.
2007/08 machte die Überzahlung mit 124.828,26 Euro mehr als das doppelte des Sollbezugs (eben 117.003,26 Euro) aus. Denn Dewitte genehmigte sich für die Durchführung des zehntägigen Festivals happige Überstundenpauschalen (um die 17.000 Euro pro Geschäftsjahr), Prämien für die Japan-Gastspiele - und zudem seit 2002/2003 fünf Prozent Provision von den Sponsorbeiträgen.
Die Überzahlung betrug insgesamt 663,047,55 Euro, der Schaden für die Osterfestspiele beträgt daher inklusive den Lohnnebenkosten 712.776,12 Euro. Hinzu kommt, dass die Reisekosten von Dewitte zwischen 1999/2000 und 2008/09 von 17.908,94 Euro auf deren 91.138,34 kletterten. Und die Aufwendungen für Repräsentation (Bewirtung, Sponsorenbetreuung, ohne Blumenschmuck) explodierten von 2.091,19 Euro im Geschäftsjahr 1998/99 auf knapp 101.000 Euro in 2005/06.
Inflation an Freikarten
Die Zahl der verkauften Karten hingegen sank von 17.983 in 2001 auf 13.544 in 2005 und 13.786 in 2006. Dementsprechend stieg die Zahl der Frei- und der zum Spottpreis abgegebenen Restkarten: 2001 wurden lediglich 728 Freikarten ausgegeben, 2005 waren es bereits 1886. Fast ein Drittel der Freikarten (konkret 583) ging in jenem Jahr an Dewitte. Für 2006 fehlen die Aufzeichnungen (warum?), es gab insgesamt 2734 Gratistickets. Und von den 2192 Freikarten des Jahres 2007 wurden 459 unter "Michael Dewitte" reserviert. 2008 gab Dewitte in seinem Namen 26,22 Prozent der insgesamt 1274 Freikarten aus, 2009 knapp 29 Prozent - sprich: 449 der 1550 Freikarten. Der Wert der Karten ist beträchtlich; über die Höhe gibt der Bericht von Audit Services Austria aber keine Auskunft.
Ein Sonderkapitel bildet das European Art Forum (EAF): 1996 hatte Gerard Mortier, der damalige Intendant der Sommerfestspiele, dieses Symposion zum ersten und einzigen Mal organisiert. 2002 bot sich Dewitte, der mit Mortier nach Salzburg gekommen war, an, ein neues EAF auszurichten. VP-Landeshauptmann Franz Schausberger erteilte als geschäftsführender Präsident der Osterfestspiel-Stiftung die Erlaubnis, 35.000 Euro für ein Jahr als zinsenloses Darlehen auf das Konto des EAF zu überweisen - zur Finanzierung von Ausgaben.
Die Schulden wurden nie getilgt: Dewitte ließ sich im ersten Halbjahr 2003 für den Nebenjob 31.432 Euro als Gehalt (samt Lohnnebenkosten 35.666,06 Euro) überweisen. Das Symposion fand allerdings nie statt.
Ähnlich verfuhr Dewitte im Zusammenhang mit dem Japan-Gastspiel 2009: Er gewährte sich eine Prämie von 10.000 Euro - obwohl die Reise abgesagt wurde.
Im Jahr zuvor waren die Osterfestspiele sehr wohl in Japan gewesen: mit Le nozze di Figaro, einer Eigenproduktion der Sommerfestspiele, deren Leistungen voll bezahlt wurden. Klaus Kretschmer, der im Jänner gefeuerte Technikchef der Sommerfestspiele, soll damals doppelt kassiert haben: Er bekam vom Osterfestival zusätzliche 75.680 Euro.
Wie die Audit Services Austria in ihrem ersten, Ende Jänner vorgelegten Bericht darlegte, erhielt Klaus Kretschmer zwischen 2005 und 2009 von den Osterfestspielen 687.191 Euro. Doch die fruchtbringende Zusammenarbeit mit Dewitte begann gleich nach dessen Bestellung: Für die "technische Umsetzung und Beratung Osterfestspiele 2000" stellte Kretschmer am 2. Juli 1999 über seine Firma Techne Multimedia 14.389,22 Euro in Rechnung.
Im Herbst 1999 und im Frühjahr 2000 folgten drei Rechnungen in der Höhe von 588.649,96 Euro - für das "Projektmanagement und die Gesamtdurchführung der Dekorationsanfertigung" in Zusammenhang mit der Oper Simone Boccanegra. Diese Leistungen dürften zum Teil doppelt bezahlt worden sein: Die Sommerfestspiele erhielten laut Jahresabschluss 361.140,48 Euro - für "Kostümherstellung und Dekorationen".
Weitere Aufträge von Dewitte folgten: In Summe flossen an Klaus Kretschmer bzw. „den ihm nahestehenden Firmen" (Move! Multimedia GmbH und Techne Multimedia) 2.395.463,13 Euro!
Die Audit Services Austria prüft nun neuerlich das Sommerfestival: Untersucht wird der Zeitraum 2001 bis 2006. Der Bericht soll zur nächsten Kuratoriumssitzung (am 18. Mai) vorliegen. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2010)