Wenn Ärzte Patienten googeln

31. März 2010, 17:59
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Dass Personalchefs mehr über ihr Gegenüber erfahren wollen, ist bekannt - Aber Ärzte?

Seit es Suchmaschinen gibt, schauen ihre Benutzer nach, was sich über andere Menschen (und sich selbst) so findet - aus Neugier, um sich auf Gespräche vorzubereiten oder auch um Schwachstellen bei anderen zu finden. Aber wie wäre es, wenn Sie wüssten, dass ihre Ärztin oder ihr Arzt Sie gegoogelt hat?

"Knifflige ethische Fragen" für Mediziner

Dieser Frage "Patienten-bezogenen Googelns" ging ein Essay in der Harvard Review of Psychiatry nach und fand "knifflige ethische Fragen" für Mediziner, vor allem im Bereich geistige Gesundheit. Manchmal könne dies ausgesprochen hilfreich sein, schreiben die Autoren und nennen das Beispiel von Menschen, die sich online suizidal äußern. In anderen Fällen konnten bewusstlose Patientinnen dank Suchmaschinen leichter identifiziert und ihre Angehörigen gefunden werden.

Aber es gebe auch reine Neugier, Voyeurismus und einfach Gewohnheit bei der Nutzung von Suchmaschinen. "Wahrscheinlich wären viele Patienten schockiert, dass ihre Ärztin oder Arzt Zeit und Interesse daran hätten, auf diese Weise etwas über Sie in Erfahrung zu bringen" , erklärte David Brendel dem Digits-Blog des Wall Street Journal. "Während sich die einen darüber freuen, dass man auch außerhalb der kurzen Behandlungszeit noch über sie nachdenkt, sehen andere darin ihre Privatsphäre verletzt."

Kein großes Thema

In Österreich sei "Patientengoogeln" in Ärztediskussionen noch kaum thematisiert worden, beschreibt ein in der Geriatrie tätiger Arzt, der mit Rücksicht auf seine Patienten nicht genannt werden will, dem Standard. Er selbst würde "gelegentlich nachschauen, aber weniger die Patienten selbst, sondern ihre Angehörigen, mit denen ich in Kontakt sein will" , erklärt der Mediziner. Hilfreich fand er die Internetsuche in einer konkreten Situation mit einer älteren, "sehr verwirrten" Frau ohne Angehörige, die von sich erzählte, dass sie Sängerin war. "Durchs Googeln fand ich heraus, dass sie eine zu ihrer Zeit in der europäischen Opernprovinz recht bekannte Mezzosopranistin war. Ich brauchte dann nur über Oper, Musik, Böhm, Karajan und Co mit ihr zu reden, und schon war sie zugänglich, geordnet, ruhiger und kommunikativer, hat mir immer wieder Arien vorgesungen." Nachdem er Bilder von einer Produktion mit ihr fand, zeigte der Arzt seiner Patientin diese Fotos, "sie konnte mir alles über die Produktion erzählen" .

Motive

Das deckt sich auch mit der Einschätzung des Harvard Review, der vor allem bei längerfristigen Arzt-Patienten-Beziehungen Nutzen sieht. Ihr Vorschlag: Ärztinnen und Ärzte sollten sich selbst vor einer Personensuche nach den Motiven fragen und auch erwägen, dies mit ihren Patienten zu besprechen. Denn die Ergebnisse könnten sie auch kompromittieren, etwa wenn sie dabei etwas über Tabak- oder Drogenkonsum erfahren und sie vor der Frage stehen, ob die so erhaltene Information in die Patientenakte eingehen soll. Klare ethische Richtlinien fehlen jedoch bisher. (spu, DER STANDARD Printausgae, 1. April 2010)

 

  • Soll Dr. House Google konsultieren?

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